Cyber-Mobbing: Hasstiraden , Hexenjagd und Hetzkampagnen
Das World Wide Web als virtueller Pranger: Immer häufiger werden Menschen zum Opfer von Beleidigungen und Verleumdung, von Hohn und Spott im Internet. Das sogenannte Cyber-Mobbing verbreitet sich in Communitys und per Mobilfunk. Die Folgen dieses Phänomens sind den meisten kaum bewusst. Die Attacken kamen aus dem Cyberspace und endeten tödlich. Die Waffen wirkten heimtückisch, schleichend und beinahe unsichtbar. Doch sie verfehlten ihr Ziel nicht: Am 2. Oktober 2008 wurde die südkoreanische Schauspielerin Choi Jinsil tot in ihrer Seouler Luxuswohnung aufgefunden, erhängt im eigenen Badezimmer. Die 39-Jährige hatte sich vermutlich umgebracht. Was aber hatte die zweifache Mutter, Serienheldin und „Schauspielerin der Nation“ in den Tod getrieben? Es waren Gerüchte, bösartige Kommentare, Cyber-Terror.
In den Selbstmord getrieben
Die virtuelle Hexenjagd auf Choi Jinsil hatte eingesetzt, nachdem sich einen Monat zuvor eine andere Schauspielerin das Leben genommen hatte. Wenige Tage später verbreiteten Blogger die Nachricht, Choi habe ihre Kollegin gemeinsam mit Kredithaien in den Tod getrieben, als sie verliehenes Geld bei ihr zurückforderte. Prompt begann in Online-Foren und Weblogs eine Hetzkampagne mit böswilligen Unterstellungen, Beschimpfungen und Rufmord. Das Web 2.0 mutierte von der Partizipationsplattform zum Pranger, vom Medium zum Folterinstrument. ###MORE###
Der Fall Choi ist kein Einzelfall für das sogenannte Cyber-Mobbing, das manchmal auch als Cyber-Bullying bezeichnet wird. In den vergangenen beiden Jahren brachten sich in Südkorea ein homosexuelles männliches Model, eine junge Sängerin und mindestens eine weitere Schauspielerin um, nachdem sie sich den anonymen oder unter Pseudonym formulierten Attacken aus dem Schattenreich der Blogosphere nicht mehr gewachsen sahen.
Meinungsfreiheit in Gefahr
Die südkoreanische Regierung hat inzwischen reagiert. Das sogenannte Choi-Jinsil-Gesetz gegen Mobbing im Internet erlaubt Postings nur noch unter realem Namen. Cyber-Gendarmen auf den Polizeiwachen sollen die Einhaltung der Regelung kontrollieren, sodass Kritiker bereits die Meinungsfreiheit in Gefahr sehen. Wer sich inzwischen durch Online-Inhalte persönlich beleidigt fühlt, kann Service-Provider verpflichten, die inkriminierten Inhalte zu löschen.
Auch in Deutschland werden soziale Netzwerke im Internet immer häufiger für gezieltes Mobbing benutzt. Betroffen sind vor allem Schüler und Jugendliche. Wurde früher auf dem Schulhof gelästert, geschieht dies heute im Chatroom, im Webspace von schülerVZ oder MySpace und per Handy. Die aktuelle Studie Jugend, Information, (Multi-)Media des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (JIM-Studie 2008) ergab, dass in Deutschland einer von vier 12- bis 19-jährigen Jugendlichen, denen Communitys gut gefallen, Beispiele kennt, in denen Betroffene online diffamiert wurden. Das Zentrum für empirische pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau stellte bereits vor zwei Jahren bei einer Befragung von mehr als 2.000 Schülern fest, dass sich fast zwanzig Prozent von ihnen bereits einmal als Opfer von Cyber-Mobbing gefühlt hatten.
Virtuelle Beleidigungen
Das Spektrum beim Cyber-Mobbing reicht von öffentlichen Beschimpfungen und Beleidigungen auf Netzwerkseiten (Flaming) bis zu Online-Drohungen, bei denen körperliche Angriffe angekündigt werden (Cyberthreats). Gefälschte Profile lassen Täter zu anonymen Feinden werden. Hassbriefe und regelrechte Hassgruppen bei Portalen wie MySpace, studiVZ, schülerVZ, aber auch bei Facebook haben bereits tausende Opfer von Cyber-Mobbing zur Verzweiflung getrieben. Plötzlich tauchen kompromittierende Fotos im Internet auf oder sogar Bildmontagen, die Hohn und Spott auslösen sollen.
Bilder – egal ob als Schnappschuss oder Video – lassen sich problemlos auch mit einem Handy weiterverbreiten. Per Mobilfunk ist alles möglich: soziale Ausgrenzung, Beschimpfung, üble Nachrede und öffentlicher Pranger. Wird die eigene Handy-Rufnummer unterdrückt, kann auch per SMS ungestraft ein Psychokrieg angezettelt werden. Während früher pubertäres Lästern an den Grenzen des Schulhofes aufhörte, verfolgen Missgunst und Häme, Spott und Drohgebärden die jungen Netzbürger nun überall – sogar in den eigenen vier Wänden am heimischen PC. Hinzu kommt, dass geschriebene Botschaften sich erwiesenermaßen länger im Gehirn verankern als mündliche. Die Folge: Viele Opfer fühlen sich nicht nur verletzt und ausgegrenzt, sondern auch minderwertig. Dann ist der Beginn einer tiefen Depression oft nicht mehr weit.
