10.12.2010 | Beitrag erstellt von in television
Welches Fernsehen wollen wir? Diese zentrale Frage einer mediengesellschaftlichen Wertedebatte wird kaum noch diskutiert. Hat in Zeiten der Wirtschaftskrise das ökonomische Primat bereits gesiegt? Oder kann das Fernsehen als Leitmedium den wirtschaftlichen Zwängen kulturelle Werte entgegensetzen?
Statistisch betrachtet ist die Sache klar: Das Fernsehen bleibt Deutschlands Leitmedium. Die jüngsten Zahlen der von ARD und ZDF in Auftrag gegebenen Langzeitstudie Massenkommunikation lassen keinen anderen Schluss zu. Schließlich schaut der durchschnittliche Deutsche Tag für Tag 220 Minuten lang TV-Shows und Soaps, Spielfilme und Serien, Magazine und mehr (siehe Info-Grafik „Mediennutzung in Deutschland“). Das Radio bleibt etwas mehr als drei Stunden täglich eingeschaltet. Für das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften nehmen sich die Deutschen pro Tag nur noch eine knappe halbe Stunde Zeit. Schuld an der Abkehr von den Printmedien soll vor allem das Internet sein, dessen Nutzungsdauer sich in den vergangenen zehn Jahren auf 83 Minuten gesteigert und damit mehr als versechsfacht hat. Das Fernsehen, so scheint es, ist das einzige Medium, das bei der Mediennutzung nicht unter dem Online-Boom leiden musste. Allerdings hat das Internet bei der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen mit 144 Minuten bereits fast zum Fernsehen (151 Minuten) aufgeschlossen. Vor allem viele junge Nutzer schauen Videos inzwischen nämlich lieber im World Wide Web.
Reichweite und Emotionen
Noch also scheint das Fernsehen die Nummer eins im Alltag der Deutschen zu sein, die sich an einem durchschnittlichen Tag neun Stunden und 43 Minuten lang mit Medien beschäftigen. Macht aber die intensive TV-Nutzung das Fernsehen automatisch zum Leitmedium? Medienwissenschaftler verstehen darunter in der Regel dasjenige Medium, das öffentliche Debatten initiiert oder prägt und vom Großteil der Bevölkerung zur Orientierung genutzt wird. Das Fernsehen als Leitmedium zu betrachten, wirkt auf den ersten Blick also mehr als plausibel. Kein anderes Medium erreicht zugleich so viele Rezipienten, kein anderes bietet – abgesehen von Videodateien im Internet – Informationen zugleich in bewegten Bildern plus Ton. Und schließlich: Kein anderes Medium spricht gleichzeitig so stark Emotion und Kognition des menschlichen Wahrnehmungsapparates an.
Die große Stärke des Fernsehens liegt in der intensiven Nähe, die zwischen Publikum und Berichterstattungsgegenstand erreicht werden kann. Bei Naturkatastrophen, Kriegen, Terroranschlägen oder Hungersnot erzeugen Bilder von TV-Kamerateams eine Betroffenheit, wie sie weder von Printmedien noch vom Hörfunk ausgelöst werden kann. Die Flutkatastrophe in Pakistan geriet unter anderem deshalb erst spät ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, weil es lange kaum TV-Bilder gab. Bei fiktionalen Stoffen ermöglicht es die Inszenierung bewegter Fernsehbilder, dass Zuschauer unmittelbar in fremde Welten eintauchen. Darin liegt die Chance des Fernsehens, aber auch die Gefahr. Jede Inszenierung kann nämlich zur Verblendung werden, wenn sie auf ein Publikum trifft, das künstlich Geschaffenes nicht aktiv interpretiert. Fernsehzuschauer aber mögen es am liebsten „lean back“. Sind sie deshalb anfälliger für Scheinwelten, die im TV-Programm als Reality oder gar Scripted Reality getarnt werden, den Begriff Wirklichkeit im Genrenamen tragen, aber mit der Realität kaum etwas gemein haben?
