Lernen von Obamas Online-Offensive - magazin 1/09
Das wäre in Deutschland undenkbar: dreißig Minuten TV-Wahlwerbung zur besten Sendezeit. Da tritt der Spitzenkandidat in der Pose des Staatsmannes auf und wird pseudojournalistisch als fürsorglicher Landesvater in Szene gesetzt. Millionen von US-Amerikanern lernten so sechs Tage vor der Präsidentschaftswahl Barack Obama kennen. Das Info-Commercial wurde bei CBS, Fox und NBC ausgestrahlt. Die Schaltung des teuersten Wahlwerbespots der Welt soll mehr als drei Millionen Dollar gekostet haben.
Täglich 3.000 TV- und Radio-Spots
Das TV-Porträt war nur ein kleiner Teil der politischen PR-Lawine, die Barack Obama zum Präsidenten machte. Hinzu kamen täglich Tausende kurzer Radio- und TV-Commercials, die bei den großen Networks und lokalen Stationen zu hören oder sehen waren. Das Werbeforschungsunternehmen Nielsen registrierte eine Woche vor der Wahl täglich mehr als 3.000 Fernseh- oder Funk-Spots der Demokraten. Nie zuvor konnte eine Partei oder ein Kandidat in einem Wahlkampf mehr Geld für Öffentlichkeitsarbeit ausgeben als Barack Obama beim Siegeszug gegen John McCain.
In den US-Wahlkampf wurden einschließlich der Vor- und Kongresswahlen 5,3 Milliarden Dollar investiert, so ermittelte das Center for Responsive Politics, eine Nichtregierungsorganisation, die im Auftrag der US-Wahlkommission die finanziellen Beziehungen der Kandidaten prüfte. Das gesamte Spendenaufkommen (inklusive Vorwahlen) konnte im Vergleich zu 2004 insgesamt etwa verdoppelt werden.
Fundraising per Internet
Allein das finale Duell Obama gegen McCain kostete etwa 2,4 Milliarden Dollar. Der neue US-Präsident hatte dank des enormen Spendenaufkommens frühzeitig auf die staatlich bereitgestellten 84 Millionen Dollar, auf die sein republikanischer Gegenkandidat McCain zurückgriff, verzichten können. Stattdessen setzte Obama ganz auf den Erfolg seiner Spendenaufrufe, die schließlich fast 640 Millionen Dollar in die Wahlkampfkasse spülten. McCain verfügte hingegen nur über 360 Millionen Dollar Einnahmen.
Als entscheidender Motor für die Mobilisierung von Spendern, Freiwilligen und Wählern erwies sich das Internet. Millionen von Amerikanern erhielten E-Mails und wurden gebeten, Barack Obama finanziell zu unterstützen. Mit Erfolg: Fast 300.000 spendeten und stellten den Wahlkampf der Demokraten mit Beiträgen zwischen fünf und mehreren hunderttausend Dollar auf eine breite Basis. So konnte Obama fast 300 Millionen Dollar nur für Wahlwerbespots ausgeben, wobei etwa die Hälfte des Betrages mithilfe tausender Kleinstspenden finanziert wurde. „Bitte leiste deine erste Spende jetzt“, wurden Sympathisanten schnörkellos per E-Mail gebeten und konnten gleich online Geldbeträge anweisen. „Deine Unterstützung gibt uns den entscheidenden Schub“, lautete die Botschaft elektronischer Bettelbriefe, die von der heutigen Präsidentengattin Michelle Obama verschickt wurden.
WWW zentrales Wahlkampfmedium
Das World Wide Web und Barack Obama haben traditionelle Wahlkampfmethoden auf den Kopf gestellt. Herrschten früher einfache Stimulus-Response-Modelle vor, die später um eine gezielte Ansprache von Meinungsführern (Two Step Flow) ergänzt wurden, schufen die US-Demokraten nun dezentrale Strukturen mit etwa fünf Millionen politischen Streetworkern. Das World Wide Web diente über die Plattform www.my.barackobama. com (MyBO) dabei als virtuelles Verständigungsmittel und ideologische Plattform, als Online-Sammelbüchse, Datenbank und Einsatzplan.
