Im Internet werden YouTube-Kanäle wie Clixoom, Alexibexi, Y-Titty, Albertoson oder Freshaltefolie immer beliebter. Das kalifornische Internet-Videoportal zeigt längst nicht mehr nur laienhaft produzierte Bewegtbilder, sondern auch Inhalte, die weitaus mehr bieten als User Generated Content – und vielleicht schon bald dem klassischen Fernsehen Konkurrenz machen. Von Köln aus versucht das neue Netzwerk Mediakraft jetzt, Millionen von Video-Klicks so zu vermarkten, dass für die Macher höhere Werbeeinnahmen erzielt werden können.

Mittlerweile wird bei YouTube durchschnittlich in jeder Minute neues Material mit einer Gesamtsendezeit von 48 Stunden hochgeladen. Die mehr als drei Milliarden Videoabrufe, die Tag für Tag registriert werden, bieten allmählich genug Spielraum für neue Geschäftsmodelle. Ende Oktober kündigte YouTube mehr als hundert Video-Kanäle an, die bald überall auf der Welt verfügbar sein sollen.

Clixoom

Clixoom sammelt Klicks

Beinahe täglich gehört auch Christoph Krachten zu denen, die ein neues Video auf YouTubes Plattform hochladen. Vor vier Jahren begann er damit, prominente Musiker zu interviewen und diese Interviews ins Netz zu stellen. So entstand 2008 die interaktive Talkshow Clixoom für Video-Interviews mit Stars wie Tim Bendzko, Culcha Candela, Sido oder Thomas D. Große Abrufraten erreichen auch Krachtens Gespräche mit anderen YouTube-Stars wie etwa Videokünstlerin Kathrin Fricke (Coldmirror) oder Fresh Torge (Freshaltrefolie). Außerdem können Nutzer bei Clixoom eigene Fragen stellen oder ihre Kommentare zu den Interviews abgeben.
Pro Monat registriert Clixoom zurzeit zwischen vier und sechs Millionen Unique Video Views. Was ursprünglich als zweites Standbein der kleinen Kölner Produktionsfirma Momento Media gedacht war, hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der erfolgreichsten deutschen YouTube-Kanäle gemausert. Krachten gründete Momento Media 1996 gemeinsam mit Caroline Hengholt. Zusammen entwickelten sie auch die Idee zu einer Online-Talkshow, in der intensiv geführte Interviews in mehrere Teile gegliedert und schließlich häppchenweise ins World Wide Web gestellt werden. Clixoom verfügt über mehr als 200.000 Abonnenten, die automatisch eine Nachricht erhalten, sobald ein neues Video online zu sehen ist. Alle Interviews zusammen wurden bislang mehr als 62 Millionen Mal angeklickt. Allein in der Interview-Rubrik „Fragen-Lotto“ schauten sich Clixoom-Fans bis heute 1,65 Millionen Mal den Teil des Gesprächs an, das Krachten vor zwei Jahren mit Rapper Bushido führte.  

Comedy von Y-TITTY

Mehr als nur User Generated Content

Wer wie Clixoom ins Partnerprogramm von YouTube aufgenommen wird, erhält von Googles Videoportal auch einen Anteil der Werbeeinnahmen. Voraussetzung ist ein Konzept, das eine gewisse Qualität, Reichweite und regelmäßig neue Videos verspricht. Zu den erfolgreichsten Kanälen in Deutschland zählen Angebote wie die von iBlali, Y-Titty, DieAussenseiter (Comedy), Frag die Gurus oder Herr Tutorial (Produkttests) sowie Flying Uwe (Kungfu) oder Albertoson (Beatboxen). Wer die Kanäle von Promi-Imitator The Clavinover oder von Blogger Alexander Böhm, der bei Alexibexi internationale Chart-Hits auf eigenwillige Weise neu interpretiert, anklickt, staunt häufig über das professionelle Niveau vieler Clips.
„Auf den YouTube-Kanälen wird längst mehr geboten als nur User Generated Content“, sagt Christoph Krachten, dessen Interviews jeweils mit drei semiprofessionellen Kameras aufgezeichnet werden. Er kommt vom Fernsehen, war jahrelang TV-Reporter und setzt auf professionelle Schnitttechnik und Interviewführung. Ohne den Druck des Audience Flow erlaube das World Wide Web immer wieder neue Formate und auch längere Interviews, die sich bei Clixoom in Form von Gesprächen organischer als beim auf Quoten fixierten TV-Talk entwickeln könnten. Inzwischen schauen auch TV-Programmmacher fasziniert auf das Phänomen Clixoom. Beim Deutschen IPTV-Award heimste das Projekt einen Preis in der Kategorie „innovativstes Format“ ein.