Gefährliche Pseudo-Realität
Serienformate wie „Familien im Brennpunkt" (RTL), „X-Diaries" (RTL 2), „Schicksale – und plötzlich ist alles anders“ (Sat.1) oder „Love Diary“ (ProSieben) werden von Kritikern inzwischen als Zurschaustellung des Sozialen bezeichnet und nicht mehr als kritisch distanzierte, eben journalistische Präsentation, die der Information und Aufklärung dient. Ähnlich wie bei den Talkshows der 90er-Jahre wird bei den bisweilen frei erfundenen Sozialreportagen vor der Kamera betrogen und gelogen, gepöbelt, geweint, geschrien und manchmal auch geschlagen. Jedenfalls soll es den Zuschauenden so scheinen, und die Medienwirkungsforschung weiß wenig darüber, wie das als real Präsentierte wahrgenommen wird. Programmverantwortliche erklären die sogenannte Scripted Reality zur Dokunovela und tarnen von Laien gespielte Pseudo- Realität als soziales Reenactment. Mancher Amateur wird bei dieser Inszenierung zum perfekt funktionalisierten Objekt der Programmmacher, denen die Herstellung einer Gefühligkeit, einer Emotion am wichtigsten ist. Die Folgen für die auf Rollen reduzierten Subjekte: Werte wie Würde und Achtung geraten dabei häufig aus dem Blick. Ähnliche Situationen spielen sich auch bei Casting-Formaten wie „Popstars“ und „Germany's Next Topmodel“ ab. Das vermeintliche Leitmedium wird, wenn es den Versuchungen des TV-Voyeurismus erliegt, für die Protagonisten zum Leidmedium. Die Programmmacher beteuern in solchen Fällen, man bilde nur ab, was in der Gesellschaft ohnehin vorhanden sei. Dabei wird freilich der Anspruch eines publizistischen Leitmediums, das gesellschaftliche Kommunikation initiiert oder weiterentwickelt, für dieses Genre aufgegeben.
Dass in jüngster Zeit etwa die Integrationsdebatte ausgerechnet von Printmedien ausgelöst wurde, macht die Rolle des Fernsehens bei solchen gesellschaftlichen Diskursen deutlich. Stein des Anstoßes war Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, das in Auszügen zunächst in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurde. TV-Shows und -Magazine sorgen in derartigen Fällen für eine Art Anschlusskommunikation, verhelfen einem Thema und seinen Akteuren vornehmlich in Talkshows zu mehr Aufmerksamkeit, setzen aber selbst kaum neue publizistische Akzente. Wenn die Online-Plattform WikiLeaks bis dato geheime Iran- und Afghanistan- Protokolle vorab ausgerechnet den Printmedien Der Spiegel, The Guardian und New York Times überlässt, wird deutlich: Zeitungen und Zeitschriften wird noch immer die größere investigative und aufklärerische Kraft beigemessen als dem Fernsehen.
Journalismus als symbolischer Akt
Das vermeintliche Leitmedium Fernsehen bezieht seine Macht vor allem aus der Emotionalisierung. Alles wird dort deshalb personalisiert, vieles auch frei erfunden (siehe Artikel „Über Fakes und Fiktion, Werte und Wahrheiten“ im medienforum.magazin 1/2010 oder online unter medienforum. nrw.de/trends). Je abstrakter ein Thema ist, desto geringer wird seine Chance, in der TV-Welt vorzukommen. Hans Magnus Enzensberger beklagte deshalb schon in den 90er-Jahren, das Fernsehen sei nicht Leitmedium, sondern Nullmedium, weil es nur Belangloses und Beliebiges biete. Diese Hypothese trifft sicher nicht auf alle TV-Formate zu. Zumindest aber servieren Fernsehmacher – ähnlich wie viele Boulevardblätter – in vielen Fällen nur Surrogate oder Stereotype und kritischen Journalismus eben häufig nur als symbolischen Akt. Wenn der Bilderfluss zur billigen Massenware verkommt, reicht der mediale Anspruch maximal für den eines Lightmediums.
Deutlich mehr Informationen kann das Internet bieten. Es besitzt dafür den notwendigen Raum und manchmal auch die besseren Kommunikationsstrukturen. So wurde dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler sein Hörfunkinterview, bei dem er Auslandseinsätze der Bundeswehr auch mit der Wahrung deutscher Wirtschaftsinteressen begründet hatte, erst zum Verhängnis, als das Thema in den Blogger-Sphären des Web 2.0 hohe Wellen schlug. Ist also das Internet das wirkliche Leitmedium? Dagegen spricht vorerst noch, dass sich online zwar Teilöffentlichkeiten für bestimmte Themen bilden, diese aber nur im Einzelfall in der Lage sind, gesamtgesellschaftliche Debatten zu prägen.
