03.01.2011 | Beitrag erstellt von in digital
Das Internet prägt zunehmend unsere Kommunikation und auch die Art, in der wir die Welt wahrnehmen und uns mit ihr auseinandersetzen. Kritiker warnen, unser Gehirn könne die Informationsflut nicht mehr verarbeiten. Gesucht werden Mechanismen, um das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen.
Bei Millionen Deutschen hat es schon geklappt: Sie fanden einen Partner über das Internet. In der Gruppe der 30- bis 50-Jährigen, so zeigen Studien, lernt sich bereits jedes dritte Paar über entsprechende Online-Plattformen kennen. Eine Umfrage des Branchenverbandes Bitkom ergab, dass von knapp 700 befragten Internetnutzern (ab 14 Jahren) 18 Prozent angaben, einen Partner über einen Online-Dienst kennengelernt zu haben.

Erst wird im virtuellen Raum unverfänglich geflirtet, irgendwann funkt es – und plötzlich entsteht aus ein paar Zeilen im World Wide Web eine echte Beziehung. Die amerikanische Soziologin Alicia D. Cast von der Iowa State University in Ames, IA fand heraus, dass sich die Partnerschaften der Online-Dater kaum von anderen unterscheiden. Das Internet, so scheint es, erobert das reale Leben – und auch den Tod: So plant zum Beispiel Focus-Gründer Helmut Markwort einen virtuellen Friedhof. Die Idee für sein „Unsterblichkeitsprojekt“ namens Stayalive ist allerdings nicht neu. Das Portal emodial.de verzeichnet bereits Geburts- und Sterbedaten von 230.000 Menschen und bietet für 19 Euro Trauerseiten an, die an Verstorbene erinnern sollen.
Lebensbegleiter und Lieblingsmedium
Durchschnittlich ist weltweit fast jeder zweite Mensch, der über einen Online-Zugang verfügt, täglich damit beschäftigt, sich in sozialen Netzwerken mit anderen auszutauschen oder sein eigenes Profil zu pflegen. Facebook, MySpace oder auch auf Spezialthemen ausgerichtete Social Communitys sind für viele längst Lebensbegleiter und Lieblingsmedium, Kontakthof und Kummerkasten. Privatsphäre, sagt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, sei nicht mehr zeitgemäß. Alles wird öffentlich und muss öffentlich gemacht werden. Fast scheint es, als verlören alle, die sich und ihre Bedürfnisse nicht virtuell im Social Web verankert haben, an Identität. Mehr als vier Stunden pro Woche verbringen Internetnutzer im weltweiten Durchschnitt damit, Kontakte im globalen Datennetz aufzubauen oder zu pflegen, berichtete das Marktforschungsunternehmen TNS Infratest im Oktober. Bei virtuellen Kontakt- oder Todesanzeigen, bei Freundeslisten und Bildergalerien geht es vor allem darum, sich durch digitale Spuren seiner selbst zu vergewissern. Mitglieder von sozialen Netzwerken wollen sich zeigen, aber nicht wirklich ihr Innerstes preisgeben. Dieses Dilemma ist typisch für die (Selbst-)Kommunikation im digitalen Zeitalter. Dass alles nur einen Mausklick weit entfernt scheint, schafft dauernde Nähe, die wenig Raum lässt für distanzierte Reflexion. Und diese Entwicklung scheint sich nicht aufhalten zu lassen: Enthusiastische Internetpropheten träumen bereits vom Outernet, das uns dank mobiler Online-Endgeräte überall hin begleiten soll.

