Benedict Cumberbatch und Martin Freeman - die neuen Holmes und Watson der BBC.

Kaum eine Ermittlerfigur ist so populär wie Sherlock Holmes. Ein Remake, das den Klassiker als Reihe in die Gegenwart transportiert, ist nur auf den ersten Blick ein gewagtes Unterfangen. Denn Holmes passt hervorragend ins 21. Jahrhundert. Und verschwunden war er ohnehin nicht wirklich, sondern betätigt sich als Dr. House zwischenzeitlich auf medizinischem Gebiet.

Noch immer hält sich zuweilen das Gerücht, es habe ihn gegeben. So ausgefeilt war der Kosmos, den Arthur Conan Doyle um seine Figur des Sherlock Holmes ersonnen hat, dass der Privatdetektiv mit dem rationalen Vorgehen nicht selten für eine historische Person gehalten wurde. Das Phänomen Sherlock Holmes zieht sich durch die Literatur- und Filmgeschichte. Seit dem vergangenen Jahr ist Holmes wieder bei der BBC präsent und wird in diesem Herbst auch im Ersten zu sehen sein.

Das Konzept der Reihe „Sherlock“, die nach drei Auftaktfolgen in Spielfilmlänge bereits um eine zweite Staffel verlängert wurde: Der Privatdetektiv mit all seinen Wesensmerkmalen wurde in die Gegenwart verlegt. Dort allerdings ermittelt Sherlock Holmes auf neuestem technischen Stand mit Handy und GPS. „Holmes war es gewöhnt, Telegramme zu schicken, und jetzt schreibt er SMS und hat eine Webseite. Er nutzt die Werkzeuge seiner Zeit, so wie er es ursprünglich auch tat“, erklärte Creator Mark Gattis dem Observer. Gattis entwickelte Sherlock gemeinsam mit Steven Moffat, der für die BBC unter anderem die Geschichte von Jekyll und Hyde adaptierte. Gemeinsam schrieben sie bereits für „Doctor Who“.

Sherlock Holmes ist eine typische Figur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, für die in der zunehmenden Industrialisierung Themen wie Wissenschaft, Technik, Rationalität und Empirie eine wesentliche Rolle spielen. Statt Intuition und Gefühl sind Rationalität und wissenschaftliche Verfahren die Grundlage der Ermittlung. So dürfte Holmes auch gut in die heutige Zeit passen: Ein brillanter Ermittler, der mit seinem rationalen Vorgehen Ordnung in die chaotische Welt bringt. Er lässt sich auch als Gegenfigur zur großen Fantasy-Welle voller Wunder und unerklärlicher Phänomene verstehen. Kein Zufall also, dass „Sherlock“ in Zeiten von „Lost“, „Twilight“ und den Zombies aus „Walking Dead“ zurückkehrt.

Es geht bei Holmes nicht um den Verbrecher – sondern lediglich um das Verbrechen als Rätsel. Die Kriminalhandlung bildet den erzählerischen Rahmen. „Verbrechen geschieht, wird vermutet oder geplant und jemand ist an der Aufklärung interessiert“, beschreibt Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger die Essenz der Kriminalgeschichte. So wie Holmes die Wissenschaft verkörpert, steht der Täter als Personifizierung des Rätsels. Beide agieren – der Gesellschaft enthoben – über den Dingen als genialische Gegner, für die die soziale Umgebung zur Kulisse wird. „Im Idealfall entsteht zwischen Holmes und dem Täter so etwas wie ein Schachspiel“, erklärt der Medienwissenschaftler.

Diese Art der Ermittlungsarbeit ist durch die US-Serie „House“ derzeit recht populär. Kein Zufall, denn auch „House“ enthält eine Adaption der Sherlock Holmes-Grundmotive. Die Arzt-Serie ist gespickt mit kleinen und großen Referenzen. House erstellt mit detektivischer  Arbeit auf rationalem Wege seine Diagnosen, lebt außerhalb gesellschaftlicher Konventionen und ist Drogen gegenüber nicht abgeneigt – und das sind nur einige Parallelen zu Holmes. Ein Arzt und ein Detektiv, wie passt das zusammen? „Sehr gut“, sagt Hallenberger, denn Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle war selbst Mediziner. Die Detektiv-Figur basiert auf dessen medizinischem Lehrer – einem Professor, der die Fachwelt mit neuen Diagnosetechniken verblüffte. „’House’ ist also eine Rückführung der Holmes-Figur auf ihren Ursprung, erzählt in der Gegenwart“, konstatiert der Medienwissenschaftler.

Die ursprüngliche und nun wieder zu neuem Leben erweckte Sherlock Holmes-Figur selbst ist überaus populär. Schon eine Deerstalker-Mütze weckt entsprechende Assoziationen – auch wenn Doyle sie nur in einer einzigen Episode erwähnte. Als popkulturelle Ikone mit außerordentlich großer Bekanntheit – vor allem in Großbritannien – reichen zum Teil schon Andeutungen in der Körpersprache der Protagonisten aus, um die Konstellation Holmes/Watson auf den ersten Blick erkennbar zu machen. Neben einem hohen Erwartungsdruck hat die Adaption eines solch bekannten Stoffes für die Macher auch Vorteile, erklärt Gerd Hallenberger: „Man kann mit den Figuren spielen, denn sie müssen in ihrer Struktur nicht neu entwickelt, sondern lediglich übersetzt werden“. Und weil ihn jeder kennt, kann Holmes auch anders aussehen als erwartet.

 

Jochen Voß

18.05.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in television
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