Die Ergebnisse von Wahlkampfgesprächen wurden elektronisch erfasst und mit vorhandenen empirischen Daten kombiniert. Informationen über Geschlecht, Alter und Wohnort, über Konsumgewohnheiten und den sozioökonomischen Status einzelner Wähler ließen sich vom Unternehmen Strategic Telemetry für das sogenannte Micro-Targeting aufbereiten. Schließlich entstanden Profile über politische Positionen einzelner Wähler, die eine individuelle Wahlbeeinflussung erlauben sollten.
Siegeszug dank Social Software
Insgesamt sammelten Obamas Wahlkämpfer etwa 13 Millionen E-Mail-Adressen und circa vier Millionen Mobilfunkverbindungen. Um Wähler zielgerichtet und effektiv anzusprechen, setzen inzwischen alle amerikanischen Parteien auf die Predictive-Analytics- Software des Herstellers SPSS Inc. Diese Software ermöglicht gezielte und persönliche Mailings, Anrufe oder Hausbesuche.
Dank ausgefeilter EDV-Programme (Voter Contact Tools) wurde beim digitalen US-Wahlkampf wenig dem Zufall überlassen, was vor allem in den sogenannten Swing-Staaten mit wechselnder Parteienpräferenz deutlich wurde. Als beispielsweise in Ohio das Meinungsklima zugunsten von Obama zu kippen begann, riefen etwa 6.500 seiner freiwilligen Helfer in nur einer Woche mehr als 400.000 Wähler an und besuchten etwa ebenso viele zu Hause. Noch wenige Stunden vor der Wahl klingelte bei mehr als einer Million potenzieller Wähler das Telefon, und es meldeten sich Obamas Unterstützer aus ihren Wahlkampfbüros mit einem fröhlichen „Yes, we can“.
Wahlwerbung per Videoclip
Barack Obama hat wie kein anderer Politiker vor ihm das Internet als interaktive Wahlkampfplattform eingesetzt. Die Konzerne Google und Microsoft gehörten dabei mit jeweils mehr als 700 Millionen Dollar zu den wichtigsten Geldgebern des demokratischen Kandidaten. Das World Wide Web spielte aber nicht nur zum Spendensammeln und zur Rekrutierung von aktiven Wahlkämpfern eine zentrale Rolle im US-Wahlkampf.
Egal ob bei MySpace, YouTube, Facebook, Flickr, Twitter oder in Weblogs: Superstar Obama trat überall auf, sogar als Werbefigur auf virtuellen Plakatwänden im Online-Spiel Burnout Paradise. Die Wahlkampfmanager der Demokraten ließen sich von Facebook-Mitbegründer Chris Hughes beraten und setzten darauf, dass Obama-Fans politische Werbebotschaften, die an wichtigen Knotenpunkten des elektronischen Netzes zur Verfügung standen, in alle Richtungen weiterverbreiteten. So mutierte der Slogan „Yes, we can“ zum omnipräsenten kategorischen Imperativ einer Graswurzel- Kampagne. Erstmals wurde das Motto „Spread the World“ als goldene Marketingregel des Web 2.0 in die Sphäre des Politischen übertragen. Der Begriff des Crowdsourcing erhält damit eine politische Dimension.
Web 2.0 als Wahlmotivator
Zur effektiven Graswurzel-Bewegung entwickelte sich auch die bereits 1998 gegründete liberale Initiative MoveOn.org, die regelmäßig republikanische Politiker attackiert. Die linke Lobby-Gruppierung ließ bis zum Wahltag online einen kurzen Videoclip verschicken, in dem eine fiktionale News-Sendung den Sieg von McCain verkündet. Ausschlaggebend seien eine Stimme und die Trägheit eines einzigen Nichtwählers. Natürlich wurde jeweils dem Adressaten der E-Mail die Schuld an Obamas Wahlniederlage gegeben.
Mit der Aktion von MoveOn.org sollten potenzielle Obama-Unterstützer zur Wahlurne getrieben werden. Das Ergebnis dieser Mobilisierungskampagne: Der Link zum 1:37 Minuten langen Videoclip wurde mehr als zwölf Millionen Mal per E-Mail verschickt, und etwa 66 Prozent der wahlberechtigten US-Amerikaner gaben diesmal ihre Stimme ab – eine Rekord-Wahlbeteiligung.
