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20.06.2007 / 19:02
„Es gibt keinen digitalen Sex”
Die Zukunftswerkstatt, ein neues Angebot des medienforum.nrw, setzte bei ihrer Premiere auf eine enge und intensive Gesprächsatmosphäre. „Wir kommen hier erst raus, wenn weißer Rauch erscheint“, erklärte Prof. Dieter Gorny, Moderator der Werkstatt.
Ein großer Tisch in der Mitte, locker platzierte Stühle drum herum, ausreichend Kaffee und Wasser. Die Diskussionsteilnehmer hatten sich versammelt, um über nichts Geringeres als über die digitale Zukunft zu diskutieren. Gesprächsstoff gab es genug. Zum Beispiel folgende Frage: Wenn die Hälfte der Güter bald in den Entwicklungsländern produziert wird, was hat dann die so genannte westliche Welt noch zu tun?
Das ist die Stunde der Creative Industries, meinte Gorny. Zu denen gehöre auch die Medienbranche. Das Verzwickte sei aber, so erklärte der ehemalige Viva-Chef, dass die digitalen Angebote der Zukunft die Wirtschaft nicht von selber antreiben würden. „Es braucht ein verändertes Rezeptionsverhalten“, merkte Gorny an. Und das gibt es schon längst, folgt man den Erkenntnissen von Theresa Kolodzieg. Den jungen Leuten mache die digitale Welt keine Angst, versicherte die Trend Analystin von TrendOne. Im Gegenteil. „Das Leben wird leichter, wenn Mensch und Technologie erst verschmolzen sind“, lautete ihre These.
Was dem einen eine hoffnungsvolle Vision, ist dem anderen purer „Techno-Evangelismus“. Jürgen Krönig, Publizist aus London, wies auf die dunkle Seite des demokratischsten aller Medien hin. „Wir nähern uns der Herrschaft des digitalen Mobs“, kritisierte Krönig aktuelle Online-Entwicklungen. Das meiste, das im Internet stehe, sei Bödsinn. „Ich sehe nur Mittelmäßigkeit, Blog-Gelaber und unansehnliches Heimkino“, kritisierte Krönig.
Die Replik auf Krönigs These war nur dem Anschein nach eine Zustimmung: „Das Netz ist voller Schrott“, bestätigte Till Kreutzer. „Aber wo ist das Problem?“ Das sei wie in der analogen Welt, argumentierte der Rechtsanwalt und Online-Journalist, in der es auch viel Mist gebe. „Aber solange der nicht in meinem Garten liegt, ist mir das egal.“ Mit soviel Pragmatismus blickten nicht alle Diskussionsteilnehmer in die digitale Zukunft. Für den Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), Prof. Dr. Norbert Schneider, waren zwei Aspekte besonders wichtig: „Wem gehört eigentlich was in der digitalen Welt?“, lautete seine erste Frage. „Welche Vorstellungen von Eigentum muss man in der digitalen Welt entwickeln?“, formulierte er als zweite Frage. Aus solchen Ansätzen ließen sich seiner Anscht nach neue Aufgabenstellungen für die Medienaufsicht entwickeln.
Von Nutzern generierte Inhalte, auch das war in der Diskussion zu lernen, sind selten urheberrechtlich geschützt. „Das wollen vieler User auch gar nicht“, erläuterte Till Kreutzer. Trotzdem seien die Gefahren einer totalen Öffentlichkeit im Netz nicht zu unterschätzen. „Die Benutzung von Fotos fremder Internetseiten in eigenen Blogs ist verboten“, erklärte der Rechtsanwalt. Und das sei den wenigsten bekannt.
Frank C. Pörschmann von IBM warf selbstkritisch in die Runde, dass man ja eigentlich angetreten sei, um über die Zukunft zu sprechen. „Stattdessen sprechen wir über unsere Ängste in Bezug auf die Zukunft, wie wir sie uns vorstellen.“ Das sei allerdings symptomatisch. „Ängste hemmen die deutsche Wirtschaft in ihren Entwicklungsmöglichkeiten.“ Die Komplexität des Internets werde immer stärker zu einem Bremsschuh, prognostizierte Pörschmann. „Die Investoren werden durch die Fülle an Möglichkeiten leicht verunsichert.“
Frauke Gerlach, Vorsitzende der LfM-Medienkommission, sieht die Möglichkeiten einer digitalisierten Welt als Chance. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie die Medienaufsicht der Zukunft aussehen sollte.“ Zur Zeit übten die Regulierer ihre reaktive Tätigkeit weitgehend im Verborgenen aus. „Die Medienaufsicht bändigt das Kapital. Passt dieses Konzept auch in Zukunft zu einer Medienanstalt?“, fragte Gerlach. Gearbeitet werden müsse vor allem an der Medienkompetenz der Nutzer. „Wir müssen lernen, grundsätzlich allem zu misstrauen“, forderte die Juristin. Dies gelte umso mehr, als sich im Internet immer mehr Mischformen aus Journalismus und von Nutzer generierten Inhalten bildeten.
„Wir sind die Übergangsgesellschaft“, erklärte Tobias Kirchhofer, Geschäftsführer von der BlueMars Gesellschaft für digitale Kommunikation. Das Alte gäbe es nicht mehr, und das Neue habe man noch nicht richtig verstanden. „Aber die 15- bis 23-Jährige, die kennen diesen Unterschied gar nicht mehr“, urteilte Kirchhofer. Die seien einfach nur enthusiastisch, im Internet in Echtzeit kommunizieren zu können. „Diese Dynamik, die ist nicht zu kontrollieren.“
Nach dreistündiger Diskussion meldete das „Kommunikations-Konklave“ aus der Zukunftswerkstatt „weißen Rauch“ – in Form von acht Thesen, die Gorny vortrug:
• „Der Mensch ist analog.“
• „Es gibt keinen digitalen Sex.“
• „Wir haben ein Überflussproblem.“
• „Wie bewahrt man erkennbare Werte?“
• „Man kann dem Schrott ausweichen.“
• „Im Internet geht Autorität verloren.“
• „Wer findet da überhaupt noch durch?“
• „Keine Angst auf der Reise!“



