NACHRICHTENAGENTUREN // VOR DER BEWÄHRUNGSPROBE
Das Geschäft mit den Nachrichten wird immer härter. Weil der Kostendruck in Zeiten der Wirtschaftskrise zunimmt, stehen auch die Dienste von Presseagenturen bei vielen Medienunternehmen auf dem Prüfstand. Deshalb kämpfen die Deutsche Presse-Agentur und ihre Wettbewerber um Kunden und neue Konzepte für die Zukunft. „In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein“, berichtete die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am 10. September 2009 um 9.38 Uhr. Außerdem hieß es, in einem Restaurant sei es zu zwei Explosionen gekommen. Um 9.59 Uhr folgte eine weitere dpa-Meldung. Darin stand, ein „Sprecher der Feuerwehr in der Kleinstadt Bluewater an der Grenze zum Bundesstaat Arizona“ habe bestätigt, dass es gegen 23 Uhr Ortszeit in einem Restaurant zwei Explosionen gegeben habe.
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Sieben Minuten später kam dann ein erstes Dementi mit Berufung auf einen kalifornischen Polizeisprecher. Um 10.48 Uhr folgte schließlich die Entwarnung. Später musste die Agentur einräumen, dass sich der angebliche Anschlag gar nicht ereignet hatte.
Bluewater-Desaster bei dpa
Der Bluewater-Fake gehört zu den schlimmsten Fehlmeldungen der dpa. Das angebliche Bombenattentat der deutschen Rapper-Combo „Berlin Boys“ in der amerikanischen Kleinstadt war frei erfunden. Alle Online-Quellen – vom vpk-Video über die Homepages mit Behörden-Telefonnummern bis zu einem Wikipedia-Eintrag über Bluewater – waren so manipuliert worden, dass die dpa-Redakteure in die Irre geführt wurden. Die Agentur war einem PR-Gag auf den Leim gegangen. Der Schauspieler Jan Henrik Stahlberg („Muxmäuschenstill“) hatte sich die Sache ausgedacht, um seinen Film „Shortcuts to Hollywood“ zu promoten. In seinem Auftrag erhielt dpa einen Anruf mit dem Hinweis auf das angebliche Attentat. Die Agentur meldete den erfundenen Selbstmordanschlag und musste sich später zuerst korrigieren und dann entschuldigen.
Der Bluewater-Fall zeigt, wie riskant das Geschäft mit den Nachrichten in Zeiten des Internets ist. Das globale Netz liefert rund um die Uhr Informationen, wird zum omnipräsenten Konkurrenten für Nachrichtenmacher, setzt professionelle News-Agenturen unter Druck und verleitet dpa-Redakteure zu vorschnellen Meldungen. Sechzig Jahre nach ihrer Gründung sieht sich die Deutsche Presse-Agentur einem wachsenden publizistischen und ökonomischen Druck ausgesetzt.
Angst vor Kundenverlusten
Kein anderes Land der Welt verfügt über so viele Nachrichtenagenturen wie Deutschland. Wettbewerber wie die US-Agentur Associated Press (AP), der Deutsche Depeschendienst (ddp) oder die staatlich geförderte Agence France Presse (AFP) bieten zwar weniger, sind aber preiswerter als die dpa. Hinzu kommen Angebote vom Wirtschaftsdienst Reuters, von den kirchlichen Konkurrenten Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) und Evangelischer Pressedienst (epd) sowie vom Sport-Informations-Dienst (SID), der seit 1998 zu AFP gehört. Als Ende 2008 die Mediengruppe WAZ den dpa-Bezug für ihre vier nordrhein-westfälischen Titel kündigte, bedeutete das für die größte deutsche Nachrichtenagentur einen jährlichen Einnahmeverlust von etwa drei Millionen Euro. Vom 23. März bis 3. Mai 2009 verzichtete auch die Ippen-Gruppe für die Hessisch/Niedersächsische Allgemeine in Kassel sechs Wochen lang auf dpa-Material. Anschließend kehrte Ippen zu dpa zurück, konnte nach Angaben der Financial Times Deutschland aber Preisnachlässe durchsetzen. Unklar ist zurzeit noch, ob es bei der Kündigung des Berliner Tagesspiegels bleibt, die Anfang November bekannt wurde.
Die Probleme der dpa sind kein Einzelfall. In den USA haben bereits im vergangenen Jahr mehrere Verlagshäuser – vor allem regionale Zeitungen – die Zusammenarbeit mit AP gekündigt. Auch wenn in Deutschland noch immer 95 Prozent aller verkauften Zeitungen dpa-Meldungen beinhalten, häuften sich im vergangenen Jahrzehnt die Kündigungen. Die Mediengruppe WAZ ist nämlich nicht das einzige Unternehmen, das auf dpa-Meldungen verzichtet. Die Ludwigshafener Rheinpfalz und die Chemnitzer Freie Presse stiegen bereits vor neun Jahren aus den Verträgen aus, vor fünf Jahren folgte die Rheinische Post in Düsseldorf. Stets gaben die Zeitungen an, sie wollten lieber in eigene journalistische Ressourcen investieren, um sich von anderen Medienangeboten zu unterscheiden. Auf Kritik stößt bei einigen Verlagen auch die Tatsache, dass sich statt des umfangreichen, aber teuren Basisdienstes nicht einzelne, modular ergänzbare Themenbereiche buchen lassen.
dpa-Modell in Gefahr?