Vom Internet zum Outernet
Die Wahrnehmung unserer Umgebung wird um kontextabhängige, smarte Ebenen virtueller Kommunikations- und Serviceangebote ergänzt werden“, schwärmen die Trendforscher Thorsten Rehder und Oliver Puhe (TrendOne) von einer „zunehmenden technischen Durchdringung des realen Alltags“. Gemeint sind damit vor allem Entwicklungen, bei denen Smartphones situationsbezogene Services anbieten und so die Wirklichkeit anreichern könnten. Die Augmented Reality (siehe Artikel „Apps und Augmented Reality“) soll schließlich eine Augmented Society schaffen, in der alle immer und überall mit allen und allem vernetzt sind. „Denn im Outernet können Informationen nicht nur der geografischen Lage, sondern auch den demografischen Daten des Nutzers angepasst werden“, versprechen Rehder und Puhe. Galt das Internet lange als Ort und Hort des Weltwissens in einer Informationsgesellschaft, sind die Daten nun ständig im Fluss. Videos und ICQ-Statusmeldungen flackern auf und verschwinden wieder. Twitter- Botschaften und Facebook-Freunde bieten flüchtige Begegnungen. Wikipedia- Wissen wird ständig aktualisiert und korrigiert. Hinzu kommen Weblogs und Podcasts als Miniaturen des Alltags. Alles scheint sich ständig zu verändern, und viele Nutzer fühlen sich längst überfordert. Psychologen bescheinigen manchem Erwachsenen, der bei der Jagd von Bit zu Bit Erschöpfungszustände zeigt und dennoch ständig in Unruhe ist, bereits eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS).
Schaden fürs Langzeitgedächtnis?
Der US-Journalist Nicholas Carr analysiert in seinem Buch mit dem Titel „Wer bin ich, wenn ich online bin… und was macht mein Gehirn solange?“ mögliche Folgen des Online-Konsums für unser Bewusstsein. Auch wenn wir keine E-Mails, SMS-Botschaften oder Twitter-Updates lesen würden, denke ein Teil unseres Gehirns immer darüber nach, was gerade eingetroffen sein könnte, wodurch wir ständig abgelenkt seien. Carr warnt, die Stärkung einer solchen Form von Arbeitsgedächtnis schade dauerhaft dem Langzeitgedächtnis. Auch wenn die meisten Neuropsychologen diese Thesen nicht teilen oder gar belegen können, bleibt doch die Angst vor einem Zuviel an irrelevanten Einzeldaten (Information Overload), die sich nicht mehr sinnvoll zu Weltbildern zusammensetzen lassen. Kulturkritiker wie Carr warnen im Stil Neil Postmans, Online-Medien würden uns auf Dauer das Lesen und Schreiben abgewöhnen, unser Gedächtnis und die Denkfähigkeit untergraben. „Solange die Informationen nur durch einen hindurchlaufen, ohne verarbeitet und verankert zu werden, sind sie nichts wert und verursachen ausschließlich Stress. Dann entsteht kein Wissen, alles bleibt blass“, erklärte der Münchner Professor für Medizinische Psychologie, Ernst Pöppel, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Das Internet, dem ein größerer Vernetzungsgrad zugetraut wird als dem menschlichen Gehirn, scheint immer mehr Menschen zu überfordern. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher bekannte in seinem Buch „Payback“, er sei angesichts des ständigen Googelns, Simsens und Twitterns „den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen“.
Digitale Zerstreutheit
Mobile Endgeräte, die ihre Besitzer dazu anhalten, überall und jederzeit – also auch im Urlaub und nach Feierabend – auf E-Mails zu reagieren, verschärfen das Problem ubiquitärer Dauererreichbarkeit, die keine Schutzzonen mehr zulässt. Die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf verwischen. Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel schrieb erst den Ratgeber „Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle“ und erlebte wenig später dennoch einen Burn-out. In den USA wurden Begriffe wie Constant Multitasking Craziness (CMC) und Attention Deficit Trait (ADT) für den Zustand des pathologischen „Allways-on-Seins“ und daraus resultierender Zerstreutheit im Zuge kommunikativer Überlastung geprägt. Außer den E-Mails beanspruchen vor allem Communitys viel Zeit und Aufmerksamkeit. Mitglieder eines Netzwerkes müssen ständig verfolgen, wer gerade was (über sie) veröffentlicht hat. Auch News-Alerts oder Bookmark-Dienste zwingen Nutzer immer wieder, auf Hinweise und Beiträge anderer zu reagieren. Frank Schirrmacher analysiert kritisch, dass wir unter der Datenflut leiden, zugleich aber von ihr abhängig sind. Er rät deshalb dazu, „Verzögerungen in den Denkprozess einzubauen“ und den „Aufmerksamkeitsmuskel“ zu trainieren. Der Psychologieexperte Pöppel und die Kommunikationswissenschaftlerin Meckel empfehlen, in Bezug auf Telefon und E-Mails kommunikationsfreie Zonen oder Phasen einzurichten. In der Realität aber trauen sich viele Berufstätige kaum noch, sich selbst in den digitalen Sphären Grenzen zu setzen – aus Furcht vor sozialer Isolation oder Unerreichbarkeit.
