Stichwortsuche
Themen
TOP NEWS, Medienforum.Digital
30.06.2010 / 11:42
Debatte über das „Maß des Menschlichen“ im Internet
Internet und Social Communities verändern unser Kommunikationsverhalten und schließlich auch die gesamte Gesellschaft. Zum Auftakt des dritten Kongresstages stritten Experten beim 22. medienforum.nrw darüber, ob die Online-Welt nur ein Spiegel der Gesellschaft sei oder gar eine Gefahr für sie.
Staatssekretärin Dr. Marion Gierden-Jülich vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration wies in ihrer Begrüßung darauf hin, dass junge Menschen ihre Informationen über alles Aktuelle nahezu ausschließlich aus dem Internet gewinnen. Deshalb stellten sich die Fragen nach Verlässlichkeit, Qualität und Seriosität von Online-Inhalten. „Zum Nulltarif lässt sich kein vernünftiger Journalismus machen“, kommentierte Gierden-Jülich die aktuelle Qualitätsdebatte. Außerdem sei eine spezielle Medienkompetenz erforderlich, um im World Wide Web objektive Informationen von subjektiver Interpretation zu unterscheiden. Bei Projekten zur Vermittlung entsprechender Fähigkeiten seien nicht nur Staat und Schulen gefordert, sondern auch Wirtschaftsunternehmen.
Den Ausgangspunkt für eine in der Folge sehr kontrovers geführte Diskussion bildete eine Keynote des amtierenden Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland mahnte, auch im Internet müsse „das Maß des Menschlichen“ gewahrt bleiben. Dies aber sei bei vielen Inhalten und Plattformen des World Wide Web nicht der Fall. Insbesondere fehlten Schutzräume für Kinder und Jugendliche, in denen sie lernen könnten, sich sicher und frei zu entfalten. Schneider kritisierte Gewalt, Pornografie, Selbst-Anonymisierung sowie Ausgrenzung im Internet. Umso energischer forderte er Respekt und die Wahrung der Menschenwürde ein. Eine Zivilgesellschaft müsse entsprechende Regeln schaffen, lautete Schneiders kategorischer Imperativ. Es reiche nicht aus, sich auf Selbstregulierung zu verlassen.
Was Panel-Moderatorin Anke Bruns als eine „hochmoralische Frage“ bezeichnete, stellte für einige Diskussionsteilnehmer auf dem Podium nur ein überschätztes Problem dar: Es existiere kein „Monster-Internet“ wehrte sich Johnny Haeusler. Der Gründer des Berliner Weblogs spreeblick.com kritisierte, meist werde in der Werte-Debatte nur über die „zehn bis zwanzig Prozent Müll“ im Internet geredet. Dabei kämen die positiven Effekte wie Meinungsvielfalt und Demokratisierung zu kurz.
Axel Schmiegelow, Geschäftsführer und Mitbegründer der Community Sevenload (Videos, Bilder und Web TV), vertritt die Ansicht, dass sich in der Online-Welt nur das findet, was auch sonst in unserer Gesellschaft vorkommt. Die Risiken seien also begrenzt. Hingegen übertreffe das Online-Angebot die klassischen Medien sowohl bei der Geschwindigkeit der Informationsverbreitung als auch in punkto Meinungsvielfalt.
Schneider lobte zwar die Chancen der Online-Welt, die mehr Öffentlichkeit und Transparenz schaffen könnte. Zugleich aber warnte er, wichtiger als die Schnelligkeit und Menge von Informationen sei die Orientierungsfunktion, die nur die klassischen Medien gewährleisten könnten, weil sie über entsprechende Filter und Redaktionen verfügten. Schmiegelow ist da anderer Ansicht. Er betonte, zur Orientierung und Meinungsbildung im Internet trügen vor allem die Kommentare anderer Nutzer bei. Es sei außerdem ein Irrtum zu glauben, dass die Verlässlichkeit einer Nachricht allein an ein Trägermedium wie Fernsehen oder Zeitung gebunden sei. Ähnlich argumentierte auch Sarik Weber. Der Managing Director des Finanzierungsunterunternehmens Hanse Ventures betonte, entscheidend sei, dass durch das Internet das „Meinungsmonopol“ etablierter Medien durchbrochen worden sei. Die Vielfalt des weltweiten Datennetzes verhelfe der Gesellschaft zu neuen Ideen.
Dass im Internet dennoch Gefahren lauern, ließen die Bemerkungen erahnen, die Schmiegelow, Weber und Haeusler zum Mediennutzungsverhalten der eigenen Kinder machten. Alle drei Experten betonten, wie wichtig es sei, Kindern nicht unbeaufsichtigt und zeitlich unbegrenzt Zutritt zum World Wide Web zu ermöglichen. Haeusler forderte außerdem, in den Schulen müsse endlich von qualifiziertem Personal eine für die Online-Welt adäquate Medien- und Kommunikationskompetenz vermittelt werden.
Gesellschaftliche und ökonomische Werte hängen im Internet eng zusammen. Umso wichtiger ist eine unabhängige Finanzierung neuer Angebote. Haeusler versicherte, die Werbekunden von spreeblick.com hätten auf Inhalte keinen Einfluss. Weber und Schmiegelow monierten, in Deutschland fehle es an potenten Geldgebern, um neue Angebote aufzubauen. In den vergangenen zehn Jahren seien von vierzig großen Kapitalfonds nur noch etwa 15 übrig geblieben, berichtete Weber, der unter anderem den Börsengang der Community Xing begleitete. Schmiegelow kritisierte, deutsche Venture-Capital-Unternehmen schreckten vor allem vor Mitteln für eine Internationalisierung junger Firmen zurück.



