Standpunkt: Ein Auslaufmodell?

- Jost Springensguth, Chefredakteur der Kölnischen Rundschau
Ob man es will oder nicht: Die Nachfrage nach journalistischen Produkten wird zunehmend nicht allein durch Inhalte, sondern auch durch die Entwicklung technischer Grundlagen mit Auswirkung auf gesellschaftliche Verhaltensweisen beeinflusst. Die Medienwelt entwickelt sich damit wechselweise zusammenhängend in Inhalten und Präsentationsformen. Nicht nur die Informationsaufnahme, sondern gleichzeitig die direkte interaktive Kommunikation prägt zunehmend das Nutzerverhalten. Die Zukunft heißt damit Geben und Nehmen. Daran wird sich der Journalismus gewöhnen müssen. Der Umgang mit den Medien aller Art verändert sich besonders seit Mitte der 90er-Jahre in dramatischen Umbrüchen. Die junge Generation des letzten Jahrzehntes ist im Medienkonsum schon nicht mehr vergleichbar mit der Jugend, die sich jetzt in die Mediennutzung der Erwachsenenwelt hineinentwickelt. Selbst junge, aber schon erfahrene Online-Journalisten reiben sich die Augen, wenn sie hinter einem oder einer 15-Jährigen stehen und das Informations- und Unterhaltungsverhalten an Tastatur, Maus und Schirm beobachten. Das kann nicht ohne Auswirkung auf Inhalte und deren journalistische Präsentationsformen bleiben. Erste Erwartung: Beim jungen Bildungsbürger ist weiter Qualität gefragt, sie wird nur anders definiert. Qualität ist damit nicht mehr allein Sache des Journalisten.
Zurzeit gibt es ein Altersgefälle vom regelmäßigen Zeitungsleser bis zum jungen Nichtleser. Der morgendliche Griff zur Zeitung ist nicht mehr selbstverständlich oder sogar Standard im Informationsverhalten. Das belegen Auflagenentwicklungen und Reichweitenmessungen. Man fühlt sich am Morgen zunehmend in einem Portal zu Hause; der erste Blick geht vielleicht auf Spiegel Online oder in das Portal der regionalen Tageszeitung. Selbst die Präsentationsformen der Inhalte entwickeln sich damit zusammenhängend und gleichzeitig unterschiedlich usergerecht im Internet oder nutzergerecht in der Tageszeitung. Die Suche nach dem crossmedialen Königsweg ist noch nicht erfolgreich abgeschlossen. Zweite Erwartung: Es zeichnen sich tief greifende Auswirkungen auf die Nachrichtenarbeit ab. Das Trimmen einer Redaktion auf „Online first“ und das bimediale Arbeiten wird nach allen ersten Erfahrungen Auswirkungen auf die journalistische Qualität haben. Das Kriterium Reichweite wird zwangsläufig in der Bedeutung zunehmen. Aber Qualität wird dann eben anders definiert als in den publizistischen Maßstäben früherer Jahre. Sie ist auch auf das Trägermedium ausgerichtet. Da bleibt das gedruckte Wort in der Tageszeitung etwas Anderes als der schnelle elektronische Schuss. Nur eines wird sich nicht ändern: Die Nachricht muss stimmen; die Tiefe ist ein eigenes Kriterium.
Trösten wir uns. Es war schon immer so, dass die journalistischen und grafischen Mittel, etwa im Unterschied zwischen Zeitschriften und Zeitungen, auf das jeweilige Medium auszurichten waren. Es sind nur neue Mediengattungen hinzugekommen, die einerseits mehr Vielfalt bringen, andererseits aber die tradierten Medien noch stärker unter Druck setzen werden – auch in der Definition journalistischer Qualität. Die grundlegenden Qualitätskriterien aber bleiben unverändert: die Sprache, die Themen, die Bilder, die Überraschung, die Tiefe, die Sensation oder die schlichte wirklichkeitsgenaue Schilderung. Die einzelnen Merkmale sind nur neu in unterschiedlicher Gewichtung dem jeweiligen Medium zuzuordnen. Der Erfolg wird bei jedem Markenartikel durch die Qualität der entsprechenden produktbezogenen Kriterien bestimmt. Auf journalistische Produkte übertragen sollten das unverwechselbare Eigenschaften wie Aktualität, Genauigkeit, sprachliche Klarheit oder Nutzerfreundlichkeit bleiben. Das sind wichtige Grundlagen, die – gepaart mit Stärken in der Recherche und in der Präsentation – in der Summe als Maßstab des Erfolgs weiter gelten werden.
Wenn es die Sorge um den Qualitätsjournalismus gibt, dann geht sie auch vom Nutzer aus. Er nimmt nur das in die Hand, was ihm zusagt; er sieht oder hört sich nur die Sendung an, die ihn interessiert. Das Ausstiegsverhalten eines Zeitungslesers ist gnadenlos. Nicht anders reagiert der Finger auf der Fernbedienung oder auf der Maus. Das heißt, dass der Qualitätsjournalismus marktabhängig bleibt – es sei denn, er ist von den Gesetzen des Marktes öffentlich-rechtlich freigestellt. Geschützte Zonen gibt es darüber hinaus nicht mehr. Qualität wird sich weiter durchsetzen. Deshalb sollte der Journalismus weiter kompromisslos darauf setzen.