Authentisch und ohne Maske

Krachten bezeichnet die YouTube-Kanäle als eine Art Casting-Show oder Wettbewerb für Entertainment-Talente. Anders als im Fernsehen könne im Internet viel mehr experimentiert werden. Schließlich sei es einfach nicht so dramatisch, wenn einzelne Clips mal nicht so häufig angeklickt werden. Und noch etwas sei im Internet anders, betont Krachten: „Was wir machen, ist authentisch, ungeschnitten, ohne Maske und ohne abgesprochene Fragen. Außerdem bietet das Internet auch Räum für längere Interviews.“ Das alles werde von Nutzern inzwischen millionenfach honoriert, weil das Netz-Publikum Authentizität und auch ein bisschen Anarchie liebe.
Mit den steigenden Reichweiten werden die YouTube-Kanäle auch für Werbekunden interessant. Zwar veröffentlicht der Mutterkonzern Google für YouTube keine eigenen Zahlen. Mitgeteilt aber wurde immerhin, dass im vergangenen Jahr die Summe der Werbekunden etwa um die Hälfte gestiegen sei. YouTube ist mit seinen Videokanälen längst auf dem Weg zu einem Massenmedium, das für die TV-Branche zur ernsthaften Konkurrenz werden könnte.

Mediakraft für integrierte Videowerbung

In Deutschland, so verriet YouTube, sei die Ausschüttung an die Kanal-Partner 2010 um 200 Prozent gestiegen. Einige YouTuber, wie sich die Kanal-Betreiber selbst nennen, erhalten in diesem Jahr aus den Werbeerlösen fünfstellige Euro-Beträge, ganz wenige könnten sogar erstmals sechsstellige Summen kassieren. Christoph Krachten aber glaubt, dass in den YouTube-Channels noch mehr steckt. Deshalb gründete er gemeinsam mit Jan Schlüter und Spartacus J. Olsson in Köln das Netzwerk Mediakraft, das die Werbevermarktung einer ganzen Reihe von YouTube-Kanälen bündelt. Alle zusammen vereinen schon heute zusammen täglich mehr als vier Millionen Video-Abrufe und weisen nach Mediakraft-Schätzungen „mindestens sechs Millionen Unique User pro Monat“ auf.
Weil YouTube inzwischen auch mit den Reichweiten- und Marktforschungsspezialisten Nielsen und ComScore zusammenarbeitet, will Mediakraft Werbekunden Anfang nächsten Jahres erstmals detaillierte Reichweitendaten präsentieren. Erhebungen durch die deutsche Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) aber seien nicht sinnvoll, erklärt Mediakraft-Geschäftsführer Olsson. Schließlich handle es sich dabei um eine nationale „Insellösung“, während Videoportale eine „internationale Sache“ seien. Mediakraft will außer klassischer Online-Werbung auch in Videos eingebundene Werbeflächen vermarkten. Dabei handelt es sich um Werbeclips, die zum Beispiel im Hintergrund von Moderationen zu sehen sind. Anders als die sogenannten Pre-Roll-Videos, welche den Videodateien vorangestellt werden und Nutzer oft zum Wegklicken animieren, stellen werbende Bewegtbilder, die in Videos eingebettet werden, keine Unterbrechung der eigentlichen Inhalte dar.

„Größter Online-Publisher von Bewegtbildern“

Mit der Firma Produktkraft verfügen die Mediakraft-Gesellschafter auch über eine gemeinsame Tochtergesellschaft, die sich auf Produktplatzierungen spezialisiert hat. Geht das Kalkül von Mediakraft auf, erzielen die Betreiber der im Netzwerk kooperierenden Videokanäle zusätzliche Werbeeinnahmen, an denen auch YouTube beteiligt wird. „Wir sind in Deutschland der größte Online-Publisher von Bewegtbildern“, gibt sich Christoph Krachten zuversichtlich.
Interesse an integrierter Videowerbung und Produktplatzierungen dürften vor allem Markenartikel-Hersteller haben, die sich an jüngere Zielgruppen wenden. Die meisten Nutzer der YouTube-Kanäle sind zwischen 16 und 30 Jahren alt. Für sie prägt YouTube – ähnlich wie es früher MTV und Viva taten – längst eine eigene Jugendkultur mit eigenen Online-Stars. Umso attraktiver ist der neue Markt für die Werbewirtschaft. Sie schätzt am Internet vor allem die kaum vorhandenen Restriktionen für die Gestaltung von Werbung und die geringen Streuverluste, die dank anonymisierter Nutzerprofile weiter reduziert werden sollen.

Matthias Kurp

11.11.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
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