Es gibt Geschichten, die wollen einfach erzählt sein. Das Geheimnis um die chiffrierten Tagebücher von Anne Lister ist eine solche. Mitten in der Zeit von Jane Austens England behauptet sich diese gern als erste Lesbierin der Moderne apostrophierte Grundbesitzerin aus Yorkshire gegen jede Erwartung ihres British Regency Umfelds. Sie heiratet keinen Mann, sie lebt mit Frauen zusammen. Sie wird Minenbesitzerin und erklettert Berge. Knapp 50 stirbt sie 1840 auf einer Reise im Kaukasus, wird von ihrer Lebensgefährtin Anne Walker in einer sechsmonatigen Reise einbalsamiert zurück an ihren Geburtsort gebracht und hinterlässt ein 4 Millionen Worte umfassende Tagebuch in 27 Bänden, von dem rund 1/6 in einem Code aus Buchstaben, Algebra und Griechisch gehalten sind, der fast 150 Jahre unentschlüsselt blieb. Was für eine Story!

Es sind die erotischen Details ihrer lesbischen Beziehungen, die der Code enthüllt und die anfangs auch dafür sorgen, dass das Tagebuch unveröffentlicht bleibt. Die gesellschaftliche Bedeutung ihrer detaillierten Lebensbeschreibung reicht aber weit darüber hinaus und hat die UNESCO in diesen Tagen dazu bewegt, Anne Listers Tagebücher in den britischen Teil des Weltdokumentenerbe (Memory of the Worlds) aufzunehmen. Listers Aufzeichnungen über Politik, Wirtschaft, Religion, Bildung, Literatur, Wissenschaft und Medizin zeigten die Auswirkungen der schnellen Industrialisierung aus dem Blickwinkel einer hochgebildeten Frau, urteilte die Kommission. Aber: „It is her comprehensive and painfully honest account of lesbian life and reflections on her nature, however, which have made these diaries unique.”


Genau davon handelt der Film “The Secret Diaries of Anne Lister”, zu dem Jane English das Buch für die BBC Produktion (Regie: James Kent) aus dem vergangenen Jahr geschrieben hat. Als wir den Film über BBC Worldwide für das Festival vorgeschlagen bekommen haben, war die Entscheidung für die Aufnahme des Films in das Programm des Festivals schnell gefallen, weil wir berührt, weil wir von Anfang an fasziniert und sehr beeindruckt waren von dem, was wir sahen. “The Secret Diaries of Anne Lister” ist schon auf über 70 Festivals weltweit mit sehr großem Erfolg zu sehen gewesen. Auch in Köln war das Interesse der Besuchenden gestern Abend sehr groß. Sie erlebten eine exellente Maxine Peak in der Rolle der Anne Lister in einem von Anfang an fesselnden Drama.

Die danach ebenfalls ausgestrahlten BBC-Dokumentation „The Real Anne Lister“ erweiterte das fiktionale Bild der Titelheldin. Sue Perkins, in Großbritannien vor allem als Comedy-Star bekannt, begab sich auf Anne Listers Spuren und ganz besonders ins Gespräch mit Helena Whitbread, die letztlich Listers Code komplett entschlüsselte und die Tagebücher editierte.

Maxine Peak übrigens gilt den Briten als kommende Schauspielerinnen-Hoffnung. In einem sehr schönen Portrait des Guardian verriet sie außerdem, dass sie zur britischen Premiere von The Secret Diaries of Anne Lister bei einem schwul lesbischen Festival nicht allein ging, sondern in Begleitung ihres Vaters – einem inzwischen pensionierten Lastwagenfahrer. Ab 23 Uhr fragte sie den, ob sie sich denn nun auf den Heimweg machen könnten. Er amüsierte sich aber derart köstlich, dass Maxine warten musste, bis er zum Aufbruch bereit war.

Gernot Gehrke

28.05.2011 | Beitrag erstellt von team in mefo inside
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Tags: grosses fernsehen Views: 1337

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