Im vergangenen Jahr sank der Überschuss von dpa auf 2,9 Millionen Euro. 2006 lag der Jahresüberschuss mit 6,3 Millionen Euro noch mehr als doppelt so hoch. Verluste macht dpa vor allem mit den kostspieligen Landesdiensten, die hauptsächlich für die Regional- und Lokalzeitungen wichtig sind. In diesem Jahr müssen die Gesellschafter auf eine Gewinnausschüttung verzichten. Geschäftsführer Malte von Trotha kündigte angesichts teurer Restrukturierungsmaßnahmen bereits einen Nettoverlust „im mittleren einstelligen Millionenbereich“ an. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier schlug Anfang September im Bundestagswahlkampf sogar ein Stiftungsmodell für den Fall vor, „dass sich das Geschäftsmodell von dpa trotz notwendiger innerer Reformen auf Dauer nicht trägt und sich weitere Gesellschafter abwenden“.
Auch von Trotha sieht das dpa-Modell in Gefahr und reagierte auf die WAZ-Kündigung „mit Unverständnis“. Gegenüber der Frankfurter Rundschau kritisierte er, dass durch den Ausstieg „ein wesentlicher Baustein der Meinungs- und Medienvielfalt in Deutschland in Misskredit“ gebracht werde. Schließlich habe auch die WAZ-Gruppe in den vergangenen sechzig Jahren „nicht unwesentlich“ von der Deutschen Presse-Agentur profitiert. Die dpa ist eine Genossenschaft, die 190 Verlagen und Rundfunkunternehmen gehört, die jeweils maximal 1,5 Prozent der Gesellschafteranteile halten. So sind die meisten Kunden zugleich Gesellschafter der Agentur, die bundesweit fünfzig Büros unterhält und Tag für Tag durchschnittlich 3.500 Texte und 450 Fotos produziert.
Integrierter Newsroom
Die Zeiten des dpa-Wachstums sind vorbei. Die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter sank in den vergangenen acht Jahren um mehr als ein Zehntel auf etwa 800. Trotzdem muss weiter gespart werden. Mit jedem verlorenen Kunden erhöhen sich die Kosten für die übrigen Medienhäuser, die dpa-Meldungen beziehen. Vor allem die großen Abnehmer klagen darüber, dass sich die Preisstruktur an Auflage und Reichweite der Kunden orientiert. So zahlen auflagenstarke Zeitungen mehr als kleinere Blätter. Während manche Heimatzeitung nur wenige tausend Euro pro Monat überweisen muss, kommen für Branchenriesen mehrere hunderttausend Euro pro Monat zusammen. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach kritisierte deshalb Anfang des Jahres, Solidarität dürfe nicht bedeuten, „dass große Zeitungen viel bezahlen, obwohl sie über eigene Korrespondenten verfügen und wenig dpa-Material nutzen, während kleine Zeitungen, die ihren Mantelteil mit dpa bestreiten, weniger zahlen“. Deutschlands größte Presseagentur hat auf die Kritik inzwischen reagiert: Im Oktober bestätigte das Management, der Aufsichtsrat habe „vor Kurzem neue Konditionen für Großabnehmer gebilligt“. Genaueres aber wurde zunächst nicht mitgeteilt. In jedem Fall dürften die dpa-Einnahmen sinken.
Die Erlöse der Agenturen sind zusätzlich bedroht, weil sie mit den Leserverlusten der Zeitungen angesichts der von der Auflage abhängigen Tarife ohnehin schon geringer werden. Um Kosten zu sparen und einen integrierten Newsroom zu schaffen, arbeitet dpa zurzeit mit Hochdruck daran, in Berlin die Führung der Basis- und Multimedia-Dienste, die noch in Hamburg arbeiten, mit denen der Frankfurter Bildredaktion zu bündeln. Dafür sollen Mitte nächsten Jahres 170 Mitarbeiter von Hamburg in die Hauptstadt umziehen, wo bislang schon das Innenpolitik-Ressort seinen Sitz hat. Für diesen Zweck wurden im fünften Stock der Ladengalerie des Springer-Verlages etwa 3.500 Quadratmeter Bürofläche angemietet. Aus Frankfurt sollen dreißig Stellen zur neuen Zentrale verlegt werden. Wenn im nächsten Jahr Chefredakteur Wilm Herlyn, der bereits seit 1991 im Amt ist, von Wolfgang Büchner abgelöst wird, soll die Verzahnung von Text-, Bild-, Audio-, Video- und Grafik-Angeboten weiter forciert werden. Der Umzug könnte teurer werden als erwartet. Schließlich begründete Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff seine dpa-Kündigung damit, mit der neuen Nähe zwischen der Presseagentur und dem Springer-Verlag sehe er die Unabhängigkeit von dpa gefährdet.