Auf der Suche nach den Filtern
Die zentrale Herausforderung der Informationsgesellschaft besteht darin, die relevante von der irrelevanten Kommunikation zu unterscheiden. „Es gibt keinen Informationsüberfluss, es gibt nur schlechte Filter“, hält der amerikanische Online-Berater und Autor Clay Shirky all denen entgegen, die über die Informationslawine des World Wide Web mit ihren Social Communitys klagen. Im besten Fall können die sozialen Netzwerke selbst eine wertvolle Filterfunktion übernehmen. Der Austausch von persönlichen Erfahrungen und Meinungen ermöglicht dann die eigene Standortbestimmung. Voraussetzung aber ist, dass sich Communitys von der Selbstdarstellungsfläche zur echten Kommunikationsplattform entwickeln. Solche Tendenzen ließen sich zunächst bei Experten-Blogs erkennen und zeichnen sich inzwischen auch in Social-Web-Foren zu Special-Interest-Themen ab. Einige US-Studien weisen darauf hin, dass Facebook mittlerweile vor allem genutzt wird, um Kontakte zwischen Menschen zu stabilisieren, die sich ohnehin schon gut kennen. Knapp zwei Drittel nutzen das World Wide Web, um den Kontakt zu Freunden aufrechtzuerhalten. Der Informatiker und Computerwissenschaftler Jaron Lanier, der in den 80er-Jahren den ersten Avatar entwickelte, ist weniger optimistisch. Er fürchtet, Social Communitys seien Filter, von denen die reale Welt in immer kleinere Informationshäppchen zerteilt werde. Die Folge seien selbstreferenzielle Kommunikation und Nutzer, die sich an ein künstlich verkleinertes Abbild der Welt gewöhnen, ohne aktiv nach Neuem zu suchen. Lanier, der in seinem Buch „You Are Not a Gadget: A Manifesto“ Bilder einer anonymen Masse von Internetnutzern entwirft, die individuelle Ausdrucksformen aufgeben, hält soziale Netzwerke vor allem für eine gefährliche Spielart des digitalen Kommerzes: Im Grunde gehe es nur darum, Nutzerdaten zu sammeln und zu vermarkten (siehe Artikel „Netzwerke mit Knoten und Löchern“).
Algorithmen für die Augmented Reality
Versagen Medienkompetenz und soziale Filter im Internet, drohen Web- Algorithmen diese Aufgabe vollautomatisch zu übernehmen. Experten für Nutzerprofile und Behavioral Targeting versprechen, die Technik selbst werde uns schon mitteilen, welche Informationen wir benötigen. Amazon gibt Buchtipps unter dem Motto „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch...“, und Google sortiert beim Suchwortranking die Quellen an den oberen Stellen, die unserem virtuellen Nutzerprofil vermeintlich am ehesten entsprechen. Schließlich leiten uns Smartphones durch die Welt, empfehlen uns Restaurants oder lenken unser Einkaufsverhalten. Augmented Reality bedeutet eigentlich, dass Maschinen unsere Welt erweitern sollen. Im schlechtesten Fall aber reduzieren sie mit ihren vollautomatischen Filtern auch ein vielfältiges Angebot, ohne dass uns dies bewusst wird. Karl Olsberg warnt in seinem Buch „Schöpfung außer Kontrolle. Wie die Technik uns benutzt“ davor, die verlockenden Annehmlichkeiten vollautomatischer Rechnerroutinen unreflektiert zu nutzen. Sollte der Autor, der früher einmal Marketing-Chef eines TV-Programmanbieters war, recht haben, würde die digitale Revolution ihre Kinder fressen und Maschinen würden uns zurück in selbst verschuldete Unmündigkeit versetzen. Kants Projekt „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ wäre in diesem Fall ausgerechnet an der „Weltwissensmaschine“ Internet gescheitert.
03.01.2011 | Beitrag erstellt von in digital
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