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01.07.2010 / 17:41

Folgt auf die Digitalisierung die „Re-Analogisierung“?

Mit der Vielzahl der unterschiedlichen Geräte wie Computer, Smartphone, iPod oder Navigationsgerät wachsen nicht nur die technischen Herausforderungen für die Hersteller. Auch die Kunden müssen sich entscheiden, wofür sie welche Endgeräte nutzen. Beim Einsatz der Technologie spielt stets das soziale Umfeld eine Rolle – und nicht alles, was technisch machbar ist, wird tatsächlich von allen benötigt. Das zeigte ein Experten-Hearing im Rahmen des 22. medienforum.nrw.

„Context is king“, konstatierte Jörg Ruwe. Er ist Geschäftsführer von Sevenval, einem Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, Online-Inhalte für verschiedene Plattformen zur Verfügung zu stellen. Bei allen Anwendungen sei zudem entscheidend, wie die Inhalte abgebildet werden und wie logisch sich diese bedienen lassen.

André Wiegand
, Geschäftsführer des Berliner Beratungsunternehmens Goldmedia, wies darauf hin, dass die Doppelnutzung von aktiven und passiven Medien zunehme. Der Konsument werde immer „Multitasking-fähiger“. Das sei auch die Grundvoraussetzung für den Erfolg von Hybrid-TV, bei dem sowohl klassisches Fernsehen als auch Online-Inhalte auf demselben Bildschirm abgebildet werden können. Hybrid-TV gehört zu den größten Wachstumshoffnungen der Unterhaltungselektronik: In den derzeit 38 Millionen deutschen Fernsehhaushalten würden in diesem Jahr neun Millionen TV-Geräte durch neue ersetzt, darunter befänden sich etwa zwei Millionen internetfähige Fernseher, schätzte Wiegand: „Tendenziell werden immer mehr Web-fähige Fernseher ausgeliefert.“ Wer über einen Internetanschluss verfüge, schließe das Gerät auch an.

Auf Hybrid-TV setzt neuerdings auch Google TV, das über eine Set-Top-Box eine Mischung aus TV-Gerät, Online-Videothek und Personal Video Recorder anbieten soll. Während Google TV zwar hinsichtlich der Systemzuverlässigkeit und seines offenen Standards gut abschneide, sei es im Vergleich zu den Konkurrenzangeboten wie Sony oder HbbTV-Geräten erheblich teurer, berichtete Wiegand. Google setzt mit der neuen Technik auch auf den Boom von Bewegtbildern im Internet. „Das Internet hat das Fernsehen 2010 überholt“, erklärte Jamal Khan, Geschäftsführer von UnityLivestream. Zuletzt sei für das Abrufen von Online-Videos in Deutschland eine Steigerung um 38 Prozent festgestellt worden.
Die rasante digitale Entwicklung, welche unsere komplette Lebens- und Arbeitswelt immer stärker prägt und verändert, hat Jonathan Imme dazu inspiriert, mit seinem Unternehmen „until we see new land“ das Projekt Palomar5 zu starten. Im Rahmen dieser Initiative hat der Unternehmensgründer dreißig Gleichgesinnte aus der ganzen Welt nach Berlin in eine umgebaute Brauerei geholt, um in einem geschlossenen Workshop zu untersuchen, wie sich das Leben in Zukunft vereinfachen lässt. „Dafür sind rund 700 Bewerbungen bei mir eingegangen, unter denen sich sehr unterschiedliche Teilnehmer wie ein Yoga-Lehrer aus Indien oder ein Designer aus den USA befanden“, berichtete Imme und fragte: „Wie digital wollen wir eigentlich leben?“

Er erwarte nach der Digitalisierung der Kommunikationsprozesse nun „eine Phase der Re-Analogisierung“, sagte Imme und verwies darauf, dass bei der digitalen Kommunikation etwa achtzig Prozent der menschlichen Gestik verloren gehe. Er selbst will deshalb alles auf den Prüfstand stellen: „Ich möchte nicht wissen, was sich im Offline-Leben noch digitalisieren lässt, sondern vielmehr, wie wir Schnittstellen schaffen können, die wir nicht wahrnehmen“, befand Imme. Inzwischen sei er selbst sogar davon abgekommen, Musikprogramme zu hören, die auf Algorithmen statt persönlicher Selektion basieren.

Angst vor digitalen Supermächten verspürt der junge Firmengründer jedoch nicht. „Dazu gehe ich zu reflektiert damit um.“ Voraussetzung dafür sei eine entsprechende Medienkompetenz. Deshalb müsse im Bildungsbereich die Netzwerkpolitik ein integraler Bestandteil werden. Bei ihren Schluss-Statements waren sich alle Teilnehmer darüber einig, dass der Mensch auch künftig immer der „Treiber der Nutzer“ bleibe.


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