STANDPUNKT // KONJUNKTURMOTOR UND INNOVATIONSTREIBER

- Andreas Krautscheid
Von Andreas Krautscheid, nordrhein-westfälischer Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien
„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb einst Friedrich von Schiller in seiner Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen. Im 21. Jahrhundert sind digitale Spiele das Medium der Stunde. Sie ermöglichen das Experimentieren mit dem Zufall, erlauben – nicht nur in Rollenspielen – die fantasievolle Verwandlung des eigenen Selbst und fordern ebenso intellektuelle Fähigkeiten wie auch den Gebrauch der Sinne.
Video- und Computerspiele sind längst ein wichtiger Teil unserer Kultur und Gesellschaft. Die Verkürzung der öffentlichen Games-Debatte auf die Gefahren sogenannter Killerspiele oder Ego-Shooter hat eines aus dem Blick verloren: Intelligent konzipierte Video- und Computerspiele können Wissen vermitteln und dazu beitragen, Strategien für Problemlösungen zu entwickeln. Wie andere Medien simulieren Games Wirklichkeit, ermöglichen neue Perspektiven und bringen eine eigene Ästhetik hervor.
Dabei bedarf es natürlich einer speziellen Medienkompetenz, um sich klug, selbstbestimmt und verantwortungsbewusst in den virtuellen Sphären moderner (Online-)Games zu bewegen.
PC und Spielkonsole werden gerade für Kinder und Jugendliche umso wichtiger, je mehr sie als Plattform für Kommunikation, Entertainment und Bildung genutzt werden. Zugleich haben sich Video- und Computerspiele in der Medienbranche zu einem Konjunkturmotor und konvergenten Innovationstreiber entwickelt, der sich sogar auf die TV- und Filmbranche auswirkt.
Der Standort Nordrhein-Westfalen spielt dabei eine wichtige Rolle. Zur Messe Gamescom 2009 pilgerten im August mit 245.000 Besuchern mehr Gäste nach Köln als einen Monat später zur Internationalen Funkausstellung nach Berlin.
Mit mehr als hundert Games-Unternehmen hat mittlerweile jede fünfte Firma aus der Branche ihren Sitz in Nordrhein-Westfalen. Daraus resultieren Arbeitsplätze für 1.750 Angestellte und Beschäftigung für etwa 2.500 Freiberufler. Zwölf Publisher für Computerspiele sind in NRW ansässig, 35 Studios entwickeln hier neue Spiele, und mehr als vierzig spezialisierte Service- und Technologiedienstleister unterstützen Entwickler und Publisher bei ihrer Arbeit.
Natürlich braucht die Branche auch Grenzen und „Spielregeln“. Wir müssen die Wirkungsforschung vorantreiben; wir müssen die verständliche Skepsis von Eltern und Pädagogen mit validen Informationen und guten, starken Angeboten zur Förderung der Medienkompetenz begleiten.
Grundsätzlich bleibt zu prüfen, ob nicht an allen PCs und Konsolen eine Zeitbeschränkung installiert werden kann. Vor allem im Online-Bereich ist eine neue Jugendschutzregulierung erforderlich, weil dort – anders als bei Unterhaltungssoftware, die im Geschäft gekauft wird – keine USK-Kennzeichnungen bzw. Altersfreigaben einzelner Angebote existieren.
Bei neuen Modellen einer regulierten Selbstkontrolle für Online-Angebote reicht es nicht aus, sich international auf dem niedrigsten Niveau zu treffen. Wenn die Games-Industrie insgesamt jedoch einsieht, dass ein strenger Jugendschutz einen Erfolgsfaktor darstellt, wird die öffentliche Akzeptanz für elektronische Spiele weiter steigen.
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