Service

Stichwortsuche

Themen

23.06.2009 / 12:34

Warum das Fernsehen der Kreativität Grenzen setzt

Toma, Elschot, Wulff

Drehbuchschreiben – Lust und Frust

Ein gutes Drehbuch stellt die Basis für einen erfolgreichen Film dar. Doch schon bei der Fragestellung, wie ein gutes Drehbuch auszusehen hat, scheiden sich die Geister. Das Spannungsverhältnis zwischen Drehbuchautoren und Sendervertretern stand beim Internationalen Filmkongress des 21. medienforum.nrw im Zentrum einer hitzigen Debatte, in der es darum ging, welche Gefahren lauern, wenn die kreative Freiheit von Drehbuchautoren durch Quo-tendruck und Formalisierung beschnitten wird.

Luzia Braun, Redakteurin bei der ZDF-Sendung „Aspekte“ und Moderatorin der Experten-Diskussion verwies auf eine US-Studie, die gezeigt habe, dass der Erfolg eines Filmes ganz entscheidend vom Drehbuch abhänge: „Die Regie und die Stars spielen eine wesentlich kleinere Rolle.“ Wie aber entstehen gute Stoffe für Fernsehen und Film? „Es reicht nicht, als Drehbuchautor begeisterungsfähig zu sein, über visuelle Erzählkunst zu verfügen und sein Handwerk zu beherrschen“, konstatierte der Bonner Roman- und Drehbuchautor Markus Stromiedel. Ein Autor benötige einen langen Atem für eine ein- bis dreijährige Buchentwicklungs- und Finanzierungsphase. Zudem müsse er bereit sein, seine Geschichte nach den Vorgaben der Produzenten, Koproduzenten, Verleiher und Fernsehredakteure zu verändern. Das setze viel Selbstbewusstsein voraus, für seine Idee zu kämpfen, selbst wenn die Gefahr drohe, dass ein Drehbuch am Ende unverfilmt bleibe und nur ein Teil des Honorars fließe.

„Den Sendern geht es nur um die Quote“, kritisierte Stromiedel. „Der Drehbuchautor ist austauschbar, denn es ist nicht sein Stil gefragt, sondern nur sein Handwerk.“ Der Roman- und Drehbuchautor berichtete, seine Vision sehe so aus, dass ARD und ZDF zur Hauptsendezeit einen Sendeplatz für fiktionale Stoffe zur Verfügung stellten, auf dem sich die Autoren mit allen Genres und Formaten präsentieren könnten. „Wenn wir einen Sendeplatz dafür frei geben, verlieren wir unsere Zuschauer“, wehrte sich Reinhold Elschot, Leiter der Hauptredak-tion Fernsehspiel und stellvertretender Programmdirektor beim ZDF. Die Autoren müssten an einem arbeitsteiligen Prozess teilnehmen und dürften nicht alles alleine bestimmen. Schließlich seien es häufig die Redakteure und Producer, die dazu beitrügen, dass ein Buch verfilmbar werde. „Neunzig Prozent aller Bücher werden erst nach fünf, sechs Fassungen besser“, urteilte Elschot.

Auch der deutsche Autor und Regisseur Dominik Graf, der kurzfristig seine Teilnahme an der Diskussion absagen musste, bescheinigt dem deutschen Film in einem Keynote-Text, der vorgelesen wurde, dass kaum noch unterschiedliche Formen produziert würden, sondern nur noch Filme zu bestimmten Themen wie Krieg, Krankheit, Beziehungen oder Pubertät. Je seichter ein Stoff sei, desto größer seien seine Realisierungschancen. Gegen solche Formen der Konfektionierung sträubt sich auch die Hamburger Drehbuchautorin Ruth Toma („Solino“, „Emmas Glück“, „Kebab Connection“), die überwiegend Manuskripte für das Kino schreibt und die TV-Branche kritisiert: „Die Fernsehmacher haben ein einfacheres Bild von den Zuschauern, als sie haben müssten.“ Ein Sender müsse erfüllen, was die Zuschauer erwarteten, entgegnete Elschot. „Ich bin dafür bekannt, ein Quoten-Mensch zu sein“, sagte der Mann, der unter anderem dafür verantwortlich ist, dass der ZDF-Montagsfilm sechs bis sieben Millionen Zuschauer erreicht.

„Warum wird das Programm so formalisiert?“, fragte Toma. „Das Fernsehen läuft hinter den Zuschauern hinterher statt sie anzuführen.“ Das Programmschema schaffe Verlässlichkeit, erwiderte Elschot. „Der Zuschauer möchte wissen, was zu einer bestimmten Zeit im Fernsehen läuft.“ Auch die Verwendung von Stereotypen erleichtert im TV-Programm offenbar die Orientierung, was die kreative Vielfalt allerdings einschränkt. Bei bestimmten Formaten müsse die Musik so gewählt sein, dass der Zuschauer sofort das Format erkenne, selbst wenn er erst später in den Film einsteige, erklärte Elschot, warum auch fiktionale Programmelemente bestimmten Formatvorgaben entsprechen müssen.


Bildmaterial

Bilder in Druckqualität (300dpi) zu allen Veranstaltungen des
Medienforum.NRW finden Sie in der Medienbox

Kontakt bei Rückfragen:

Susanne Land
Leiterin Kommunikation

Tel: 0211 - 87 63 60 - 30
sland@lfm-nova.de