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Verantwortungskultur im virtuellen Raum

Frauke Gerlach, Vorsitzende der Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW (LfM)
Frauke Gerlach, Vorsitzende der Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW (LfM)

Es ist zu vermuten, dass üble Nachrede, also Behauptungen, die geeignet sind, den Betroffenen „verächtlich“ zu machen, schon so lange existiert, wie Menschen in Gemeinschaften zusammenleben.

Die Grenzziehung zwischen Tratsch und Klatsch und einer strafbaren Handlung liegt in der „Kundgabe“, der Möglichkeit also, dass unwahre Tatsachenbehauptungen öffentlich werden.

Worum geht es, wenn Menschen öffentlich beleidigt oder verleumdet werden? Es geht um den Angriff auf die Ehre eines Menschen. Von der „Ehre“ eines Menschen zu sprechen, scheint in Zeiten des World Wide Web antiquiert zu sein. Unsere Rechtskultur versteht unter „Ehre“ den inneren und äußeren Wert eines Menschen. Damit ist seine Würde gemeint, die durch Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes geschützt ist. In den Schutz einbezogen werden soll damit auch die Geltung des Menschen innerhalb der Gesellschaft.

Tatsache aber ist, dass die Möglichkeiten des Netzes denjenigen in die Hände spielen, die namenlos über andere durch Wort und Bild herfallen, sie mobben wollen. Das World Wide Web bietet einen unermesslichen Verbreitungsraum und den Schutz der Anonymität. Das Ausmaß der Folgen solcher Attacken ist für die Opfer unerträglich. Die einschlägigen Strafnormen bieten den notwendigen rechtlichen Rahmen. Aber wie sollen Betroffene und Strafverfolgungsbehörden gegen Unbekannte vorgehen?

Eine Cyber-Polizei, die die private Kommunikation überwacht, ist ein unerträglicher Gedanke. Die Möglichkeit, anonym im Netz zu kommunizieren, ist vor allem dort ein Segen, wo die freie Kommunikation durch staatliche Repressionen beschränkt ist oder wo man seine Person im Netz aus anderen, legitimen Gründen nicht preisgeben möchte.

Anonymität aber ist ein Fluch, wenn Menschen sich feige verstecken, um anderen zu schaden. Es sind Spielregeln im Netz notwendig, es bedarf einer Kultur des Umgangs miteinander. Die Freiheit des Einzelnen im Netz endet eben dort, wo die Freiheit eines anderen beginnt. Verhaltensrichtlinien der sozialen Netzwerke, Selbstverpflichtungserklärungen von Providern und die Aufklärung von Kindern und Jugendlichen sind richtige und notwendige Schritte für die Ausprägung eines Umgangs im Netz, den wir auch im realen Leben anstreben.

Es geht insgesamt um eine Verantwortungskultur auch im virtuellen Raum, und sie betrifft auch die Erwachsenen und jungen Erwachsenen. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, für die Folgen einer Handlung Rechenschaft abzulegen. Der kategorische Imperativ „Veröffentliche nichts über andere im Internet, was du ihnen nicht auch direkt ins Gesicht sagen würdest“ scheint angesichts entgrenzter zwischenmenschlicher Kommunikation, wie sie in einschlägigen Talk-Show-Formaten zu sehen ist, als zu schwach. Diese Maxime ist im Hinblick auf Bilder auch zu eng, da private Bilder nur mit Einwilligung der Betroffenen veröffentlicht werden dürfen. Wie wäre es mit folgender Faustregel: „Veröffentliche nur das, wofür du auch die Verantwortung übernehmen willst.“

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