Bedeutungsverlust der Printmedien
Die klassischen Massenmedien – vor allem Zeitungen und Zeitschriften – verloren im US-Wahlkampf an Glaubwürdigkeit und damit auch an Bedeutung, weil Blätter wie die Washington Post oder die New York Times während des Irakkrieges professionellen Journalismus durch Patriotismus ersetzt hatten. Schon damals entwickelten sich kontroverse politische Diskussionen zunächst in den Communitys und Weblogs des Internet. Dort wurden auch im Kampf um das Präsidentenamt viele publizistische Akzente gesetzt.
Online-Publikationen wie die liberale Huffington Post, Politico, der konservative Drudge Report oder Daily Kos verbreiten zwar vor allem Gerüchte und subjektive Einschätzungen, haben aber trotzdem entscheidend zur Repolitisierung zahlreicher ehemals wahlmüder Amerikaner beigetragen. Blogger gelten als meinungsfreudig, Online-Portale als schnelle Kommunikationsmittel und Communitys als basisnah. Kaum eine Aktion der Spitzenkandidaten blieb deshalb bei der Präsidentschaftswahl unbeobachtet oder unkommentiert. So wurden Legenden wie die, dass Hillary Clinton in Sarajevo von Scharfschützen bedroht worden sei, rasch entzaubert und stellten die Glaubwürdigkeit einzelner Akteure in Frage.
Palins Politainment gescheitert
Wie groß der Einfluss von Online-Medien auf den Wahlkampf sein kann, wurde beim (tiefen) Fall der Sarah Palin deutlich: Der konservative, 21-jährige Blogger Adam Brickley hatte die Gouverneurin von Alaska in seinem Weblog (www.palinforvp. blogspot) als Stellvertreterin McCains ins Spiel gebracht. Die Idee wurde schließlich vom Weekly Standard aufgegriffen und populär gemacht.
Nach zahlreichen ungeschickten Auftritten der Ex-Schönheitskönigin tauchten bei YouTube jede Menge Parodien auf, und bei Facebook formierten sich Gegner als Anti-Palin-Gruppen. Was als Überraschungs-Coup geplant war, endete für McCain als Gefahr für das eigene Image. Als die Komikerin Tina Fey in der NBC-Show Saturday Night Live Palin regelmäßig zum Satire-Opfer machte, scheiterte das Politainment-Konzept der Republikaner an einer gefährlichen Mischung aus Online-Opposition und TV-Comedy.
Direkter Online-Draht zum Wähler
Beim Herstellen von Öffentlichkeit für eine symbolische Politik und beim Etablieren von Themen (Agenda-Setting) spielt in Wahlkämpfen das Fernsehen zwar noch immer eine zentrale Rolle. Doch auch bei solchen Prozessen, in denen es vor allem um das Erregen von Aufmerksamkeit geht, wird das Internet zur Gefahr für das Leitmedium Fernsehen. So nutzten etwa sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern die Kandidaten für den Vorwahlkampf nicht etwa das Fernsehen, sondern das Videoportal YouTube, um ihre Kandidatur zu erklären. Früher wählten Parteien die klassischen Massenmedien, um die Wähler zu erreichen. Obama aber ließ eigene Kanäle entwickeln und setzte YouTube, Twitter oder MySpace für seine Zwecke ein.
Doch das Web 2.0 forciert die Kommunikationsprozesse auch auf der Seite der Wähler. Noch während Barack Obama beim Nominierungsparteitag in Denver sein politisches Programm präsentierte, begannen Blogger echte und weniger echte News zu kommentieren und zu kolportieren.
Personalisierung und Emotionen
Das World Wide Web mag bei der politischen Kommunikation einen Paradigmenwechsel zugunsten partizipativ positiver Effekte einleiten. Eines aber hat sich im amerikanischen Wahlkampf auch im Online-Zeitalter nicht geändert: Personalisierung und Emotionalisierung verdrängten sachliche Debatten und harte Fakten. So blieben McCain und Obama den Wählern viele Antworten schuldig. Ihre Positionen im Irakkonflikt wirkten ebenso schemenhaft wie bei Fragen der Gesundheits- und Energiepolitik. Im Mittelpunkt vieler Medienberichte standen nicht etwa sachpolitische Themen, sondern vor allem Fragen nach der Professionalität, der Glaubwürdigkeit und nach den Strategien der Kontrahenten in der politischen Arena.
Kritische Analysen wie die des Online-Magazins Salon.com fanden sich selten im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf des vergangenen Jahres. Umso mehr ging es um die telegene Inszenierung von Politik, was vor allem Obama zu nutzen verstand. Geschickt spielte er die Rolle des bescheidenen Superstars, der vor laufenden Kameras nur selten Aussetzer hatte, während McCain immer wieder mit den Tücken von Teleobjektiven und Telepromptern zu kämpfen hatte.
