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01.07.2010 / 17:47

Digitale Selbstbestimmung im Netz

Nutzen die Menschen das Internet oder werden sie ausgenutzt? – Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Panel-Diskussion des 22. medienforum.nrw, bei der Chancen und Risiken von Web 2.0 und Social Networks ausgelotet wurden.

Die Beraterin Sabria David, die gemeinsam mit zwei Kollegen „Das Slow Media Manifest“ (slow-media.net) verfasst hat, stellte einige Thesen zum Umgang mit Social Media in der Geschäftskommunikation auf. Dadurch soll beispielsweise der mündige Umgang mit Medien ebenso gefördert werden wie „Kontexte hinter den Informationen“. So ließen sich etwa digitale Angebote konstruktiv nutzen, um den Kunden Raum für Kritik und Kommentare zu geben, auf die Marketingmanager gezielt reagieren könnten. „Die Blogs dienen als Resonanzraum, um mit den Kunden zu kommunizieren“, schlug David vor.

„Geschlossene Bereiche dürfen nicht analysiert werden“, forderte Yasan Budak, der als Senior Consultant bei der VICO Research & Consulting die Reaktion der Kunden auf bestimmte Produkte untersucht. Er erläuterte, wie das Internet von Unternehmen genutzt werden kann, ohne dass dabei gegen den Willen der Nutzer Daten erhoben werden müssen. So liefere etwa die Netzgemeinde selbst auch Anregungen für Produktoptimierungen. Dem Wunsch einiger Besitzer eines Luxusautos nach einer stufenlos regulierbaren Lenkradheizung für ihr Cabriolet konnte so entsprochen werden. Bei einem Süßwarenkonzern sei von Kunden via Internet die Bio-Herstellung einer Schokolade gefordert worden. „Die Bio-Schokolade wird jetzt produziert“, berichtete Budak. Obwohl die Tafel doppelt so teuer und nur halb so groß sei, fände sie reißenden Absatz. Auch klassische Service-Leistungen könnten via Social Media verbessert werden, empfahl der Berater: „Die Kunden wollen nicht mit einer Hotline telefonieren, sondern wenden sich mit ihren Problemen lieber an ein Forum.“

Online-Marketing und Verbraucherschutz müssen sich durchaus nicht ausschließen. So ständen etwa auch die älteren Zielgruppen den Social Communities durchaus aufgeschlossen gegenüber, erklärte die Beraterin Christiane Schwager, die sich auf die ältere Zielgruppe spezialisiert hat. „Die Silver Economy ist eine aktive Zielgruppe, die bisher kaum jemand im Visier hat, obwohl dies eine Generation mit hohem Bildungsniveau und viel Geld ist“, sagte Schwager.
Schon in zwanzig Jahren sei die Hälfte der Bevölkerung älter als fünfzig Jahre. Für diese Zielgruppe ließen sich Produkte entwickeln wie „Gesundheitstraining mit Google“, schlug Schwager vor. In der kommunalen Daseinsförderung sei es wichtig, das Gemeinwesen zu organisieren und nutzerfreundliche Produkte für alle anzubieten.

„Es geht darum, die digitale Selbstbestimmung zu finden“, forderte Ibrahim Evsan, Gründer des Kölner Unternehmens Up Web Game. „Wir befinden uns mitten in der Innovationsphase.“ Social Media sei erst durch Handys ermöglicht worden. „Die Menschheit hat einen neuen Freund gefunden.“ Von der Social Community-Plattform Foursquare, die sogar offen legt, wo sich ihre Mitglieder gerade aufhalten, habe er sich wieder verabschiedet, nachdem ihn ein Fremder im Restaurant, der verschiedene Informationen über ihn besaß, zwei Stunden belästigt habe, zeigte Evsan die Grenzen vieler Dienste auf, die nicht unbedingt der Selbstbestimmung dienen.

Igor Schwarzmann, der als Trendscout bei der Kommunikationsberatung Ketchum Pleon arbeitet, testet schon heute Anwendungen, die erst morgen Realität werden. Auch er hat oft Zweifel, ob alles Neue wirklich nur mehr Freiheiten mit sich bringt. „Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich immer schneller“, konstatierte Schwarzmann. „Doch was ist mit der Privatsphäre? Wie bekomme ich die Kontrolle?“

Auch das sogenannte Internet of Thinking stößt nicht unbedingt auf ungeteilte Zustimmung. Inzwischen würden selbst Kühlschränke mit einem Betriebssystem wie ein Smartphone ausgestattet, erklärte Schwarzmann. „Die Menschen möchten selbst einkaufen gehen“, versicherte der Trendscout: „Sie möchten nicht, dass ihr Kühlschrank alles für sie bestellt.“ Ibrahim Evsan plädiert dafür, enger mit den Entwicklern zusammenzuarbeiten: „Der Mensch ist die Innovation.“


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