Gefährliche Anonymität
Aus Scham oder Angst vor weiterer Isolation und Häme schweigen die meisten Opfer von Cyber-Mobbing. Ihr Selbstbewusstsein leidet, sie fühlen sich einsam und manchmal auch physisch krank, haben Angst zu versagen. Suizid-Gedanken sind keine Seltenheit. Eltern und Lehrer betroffener Jugendlicher ahnen meist zunächst nichts.
Warum aber verhalten sich viele Mobber so, als sei das Internet ein rechtsfreier Raum? Wer stundenlang in virtuellen Spielumgebungen künstliche Figuren, die wie Menschen aussehen, vernichtet, vergisst häufig eines: dass nicht alle Aktionen in der virtuellen Umgebung von PC und Internet einem Kampf zwischen Mensch und Maschine gleichzusetzen sind, sondern Gewalt in Communitys sich unmittelbar gegen menschliche Wesen richtet. Hinzu kommt die Anonymität, die es erlaubt, im Cyberspace parasoziale Kommunikation ohne Rücksicht auf fremde Verluste zu riskieren. Wer das Opfer von Beleidigungen und Bedrohungen nicht unmittelbar vor Augen hat und dessen seelische Verletzung nicht mitbekommt, handelt enthemmter als in Situationen der Face-to- Face-Kommunikation.
Strafrechtliche Folgen
Natürlich ist das Internet kein rechtsfreier Raum. Wer online unwahre Behauptungen über andere oder gar Beleidigungen verbreitet, muss mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen – falls er erwischt wird. In jedem Fall sollten Mobbing-Opfer Inhalte, von denen sie sich bloßgestellt oder verletzt fühlen, als Beweise sichern. Anschließend sind Anzeigen gegen unbekannt möglich.
Werden Videos oder Fotos ohne Zustimmung der abgebildeten Person veröffentlicht, werden damit das Persönlichkeitsrecht und das Recht am eigenen Bild verletzt. Betroffene können einen Unterlassungsanspruch geltend machen oder Strafanzeige wegen Verleumdung erstatten. Auch im virtuellen Raum gilt das Strafgesetzbuch, das Beleidigung (§ 185 StGB), üble Nachrede (§ 186 StGB) und Verleumdung (§ 187 StGB) verbietet. Zusätzlich sollten die Betreiber von Communitys, Weblogs oder Foren aufgefordert werden, problematische Inhalte zu entfernen. In Fällen fortgesetzter Beleidigung oder Belästigung per E-Mail, Instant Messenger oder SMS greift unter Umständen das vor zwei Jahren beschlossene Anti-Stalking-Gesetz (§ 238 StGB).
Verhaltenskodex der Marktführer
Allmählich wächst auch in der breiten Öffentlichkeit die Sensibilität für das Thema Cyber-Mobbing. Anfang März unterzeichneten die größten deutschen Communitys (studiVZ, schülerVZ, lokalisten, wer-kennt-wen?) unter dem Dach der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V. (FSM) einen neuen Verhaltenskodex. Damit verpflichteten sie sich, „vor allem junge Nutzer durch technische Maßnahmen vor Missbrauchshandlungen Dritter wie bspw. Cyber-Bullying zu schützen und durch eine verstärkte Aufklärung von Minderjährigen, Eltern und Pädagogen gezielt darauf hinzuweisen, welche Schutzmöglichkeiten bestehen“. Zu dem Maßnahmenkatalog, der bis spätestens Ende Juli umgesetzt werden soll, zählen auch standardmäßig programmierte, strenge Privatsphäre-Einstellungen bei unter 14-Jährigen.
Die Betreiber wollen künftig rechtswidrige Inhalte, also auch Verleumdungen etc., entfernen oder den Zugang dazu sperren, „sobald sie davon Kenntnis erlangt haben“. Dies gilt auch für Cyber-Mobbing, sofern dabei gegen jugendmedienschutzrechtliche und/oder strafrechtliche Bestimmungen verstoßen wird. Hat der Betreiber von Community-Portalen allerdings seinen Sitz im Ausland, sind deutsche Nutzer oft machtlos.
Safer Internet Programm der EU
Im Rahmen des Safer Internet Programmes der Europäischen Union bietet das Online-Portal klicksafe.de seit Anfang des Jahres auch Unterrichtsmaterialien zum Thema Was tun bei Cyber-Mobbing? an. Einige Schulen arbeiten inzwischen an einem Verhaltenskodex für den Umgang mit digitalen Kommunikationsmitteln oder verbannen Handys komplett vom Schulgelände. Auch Mobbing-Beauftragte versuchen bereits, das Thema Cyber-Bullying offensiv anzusprechen.
„Veröffentliche nichts über andere im Internet, was du ihnen nicht auch direkt ins Gesicht sagen würdest“, lautet der kategorische Imperativ, mit dem verantwortungsbewusste Pädagogen Schüler vertraut machen. Darüber hinaus müssen Jugendliche lernen, dass die Online-Welt eben kein rechtsfreier Raum ist.
Kommunikationsfreiheit bedroht
Aufklärung und Prävention sind wichtig, um Cyber-Mobbing nicht zu einer Karriere zu verhelfen, bei der Kommunikation im Schutze vermeintlicher Anonymität zur gefährlichen Waffe wird. Andernfalls werden die Menschenwürde und das Ideal einer Informations- und Kommunikationsfreiheit im Internet bedroht. Alles, was dort erst einmal irgendwann und irgendwo gespeichert wurde, lässt sich praktisch nie wieder komplett entfernen. Wird ein Homepage-Betreiber zur Löschung beleidigender Inhalte gezwungen, können Verleumdungen längst von Dritten kopiert worden sein und später wieder an anderer Stelle des World Wide Web auftauchen.





