21.12.2010 | Beitrag erstellt von in digital,television
Deutschlands TV-Kabelnetzbetreiber wollen mit Bandbreiten von mehr als 100 MB it/s zu unverzichtbaren Online-Providern aufsteigen. Im Triple-Play-Poker gewinnen sie allmählich an Beliebtheit. Allerdings zögern viele Kunden noch immer, wenn es um die Umwandlung ihrer analogen in digitale Kabelanschlüsse geht.
Das Kürzel, das für viele in der Kabelbranche zurzeit wie ein Heilsversprechen klingt, heißt DO CSIS 3.0. Die Buchstaben stehen für den Begriff Data Over Cable Service Interface Specification. Dabei handelt es sich um den 1997 geschaffenen Standard für die Datenübertragung in Kabelnetzen, die über einen Rückkanal verfügen. Die 2006 eingeführte Modifikation DO CSIS 3.0 erlaubt auch die Bündelung einzelner Kanäle und ermöglicht dadurch Datenübertragungen von maximal 400 MB it /s. Die drei großen Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland GmbH (KDG), Unitymedia und Kabel BW können einem Teil ihrer Kunden inzwischen bereits Internetzugänge mit bis zu 120 MB it /s anbieten. Bis 2012 sollen etwa zwei Drittel aller Haushalte entsprechende Anschlüsse mieten können. Im Konkurrenzkampf mit den DSL-Angeboten von Telekommunikationsunternehmen haben die TV-Kabelnetze dadurch einen entscheidenden technischen Vorsprung. Schließlich ermöglicht die modernste DSL-Generation Very High Speed Digital Subscriber Line (VDSL) der Telekom AG , die nur in einigen Großstädten verfügbar ist, gerade einmal Bandbreiten von höchstens 50 Mbit /s.
Schwierigkeiten im Stammgeschäft
Bereits seit etwa vier Jahren kämpfen Deutschlands Betreiber von TV-Kabelnetzen darum, mit Triple-Play-Paketen für Fernseh-, Internet- und Telefonanschluss in neue Märkte vorzudringen (siehe Artikel „IPTV soll Triple Play forcieren“ im medienforum.magazin 2/2006). In diesem Jahr werden sie beim digitalen Dreikampf voraussichtlich zum ersten Mal etwa die Hälfte aller neuen Breitbandanschlüsse für sich verbuchen können (siehe Info-Grafik „Nettozuwachs der Breitbandanschlüsse in Deutschland“). Das Erobern neuer Märkte ist auch deshalb wichtig, weil im ursprünglichen Kerngeschäft die Grenzen des Wachstums erreicht sind. Obwohl Milliardenbeträge in die Digitalisierung investiert wurden, verlor etwa KDG im vergangenen Geschäftsjahr rund 200.000 Kabel-TV-Kunden. Dadurch sank die Zahl der angeschlossenen KDG-Haushalte erstmals auf einen Wert unterhalb der Neun-Millionen-Marke.
Auch wenn die Betreiber ihre Netze aufrüsten, zögern viele ihrer Kunden offenbar noch mit der Digitalisierung oder entscheiden sich für einen Satellitenanschluss. Während beim Kabel erst knapp 38 Prozent aller Nutzer einen digitalen Receiver besitzen, liegt diese Quote beim Satelliten mit etwa 79 Prozent ungefähr doppelt so hoch (siehe Info-Grafik „Digitalisierung deutscher Kabel- und Satellitenhaushalte“).
Immer mehr Triple-Play-Kunden
Verluste im Stammgeschäft können die Kabelnetzanbieter allerdings durch ihre attraktiven Telefon- und Internetanschlüsse ausgleichen. So liegt die Zahl der Haushalte, die über das Unitymedia-Netz zugleich telefonieren und surfen, bereits bei 1,6 Millionen. KDG meldete zuletzt 1,2 Millionen Online- und Telefonkunden. Vor allem im Bereich der Internetzugänge, die für Videos und Online-Spiele immer mehr Bandbreite erfordern, sieht die Branche noch Wachstumschancen. Liegt in anderen europäischen Ländern der Anteil der TV-Kabelindustrie an den Internetanschlüssen bei bis zu dreißig Prozent, haben sich KDG , Unitymedia, Kabel BW und die übrigen Anbieter in Deutschland erst einen Marktanteil von etwa acht Prozent sichern können.
Bislang nutzt nur etwa ein Zehntel aller deutschen Kabelhaushalte Triple-Play-Dienste. Auch dieser Wert liegt in anderen Ländern mit bis zu fünfzig Prozent deutlich höher. Deshalb bemühen sich die Kabelnetzbetreiber jetzt um zusätzliche Angebote. So kündigte Unitymedia etwa die Einführung eines sogenannten Multimedia-Home-Gateways an. Dabei sollen Fernseher und Fernbedienung zum hybriden Endgerät (siehe Artikel „Virtuelle Videothek im Wohnzimmer“) samt Festplatte und WLAN-Anschluss mutieren. Zusätzlich zum TV-Programm würden dann E-Mails, Videos, virtuelle Fotoalben etc. das Datenvolumen erhöhen und den TV-Kabelanschluss so zum unverzichtbaren Tor in die Weiten Digitaliens machen.
Konflikt mit Free-TV-Branche
Während das Triple Play dank DO CSIS 3.0 für die TV-Kabelbranche weiter steigende Umsätze verspricht, drohen an einer anderen Front Einnahmenverluste. Vor allem die großen Free-TV-Senderfamilien wollen nämlich nicht weiter für die Einspeisung ihrer Programme ins Kabelnetz zahlen. Noch erhält beispielsweise Marktführer KDG pro Jahr etwa hundert Millionen Euro für den TV-Kanaltransport in die Kundenhaushalte: entrichtet zu jeweils einem Drittel von öffentlich-rechtlichen, Free-TV und Pay-TV-Anbietern. Vor allem Free-TV-Manager aber fordern amerikanische Verhältnisse – in den USA müssen die Kabelnetzbetreiber ihrerseits für die Inhalte zahlen, um Abonnenten zu gewinnen.
Bei der Einspeisung der HD-Programme proben RTL Group und ProSieben- Sat.1 zurzeit jedenfalls schon mal ihre Macht und verzichten auf die Kabeleinspeisung. Vielleicht bringt bald das Bundeskartellamt wieder Bewegung ins Spiel: Mitte Mai durchsuchten dessen Mitarbeiter Räume bei der ProSiebenSat.1 Media AG und der Mediengruppe RTL Deutschland. Der Verdacht: illegale Absprachen für Verhandlungen zur Einspeisung digitaler Inhalte in verschiedene Übertragungsnetze. Die Kabelbranche hofft nun, mithilfe der Wettbewerbshüter möglichst viel vom traditionellen Geschäftsmodell erhalten zu können.
21.12.2010 | Beitrag erstellt von in digital,television
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