Große Macht der Controller
Wenn es darum geht, Themen und ihre Struktur der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen (Agenda Setting) oder dafür einen Rahmen zu schaffen (Framing), bleibt das Fernsehen aufgrund seiner großen Reichweite und der Wirkungskraft bewegter Bilder dem Internet überlegen. Verkümmert aber die Nachrichtenentstehung zum ökonomisch kühl kalkulierten industrialisierten Prozess der Datenverarbeitung, bei dem Journalisten Agenturmaterial von einem Server erhalten und anschließend konfektionieren, fehlt es an Tiefenschärfe. Dann mögen sich zur Freude der Controller zwar Workflow und Output optimieren lassen, der publizistische Mehrwert aber bleibt gering. Echte Recherche, wie sie für Formate wie „Die Story“ (WDR) gepflegt wird, kommt auch im öffentlich- rechtlichen Fernsehen häufig zu kurz. Die privatwirtschaftliche Konkurrenz beschränkt ihre investigativen Beiträge meist auf Servicebezüge wie das Überführen von dubiosen Handwerkern oder Online-Geschäftsleuten. Vor allem bei der Analyse komplexer Themen wie etwa Börsen- Hype und -Crash haben öffentlich-rechtliche wie privatwirtschaftliche TV-Redaktionen – ähnlich wie auch die Printmedien – versagt. „Tatsächlich bleiben Programmschwerpunkte zur Wirtschaftskrise auch 2009 in beiden Lagern des dualen Systems aus“, konstatiert dazu knapp das aktuelle Jahrbuch der Landesmedienanstalten.
Im internationalen Vergleich leistet die deutsche Fernsehlandschaft trotz aller Kritik noch immer Beachtliches. Vieles von dem erreicht aber leider nicht die große Masse der Zuschauer, weil es erst spätabends oder in den Dritten Programmen der ARD, bei Arte, 3sat oder den öffentlich-rechtlichen Digitalprogrammen ausgestrahlt wird. Allzu häufig verschwinden publizistische Meisterwerke in den Nischen der immer unübersichtlicher werdenden Kanalvielzahl. Im fiktionalen Bereich haben in den vergangenen Jahren vor allem aufwendig produzierte Werke mit historischen Stoffen wie „Der Tunnel“, „Das Wunder von Lengede“, „Die Luftbrücke“ (alle Sat.1), „Die Flucht“ (ARD), „Dresden“ (ZDF) oder „Sturmflut“ (RTL) Highlights gesetzt. Für alle diese Beispiele war Produzent Nico Hofmann verantwortlich, der im Frühjahr jedoch klagte, die Programmanbieter stellten nur noch selten ausreichende Mittel für solche Werke zur Verfügung. Aktuelle Filmprojekte wie „Die Frau des Schäfers“ (Sat.1) oder „Hindenburg“ (demnächst bei RTL) zeigen aber, dass Qualitätsfernsehen auch privatwirtschaftlich finanziert werden kann.
Qualität oder ökonomisches Kalkül?
Ute Biernat, Geschäftsführerin von Grundy Light Entertainment, kritisierte im Juli in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger, heute würden neue Formate nur kurz getestet, „und wenn sie nicht vom Zuschauer für gut befunden werden, sind sie auch direkt wieder weg“. Diese Schilderung macht deutlich, dass sich der Leitmedium-Anspruch des Fernsehens vor allem aus der Reichweite ableiten lässt. Wer hingegen den Geltungsanspruch hat, einen gesellschaftlichen Diskurs zu leiten, muss nämlich zunächst so etwas wie eine eigene Haltung entwickeln. Diese aber opfern Fernsehmacher oft zu schnell dem Quotenkalkül und leiten den Begriff der Qualität nur allzu gerne von der Akzeptanz in Form des Zuschauermarktanteils ab. Würde das Publikum jedoch nur als Zuschauermarkt betrachtet, hätten ökonomische Imperative bereits über normative gesiegt.
10.12.2010 | Beitrag erstellt von in television
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