Konkurrenz aus dem Internet
„Nur in ihrer inhaltlich vertieften, intelligent verlinkten und multimedial präsentierten Form hat die Nachricht wieder den Rang eines Qualitätsproduktes“, zitierte das Handelsblatt aus einem internen dpa-Papier. Der integrierte Newsroom soll schnelleres und kostengünstigeres Arbeiten ermöglichen. Außerdem möchte Büchner künftig stärker Blogs und Twitter-Meldungen als Ausgangspunkte für Recherchen nutzen. „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass wir nicht mehr nur das Material editieren, das die Kollegen liefern, sondern auch ein Stück weit das ganze Web editieren“, lautet Büchners Devise. Er wechselte im Sommer von Spiegel Online zur Deutschen Presse-Agentur und fungiert noch bis Ende des Jahres als Vize-Chefredakteur.
Büchner und die Bündelung der Aktivitäten in Berlin sollen Deutschlands älteste Nachrichtenagentur für das Internet-Zeitalter fit machen. Die geltende dpa-Satzung verbietet es allerdings, eigene Texte der Redakteure – zum Beispiel über das Internet – direkt an die Leser zu liefern. Deshalb wird die Agentur auch weiterhin damit leben müssen, dass im World Wide Web andere mit den News von dpa Geld verdienen. Deren Meldungen werden nämlich online immer häufiger einfach kopiert und (ohne Quellenangabe) weiterverbreitet.
Auch AP und AFP brauchen Geld
Im Geschäft mit den Nachrichten wird angesichts der Wirtschafts- und Medienkrise immer knapper kalkuliert. Associated Press kündigte im Sommer an, die Tarife um etwa zwanzig Prozent zu senken. Die Genossenschaft von etwa 1.500 amerikanischen Zeitungsverlegern versorgt in Deutschland fast die Hälfte aller Tageszeitungen und hat zuletzt mehrere Büros (Leipzig, Schwerin, Magdeburg) geschlossen. Ende September wurde bekannt, dass der deutschsprachige Dienst von AP zum Verkauf steht. Zu den Interessenten gehörte von Anfang an auch der Deutsche Depeschendienst, der im Juni noch entsprechende Verhandlungen dementiert hatte.
Die Krise im News-Business hat außer AP auch die französische Agentur Agence France-Presse erreicht. Für 2008 wies die AFP zwar 270,9 Millionen Euro Umsatz und 1,3 Millionen Euro Überschuss aus, doch fehlt ihr das Geld für eine multimediale Umstrukturierung. AFP-Präsident Pierre Louette schätzt den aktuellen Finanzbedarf auf 65 Millionen Euro. Deshalb soll die Agentur in eine öffentlich-rechtlich verfasste Kapitalgesellschaft umgewandelt werden. Schon heute bezieht AFP dank der Abonnements verschiedener staatlicher Institutionen mehr als vierzig Prozent ihrer Einnahmen aus öffentlichen Haushalten. Demnächst soll sie direkt einer staatlichen Institution gehören. Französische Agenturmitarbeiter befürchten, dass ihr Arbeitgeber zu einer „Staatsagentur“ wird, und protestierten deshalb Mitte September mit einem mehrstündigen Streik.
Ringen um Unabhängigkeit
„Der Staat kann die Medien nicht stützen und beschützen und sie gleichzeitig als unabhängig bezeichnen“, kommentierte der deutsche AP-Chefredakteur Peter Gehrig im September Modelle, die auf einer staatlichen Unterstützung von Presseagenturen basieren. Zwei Wochen später gab Gehrig bekannt, dass die Verkaufsverhandlungen für die deutsche AP-Tochtergesellschaft kurz vor dem Abschluss stünden. Den Zuschlag soll ausgerechnet dpp, der schärfste Konkurrent der dpa, erhalten. Sollte der Aufsteiger dem Branchenersten weiter Marktanteile abnehmen, könnte Steinmeiers sozialdemokratisches Stiftungsmodell erneut diskutiert werden. ddp-Chefredakteur Joachim Widmann hat dazu bereits eindeutig Position bezogen: „Staatliche Eingriffe in diesen Wettbewerb, etwa durch Stiftungen oder Subventionen, verzerren den Markt, gefährden die Angebotsvielfalt und schränken die journalistische Freiheit ein.“ Auch ein dpa-Sprecher sagte, es gebe „keine Notwendigkeit, über eine solche Stiftung nachzudenken“ – zumindest jetzt noch nicht?





