Die Muttergesellschaft des nordrhein-westfälischen Kabelnetzbetreibers Unitymedia darf das baden-württembergische Unternehmen Kabel BW übernehmen. Die Liberty Global Europe Holding erhielt am 15. Dezember vom Bundeskartellamt grünes Licht für die Fusion. Damit versorgt Liberty künftig in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg insgesamt fast sieben Millionen Kabelhaushalte mit TV-Programmen.

Liberty Global Europe gilt als Europas führender Anbieter von TV-Kabelnetzen und ist ein hundertprozentiges Tochterunternehmen des US-Konzerns Liberty Global. Liberty besitzt Kabelnetze in elf europäischen Ländern, darunter Österreich, Belgien, die Tschechische Republik, Ungarn, die Niederlande und die Schweiz. In Deutschland ist nur die Kabel Deutschland Vertrieb und Service GmbH mit etwa 8,7 Millionen TV-Haushalten noch größer. Die jetzt erlaubte Übernahme führt dazu, dass auf der sogenannten Netzebene 3 nur noch zwei große Akteure auf Europas größtem Kabel-TV-Markt existieren: Liberty betreibt alle Rundfunkempfangsstellen (Kabelkopfstationen) und das regionale Netz bis zu den einzelnen Grundstücksgrenzen bzw. Hausübergabepunkten in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg. Kabel Deutschland ist für die Versorgung in allen übrigen Bundesländern zuständig.  

Liberty zahlt 3,2 Milliarden Euro für Kabel BW

Liberty will nun erreichen, was in einem ersten Anlauf vor knapp zehn Jahren nicht gelang: Im Februar 2002 war das Vorgängerunternehmen Liberty Media nämlich mit dem Versucht gescheitert, sämtliche Kabelgesellschaften der Deutschen Telekom zu kaufen. Damals untersagte das Bundeskartellamt die Übernahme, weil es eine „marktbeherrschende Stellung im Endkunden-, Einspeise- und Signallieferungsgeschäft“ befürchtete. Außerdem wollten die Wettbewerbshüter eine proprietäre Decoder-Technik verhindern. Bei der Übernahme von Unitymedia hatte Liberty-Gründer John Malone im November 2009 später mehr Erfolg und zahlte schließlich 3,5 Milliarden Euro. Kabel BW wurde nun mit knapp 3,2 Milliarden Euro bewertet. Diese Summe geht an den skandinavischen Finanzinvestor EQT, der den Wert des Unternehmens innerhalb von fünf Jahren etwa verdreifachen konnte. Kabel BW hat 2,4 Millionen Kunden.

Um die Bedenken des Bundeskartellamtes zu zerstreuen, musste Liberty diesmal eine Reihe von Zugeständnissen machen. Dazu gehören die Aufgabe der Grundverschlüsselung in Nordrhein-Westfalen und Hessen sowie die Verpflichtung, der Wohnungswirtschaft bei großen Wohnanlagen Sonderkündigungsrechte einzuräumen. Das neue Sonderkündigungsrecht betrifft sogenannte Gestattungsverträge bei Wohnimmobilien mit mehr als 800 Wohneinheiten und Restlaufzeiten von mehr als drei Jahren. Außerdem muss Liberty auch anderen Netzbetreibern einen Zugang zu den Wohnanlagen ermöglichen. „Durch die Verpflichtung, große langfristige Verträge mit der Wohnungswirtschaft zu öffnen und weitere vertragliche Rechte sowie die Grundverschlüsselung digitaler Free-TV-Programme aufzugeben, werden die negativen Auswirkungen des Zusammenschlusses kompensiert“, teilte Bundeskartellamt-Präsident Andreas Mundt mit.

Grundverschlüsselung verliert an Bedeutung

Die Landesmedienanstalten hatten bereits vor etwa einem Monat gefordert, Unitymedia müsse für digitale, frei empfangbare Fernsehkanäle die Grundverschlüsselung aufgeben. Sie bedeutet für die Unitymedia-Kabelnetzhaushalte vor allem, dass sie für jedes Empfangsgerät einen Decoder samt Smartcard benötigen und dafür zurzeit in vielen Fällen noch eine monatliche Mietgebühr pro Decoder in Höhe von 3,90 Euro zahlen müssen. Für Kabel-BW-Kunden gilt dies nicht. Darüber hinaus aber verzichten derzeit nur einige kleinere Netzbetreiber in Deutschland auf die grundsätzliche Verschlüsselung ihrer Free-TV-Angebote. Marktführer Kabel Deutschland will auch weiterhin an der Grundverschlüsselung festhalten.

Auch wenn die Entscheidung des Bundeskartellamtes zu einem Duopol auf der Netzebene 3 führt, sind die Rahmenbedingungen und Folgen dieses Beschlusses diesmal völlig anders als noch 2002. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich der Markt nämlich stark verändert. Einerseits haben die TV-Kabelnetze, die früher einmal fast zwei Drittel aller Haushalte versorgten, viele Kunden an den Satelliten verloren und müssen sich inzwischen mit etwa fünfzig Prozent Marktanteil begnügen. Andererseits aber gewinnen Unitymedia, Kabel BW und Kabel Deutschland mit Pay-TV sowie Telefon- und Internetanschlüssen auch neue Geschäftsfelder und Erlösquellen hinzu. Zugleich drohen Telekommunikationsgesellschaften mit breitbandigen DSL-Anschlüssen und IPTV-Paketen in das klassische TV-Geschäft einzudringen. Die Gefahren eines Oligopols der TV-Kabelnetzbetreiber werden also dadurch relativiert, dass via Satellit, DSL und zunehmend auch Mobilfunk (LTE) ähnliche Leistungen angeboten werden.

Matthias Kurp

 

16.12.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in digital,television
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