Am Sonntag ging in Köln die zweite Gamescom zu Ende und wieder einmal präsentierte sich das in Europa einzigartige Event in Glanz, Bilderflut und voller Lautstärke. Sage und schreibe 275.000 Besucher jeden Alters strömten zwischen dem 17. und 21. August durch die Kölnmesse, um an Testkonsolen, Hardwareständen und in Gamekinos nach neuen Investitionsmöglichkeiten für das private oder geschäftliche Gamesbudget zu suchen – Rekord! Schon im Vornhinein war jedoch klar, dass sowohl in Sachen Hard- als auch Software nicht allzu viel Neues zu sehen sein würde, und so wurde die Gamescom 2011 zur ‚Messe der Fortsetzungen’, die nichtsdestotrotz mit ihren eindeutigen Qualitäten zu begeistern wusste.

 

Fortsetzung folgt…


Große Unbekannte suchte man auf der diesjährigen Gamescom fast vergebens, getunte Game-Sequels und aufpolierte Klassiker fanden sich dagegen en Masse. Die Fanlager aller Genres nahmen die sehr aufwendig inszenierten Previews und Anspielmöglichkeiten für die bald erscheinenden Spieleneuheiten dankbar an, und warteten bis zu 3 Stunden, ehe sie einen Blick auf das neue, ‚bessere Alte‘ erhaschen konnten.
Egal ob Battlefield 3, Assassin’s Creed Revelations, neue Abenteuer von Sonic, Mario und Co., Diablo 3 oder jene Sport-Dauerbrenner, die im Titel stets ein Jahr voraus sind: beim Gang durch die Entertainment Area kam dem Besucher sehr vieles höchst bekannt vor - man hatte es aber noch nie so gut gesehen. Dies gilt zumindest, wenn man nostalgische Gefühle unter Kontrolle hält und der technischen Evolution den Vortritt lässt.
Sobald die Tage wieder kürzer werden, besteht also trotz fehlender absoluter Neuheiten durchaus die Möglichkeit, sich mit aufwendig produzierten Grafikwundern erstklassig zu unterhalten und die bekannten Geschichten weiterzuspielen. Die Gefahr, die Katze im Sack zu kaufen, sollte ebenfalls recht gering sein.

3D, Bewegung und Pädagogisches


Die Gamescom 2011 ließ –wenn auch recht zaghaft-  den Trend zum 3D-Gaming erkennen; ein Zweig, der viel Potential für die Branche bietet, aber zurzeit noch nicht wirklich weit reicht. Mit dem Gameboy Ur-Ur-Ur-Enkel, der neuen „3DS“ Handheld Konsole, wagt sich beispielsweise Nintendo in dieses Feld vor. Auch für PC und Konsole sollte 3D-Gaming in den nächsten Jahren dank der Weiterentwicklung von 3D-Fernsehern und Monitoren an Fahrt gewinnen. Letztlich dürfte aber noch ein wenig Zeit vergehen, bis 3D in großem Umfang von den Produktionsfirmen vermarktet wird und wesentlich mehr Platz auf einer der nächsten Messen einnimmt.

Wenn es um unorthodoxes Videospielen geht, werden wir uns mit Kinect & Co bespaßen dürfen, bis das 3D-Telespiel ausgereift ist. Dies ist keinesfalls abschätzig gemeint: körpergesteuertes Spielen versteht es zweifelsohne, neues Publikum zu begeistern, das stereotype Image des Gamers zu entstauben und gemeinschaftliches, generationsübergreifendes Spielen zu etablieren. Der andauernde Konkurrenzkampf in diesem lukrativen Segment zwischen Pionier Nintendo und den Dauerrivalen Sony und Microsoft sorgte für einen entsprechend hohen Anteil an körpergesteuerter Hard- und Software in den Messehallen. Allerlei hüpfende und tanzende Besucher boten einen auflockernden Kontrast zum gefesselten Blick auf den Bildschirm des klassischen PC- und Konsolenpublikums.

Der Bereich Medienpädagogik wurde in Köln ebenfalls mehr als ausreichend gewürdigt und das Angebot ging weit über den oft beschrienen erhobenen Zeigefinger hinaus. Mit schönen Ideen zur Förderung der Remix-Kultur und selbstständiger Spielprogrammierung zeigte beispielsweise die Initiative Creative Gaming, wie der Übergang vom blinden Konsumenten zum mündigen Spieleanalysten bei Kindern und Jugendlichen spielerisch gelingen kann. Unter fachkundiger Anleitung konnten die Besucher mittels Machinima-Videos selbst Geschichten aus dem Sims-Universum erzählen, oder mit dem Kodu Game Lab eigene Minigames programmieren - sauber durchdachte Medienkompetenzförderung abseits der üblichen Polemik, die von Non-Gamern und Gamern leider noch viel zu oft medial betrieben wird.

Publikumsnah: Ryan Doyle (l.) mit einem neugewonnenen Fan.

Im Schatten der Großen


Der finanzielle Aufwand, mit dem auf der Gamescom von den Branchengrößen geworben wird, dürfte das Jahresbudget manch kleiner Spieleschmieden in den Schatten stellen. Umso  erfreulicher war es, Aussteller wie das Microstudio „Hellogames“ zu finden, die das manchmal überdimensioniert wirkende Konzept der Messe ein wenig umkrempelten. Die sechs jungen Londoner kamen mit wenigen Flatscreens, Konsolen, Roll-Ups und einem Sofa im Gepäck nach Köln, um ihr Werk „Joe Danger“ vorzustellen. Mitten zwischen den Messeprofis von Nintendo und Sega tat sich so eine kleine Insel des naiv-innovativen Arcade-Gamings auf. Ohne lange Schlangen sowie mit direktem Kontakt zum Produktionsteam stand hier der einfache Spaß und der intensive Austausch zwischen Spielern und Produzenten im Vordergrund.
Dies war auch genau der Grund, warum sich das Team entschlossen hat die finanzielle Bürde Gamescom auf sich zu nehmen. Mit professioneller Erfahrung in Behörden wie beispielsweise EA waren die Game-Designer um Creative Director Ryan Doyle besonders motiviert, die Qualitäten eines kleinen Studios zu präsentieren: „Wir wollen den Leuten zeigen, wie viel Spaß es uns macht, Games zu programmieren und genau das tun zu können, was wir wollen“. Für Doyle hat sich der Messebesuch für das drei Jahre alte Unternehmen auf jeden Fall gelohnt: „Es freut mich, dass die Besucher uns auch zwischen den Großen wahrnehmen und sich in unser Spiel verlieben. Es ist toll, dass auch kleine Unternehmen auf einer der größten Spiele-Messen der Welt einen Platz finden.“

Fazit 2011


Obwohl die Gamescom nichts wirklich Neues versprach, konnte man doch mit einem zufriedenen Gefühl nach Hause gehen, denn alle Besucher haben das bekommen, weshalb sie zur Messe gekommen sind: 5 Tage voller High-End Unterhaltung, eine Rekord-Ausstellerzahl, jede Menge kreatives Cosplay, viel Merchandise, unzählige Gimmicks und Give-Aways  und natürlich die Vorfreude auf den Spieleherbst 2011, der noch ein bisschen besser zu werden verspricht als 2010. Es wäre unangebracht, die Gamescom für das zu kritisieren, was sie ist – nämlich ein perfekt organisiertes Megaevent. Aber es wäre doch erfrischend, wenn für 2012 noch mehr kleine Studios gewonnen werden könnten.

24.08.2011 | Beitrag erstellt von Ludwig Grunewald in games
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