Fernsehen und Internet-Communitys finden auf eine neue Weise zueinander: Über Hashtags, die von den Programmanbietern eingeblendet werden, oder auf speziellen Online-Seiten können Zuschauer von Sendungen über deren Inhalte bei sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook kommunizieren. Das sogenannte Social TV verlängert die Netzwerke in die Fernsehsphären und umgekehrt die TV-Wertschöpfungskette in die Online-Welt.

Weil ohnehin viele Zuschauer TV-Programme und Internetangebote zeitlich parallel nutzen, versuchen immer mehr Programmanbieter interaktive Konzepte für soziale Netzwerke zu realisieren, um so die Zuschauerbindung zu verstärken. In den USA und Großbritannien ist Social TV bereits in größerem Maßstab Realität. Die neuen Plattformen für Internet und Smartphones heißen GetGlue, Miso, Yap.tv, IntoNow, McCheckin oder Waydoo. Sie alle werben um Nutzer, die persönliche Profile anlegen und parallel zum TV-Konsum darüber online Meinungen mit anderen Zuschauern austauschen wollen. Flankiert wird dies alles von digitalen Features, die es erlauben, Kommentare und Bewertungen zu einzelnen Sendungen oder Stars abzugeben.

Yap.tv & GetGlue, Miso & Waydoo

Bei Social TV sollen TV-Zuschauer ihre Ansichten über laufende Fernsehbeiträge austauschen und gegebenenfalls sogar aktiv in Live-Sendungen eingreifen können. Um die Nutzer zum aktiven Austausch anzuregen, bieten Social-TV-Plattformen wie etwa Yap.tv in der Regel auch Begleitinformationen zu einzelnen Filmen oder Formaten an und werden so online zur interaktiven TV-Zeitschrift. Der sich anschließende Meinungsaustausch kann in geschlossenen Benutzergruppen, auf Websites von TV-Programmen oder auch auf öffentlichen Community-Foren stattfinden. Der amerikanische Anbieter GetGlue bietet für die Debatten über TV-Serien, Filme und Bücher sogar ein Bonuspunkte-System an. Die Nutzer erhalten dabei sogenannte Badges, also virtuelle Sticker. GetGlue arbeitet unter anderem mit Fox, Disney, Universal, Sony oder HBO zusammen.

Das kalifornische Unternehmen Miso kooperiert mit dem Pay-TV-Marktführer DirecTV, der Social-TV-Anwendungen gleich in eine Internet- und HDTV-fähige Set-Top-Box integriert hat. Mit der neuen Generation von hybriden Endgeräten, die TV-Monitor und Online-Rechner in einem sind, dürften Social-TV-Anwendungen immer beliebter werden. Längst wurde auch die Welt der Smartphones erobert. So ermöglicht es beispielsweise die deutsche iPhone-App von Waydoo, Freunden etwa via Facebook mitzuteilen, welchen TV- oder Kino-Film man gerade sieht, welche Musik man hört, welchen Roman man liest oder welche Autorenlesung man gerade verfolgt. Hinter dem Modell steckt das erfolgreiche Check-in-Prinzip. Dienste, die – wie etwa Foursquare oder Gowalla – nach diesem System funktionieren, erlauben es mit Hilfe einer Smartphone-Applikation, seinen Aufenthaltsort anderen Community-Mitgliedern virtuell mitzuteilen. Dieser sogenannte Check-in-Vorgang wird dann in einem sozialen Netzwerk veröffentlicht.

Einchecken und diskutieren

„Egal, ob TV, Filme, Kino, Bücher oder Events – mit deinem Check-In zeigst du deinen Freunden, was du gerade machst. Diskutiere, bewerte oder teile Deine Favoriten mit anderen“, heißt es auf der Homepage von Waydoo. Auch mit der amerikanischen Applikation IntoNow können Nutzer virtuell in TV-Sendungen und Filme „einchecken“. Der von Yahoo übernommene Dienst, der als App für iPad, iPhone und iPod Touch angeboten wird, kann sogar durch eigenes „Zuhören“ ermitteln, welche TV-Serie gerade läuft. Dann zeigt er zu einzelnen Folgen gezielt Informationen über Schauspieler etc. an und stellt sie für eine Diskussion mit anderen zur Verfügung. Das Ganze funktioniert allerdings bislang nur für US-Serien in Originalsprache.

In den USA und Großbritannien blenden TV-Programmanbieter häufig eigene Hashtags, also Schlüsselwörter, ein, um im Internet Chats und Individualkommunikation über ihre Massenkommunikation zu initiieren. So erhalten sie in sozialen Netzwerken Feedback, wertvolle Zuschauerkontakte und gegebenenfalls sogar Spielräume für neue Geschäfte. Die Zeiten übersichtlicher Kommunikations- und Businessmodelle sind in jedem Fall vorbei – und die Anbieter von TV-Programmen müssen erkennen, dass Fernsehen keine Einbahnstraße mehr ist: Wer bei Waydoo oder GetGlue erst einmal in Ungnade gefallen ist, muss um sein Image und die Marktanteile kämpfen.

Dr. Matthias Kurp

20.10.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in digital,television
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