US-Online-Wahlkampf als Vorbild?
Obamas erfolgreiche Kampagne fasziniert angesichts des Superwahljahres 2009 auch deutsche Wahlkämpfer. In den kommenden Monaten stehen Europawahl und Bundestagswahl sowie acht Kommunalwahlen (unter anderem in Nordrhein-Westfalen) und vier Landtagswahlen (in Brandenburg, im Saarland, in Sachsen und Thüringen) an. Bereits Ende August waren im vergangenen Jahr SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, CDU-Verteidigungsexperte Karl A. Lamers und Reinhard Bütikofer, Parteichef von Bündnis 90/Die Grünen, zum Nominierungsparteitag der Demokraten nach Denver geflogen. Der CDU-Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler schaute sich sowohl Obamas Nominierung als auch die des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers John McCain aus nächster Nähe an.
Eins zu eins lasse sich der US-Wahlkampf nicht auf Deutschland übertragen, weil das Internet im Alltag der meisten Deutschen noch nicht eine so große Rolle spiele, sagt Stephan Rebbe. Der Mitinhaber der Werbeagentur Kolle Rebbe, die den CDU-Wahlkampf betreut, war ebenfalls nach Amerika geflogen. Nun versucht er, Elemente der Obama-Show auch in Deutschland umzusetzen. Ende Februar launchte die CDU deshalb einen neuen Online-Auftritt, der auch zum Mitwirken in der Freiwilligenkampagne Team Deutschland aufruft und Links zum Angebot von Videodateien (CDU TV) oder Communitys anbietet.
Neue Angebote zum Dialog
Auch SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel ließ den Online-Auftritt seiner Partei so umkrempeln, dass neue Angebote zum Dialog mit den Nutzern entstanden. Per Mausklick können Unterstützer Geld spenden oder an Live-Fragerunden teilnehmen. Das Netzwerk meineSPD.net soll vor allem junge Wähler ansprechen und mit Blogs und Fotos zur Community ausgebaut werden. Zusätzlich wurde als Anlaufstelle für Unterstützer im Bundestagswahlkampf die SPD-Seite wahlkampf09.de ins Netz gestellt.
Die Grünen setzen darauf, dass ihre Anhänger eine größere Internet-Affinität haben als die Wähler anderer Parteien. Die Nutzung des Web 2.0 im Wahlkampf stelle vor allem einen Imagevorteil dar, konstatierte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, im Interview mit dem Handelsblatt. In Nordrhein-Westfalen sammeln die Grünen über die Homepage mit-mir-wirds-was.de freiwillige Helfer.
Die FDP konnte mit ihrer Community my.fdp.de schnell mehr als 40.000 „Freunde der Freiheit“ gewinnen und pflegt in ihrer Mitmach-Arena Kontakte zu Netzwerkmitgliedern von einer Zentrale namens Freiraum aus, in der 22 Mitarbeiter beschäftigt sind. Das Online-Angebot von Die Linke bietet Web-2.0-Elemente hingegen nur am Rande an.
Traditioneller Wahlkampf überwiegt
Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl machen die Online-Unterstützer aller deutschen Parteien weniger als 0,2 Prozent der Wahlberechtigten aus. Deshalb wird das Internet 2009 – trotz der Bemühungen, Teile des US-Wahlkampfes zu kopieren – für die politische Kommunikation in Deutschland noch keine ähnlich große Rolle spielen wie in Amerika. „Die Parteien glauben immer noch mehr an die Botschaftskontrolle und fürchten sich davor, dass andere eigene Slogans für ihre Kampagne basteln. Ein Kommunikationsverlauf, der bottom-up und nicht top-down verläuft, ist für viele weiterhin ein Horror“, urteilte Politikberaterin Kerstin Phlewe, Vorsitzende des Deutschen Dialogmarketing Verbandes, im Interview mit der Fachzeitschrift Horizont. Die Kommunikation mit den Wählern wird deshalb in Deutschland vorerst auch weiterhin vor allem bei TV-Diskussionen, an Infoständen auf der Straße und bei Wahlkampfkundgebungen organisiert und inszeniert.
Dr. Matthias Kurp, April 2009






