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STANDPUNKT // JOURNALISMUS IM BERMUDA-DREIECK

Jost Springensguth
Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl

Von Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalismus und Medienmanagement/Leiter des European Journalism Observatory an der Universität in Lugano

Die Krise des Journalismus habe „das Ausmaß einer Kernschmelze“ erreicht, schrieb Walter Isaacson, Ex-Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Time kürzlich in einer Titelgeschichte. David Carr, Medienkolumnist der New York Times, hat bereits vor zwei Jahren darüber spekuliert, wie Historiker die heutige Zeit im Rückblick bewerten werden: „Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit werden sie diese Periode der amerikanischen Geschichte examinieren und darüber erstaunt sein, dass der Journalismus verschwunden ist.“

Viele Medienexperten halten es für möglich, dass einige amerikanische Großstädte schon bald ohne ihre Tageszeitung werden auskommen müssen. Ausgerechnet die wohlhabenden und bildungsbürgerlichen Metropolen Boston und San Francisco sind unter den ersten, denen dieses Schicksal widerfahren könnte. Mit den großen Zeitungen droht auch der seriöse Journalismus im Bermuda-Dreieck zu verschwinden.

Das Bild passt, denn beide sind von drei Seiten gleichzeitig massiv unter Druck geraten. Erstens wandern die Leserinnen und Leser scharenweise ins Internet ab. Gewiss, damit mussten die Verlage rechnen, zumal sie ja alles, was sie auf teurem Papier drucken und mit hohen Vertriebskosten zustellen, im Web umsonst anbieten – meist sogar früher und nutzerfreundlicher aufbereitet.

„Alles gratis“ ins Netz gestellt haben die Verlage, weil sie hofften, dass zweitens zusammen mit den Nutzern auch die Werbeeinkünfte von Print ins Internet abwandern würden. Indes sind – einem Report des Project for Excellence in Journalism zufolge – auch hier die Aussichten trübe: „Es zeichnet sich ab, dass die Werbewirtschaft nicht zusammen mit den Konsumenten in den Bereich der Online-Nachrichten übersiedelt. Nachrichtenangebote und Werbung scheinen sich fundamental zu entkoppeln.“

Im Internet herrscht Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen obendrein bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen. „You get lousy pennies on the web“ – dieser Klageruf des Online-Pioniers Hubert Burda könnte ebenso gut von einem amerikanischen Verlagsgewaltigen stammen. Vor allem das Geschäft mit den Kleinanzeigen, das in den USA noch vor wenigen Jahren vierzig Prozent der Werbeeinkünfte der Zeitungsverlage ausgemacht hat, bricht in schwindelerregendem Tempo weg:

Dem dritten Eckpunkt des Bermuda-Dreiecks wird in der Fachdiskussion um die Zeitungszukunft am wenigsten Beachtung geschenkt. Kaum ein anderer Wirtschaftszweig wurde in den letzten Jahren so hochgerüstet wie die Public- Relations-Branche. In den USA steht eine Armada von mehr als 243 000 PR-Menschen inzwischen nur noch etwa 100.000 Journalisten gegenüber. Damit werden die Einfallstore für Öffentlichkeitsarbeit weiter geöffnet, die Redaktionen verwandeln immer öfter per Mausklick Pressemitteilungen von Firmen, Ministerien und sonstigen Interessengruppen ungeprüft in „Journalismus“. Weil das so ist, zweifeln zumindest die klügeren Leserinnen und Leser mehr und mehr an der Glaubwürdigkeit ihrer Medien – und sehen immer weniger ein, dass sie dafür etwas bezahlen sollen. Trübe Aussichten also, diesem Abwärtsstrudel zu entkommen …


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