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STANDPUNKT // VOM UMGANG MIT DEN NEUEN CASUAL DEVICES

Jost Springensguth
Werner Lauff

Von Werner Lauff, Unternehmensberater, Autor und Moderator

Wir sind ein wenig überrascht. Jahrelang glaubten wir, die Unterscheidung gut zu kennen. Computer standen für anspruchsvolle Aktivität – lean forward. Fernsehen, Bücher, Zeitschriften und Zeitungen waren unkomplizierter Genuss – lean back. Wir hatten zwar Veränderungen erwartet, zum Beispiel irgendwann den Lean-forward-anspruchsvollen- Aktivitäts-Fernseher. Aber an einen Lean-back-unkomplizierten-Genuss-Computer hat kaum jemand gedacht.

Doch nun ist er da. Universell als iPad, leseorientiert als E-Reader, für Hemd- und Handtasche als iPhone oder iPod touch. Wir hätten es eigentlich wissen müssen: Als Nintendos Wii mit einem Bewegungssensor und der Rückkehr zum Einfachen den Spielkonsolenmarkt aufrollte, war dies ein deutliches Indiz für den Siegeszug der Casual Devices. Und der ist unumkehrbar. Schneller Datentransfer, All-inclusive-Tarife, mit Gesten steuerbare Betriebssysteme und, bei Apple und Amazon, zentrale und perfekte App Stores, die superschnell Inhalte ausliefern und verlässlich in Rechnung stellen. Eingebettet in Megatrends: zunehmende Mobilität und Kurzkommunikation, Online first. Diese Kombination ist eine Killer-Applikation.

Bis vor Kurzem war die Zeitung mobiles Medium Nummer 1 – beim Frühstück, in der Bahn, im Büro, im Café. Wir lasen sie dort weniger wegen der Schlagzeilen, die man zuweilen schon vom Vorabend kannte. Aber wegen ihrer Einordnung von Fakten. Wegen ihrer Liebe zum Lokalen. Wegen ihrer Mitteilungen über Menschliches. Wegen ihrer Beiträge zu unserer täglichen Agenda.

Manche meinen, in Zeiten der Lean-back-Computer zähle das nicht mehr. Mag sein: Ein paar Tage lang dominiert die neu erworbene Technik, wird das Medium selbst zur Message. Doch dann wollen wir, dass die Apps, die „Helferlein“, unser Leben bereichern. Wir erwarten vielleicht andere Formen als bisher. Aber unser Bedarf an Inhalten und Service unterscheidet sich nicht. Diese Leistung ist nicht atomisierbar. Wer glaubt, künftig würden alle Themen in Häppchen zerlegt und wir würden uns mal hier und da was rauspicken, der hat nicht verstanden, was lean back bedeutet. Wenn wir ein Casual Device erwerben, optieren wir nicht für mehr Arbeit und Mühe, sondern für mehr Komfort und Bequemlichkeit. Also brauchen wir Unternehmen und Redakteure, die uns genau dies bieten. Niemand kann leeres elektronisches Papier besser füllen als ein Verlag.

Allerdings: „Ein bisschen iPad“ wäre wie ein bisschen schwanger. Nutzer sind anspruchsvoll; die Messlatte liegt hoch. Das betrifft Inhalte, Design und Funktionalität. Interessante publizistische Produkte vertragen keinen Content- Generator und keine Formatierungsautomatik. Sie brauchen menschliches Engagement. Im Gegenzug können die Zeitungen in Sachen Tarifierung mutig sein. Verschämte 79-Cent-Entgelte wären Ausdruck einer fatalen Underdog-Haltung. Apple und Co. haben nicht nur den Markt für eine neue Gerätegeneration geöffnet, sondern remanifestieren, dass journalistische Leistung Geld kostet. Es wurde höchste Zeit.

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