Die aktuelle Diskussion über die Integration von Zuwanderern in Deutschland wird meist auf religiöse, politische oder ökonomische Fragen verkürzt. Dabei kommt Massenmedien zwar als Motor der Debatte eine zentrale Bedeutung zu. Nach der Leistung, welche die Medien selbst für die Integration von Migranten erbringen, aber wird kaum gefragt.

Ganz gleich ob Fernsehen, Hörfunk, Zeitungen oder Internet: Medien spielen als Vermittler von Informationen für die Meinungsbildung in der Demokratie eine zentrale Rolle. Sie stellen Öffentlichkeit her, vermitteln Inhalte und Positionen, tragen zur politischen Sozialisation sowie zu gesellschaftlicher Integration bei und können selbst zur Instanz für Kritik oder Kontrolle avancieren. Umso erstaunlicher ist es, dass Rolle und Funktion von Massenmedien in der aktuellen Integrationsdebatte kaum thematisiert werden.

Im Leben von Migranten stehen das Ankommen und Weggehen, das Integrieren und Abgrenzen in einem steten Spannungsverhältnis, und zwar für die unmittelbar Betroffenen gleichermaßen wie für die gesamte Bevölkerung. Sowohl die von Medien vermittelten Inhalte als auch deren Nutzung durch Menschen mit Migrationshintergrund können entscheidenden Einfluss darauf ausüben, ob Zuwanderer sich assimilieren, integrieren oder etwa gezielt von der deutschen Gesellschaft abgrenzen.
 

Medienausstattung und -nutzung

Wie aber nutzen Migranten in Deutschland eigentlich die Medien? Ihre Haushalte unterscheiden sich bei der Medienausstattung kaum noch vom übrigen Teil der Bevölkerung. Zu diesem Ergebnis kam bereits vor drei Jahren eine entsprechende Studie im Auftrag der ARD/ZDF-Medienkommission. In den Bereichen DVD, Computer und Handy zeigten sich die Migrantenhaushalte sogar besser ausgestattet als der Durchschnitt aller Haushalte in Deutschland. Die meisten Zuwanderer nutzen, wenn sie sich informieren oder unterhalten lassen möchten, sowohl deutschsprachige Medienangebote als auch Inhalte, die in ihrer Muttersprache angeboten werden (Ethnomedien). So können etwa an Kiosken und anderen Verkaufsstellen mehr als fünfzig ausländische Printprodukte erworben werden, viele davon mit einer für Deutschland modifizierten Ausgabe.

Betrachtet man das Mediennutzungsverhalten von Zuwanderern, scheinen sie sich – zumindest statistisch – längst an den übrigen Teil der Bevölkerung angepasst zu haben. Auch bei der Gruppe der Migranten in Deutschland hat sich nämlich das Fernsehen kontinuierlich zum wichtigsten Medium entwickelt. 2007 lag ihre tägliche TV-Sehdauer im Durchschnitt bei 197 Minuten, wobei speziell bei Zuwanderern aus Italien (219 Minuten), Polen (214 Minuten) oder der Türkei (211 Minuten) noch höhere Werte ermittelt wurden, während etwa Griechen (181 Minuten) oder Spätaussiedler (165 Minuten) pro Tag deutlich weniger Zeit vor dem Fernsehgerät verbrachten. Vor allem für viele Menschen aus Italien und der Türkei dient der TV-Monitor als Begleitmedium, das den ganzen Tag über eingeschaltet bleibt. Ähnlich wie für die gesamte deutsche Bevölkerung gilt auch für Migranten, dass Rezipienten mit den formal höheren Schulabschlüssen tendenziell deutlich weniger fernsehen.

LfM-Studie über junge Migranten

Insbesondere bei jüngeren Migranten und Angehörigen der zweiten oder dritten Zuwanderergeneration gleichen sich die Mediennutzungsgewohnheiten denen der übrigen deutschen Bevölkerung stark an. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie der Landesanstalt für Medien NRW (LfM). Sozialforscher der GöfaK Medienforschung analysierten im LfM-Auftrag den Medienumgang von 12- bis 29-Jährigen, die entweder türkischer Herkunft oder russische Aussiedler sind. Auf der Basis von zwei repräsentativen Telefonumfragen mit etwa 300 Teilnehmern stellten die Wissenschaftler schließlich fest, dass sich die untersuchten Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund in Bezug auf Haushaltsausstattung sowie Verfügbarkeit und Nutzung von Medien kaum von deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterschieden. Lediglich beim Zeitunglesen und Radiohören zeigten sich die 12- bis 29-Jährigen, deren Familien aus Russland oder der Türkei stammen, deutlich weniger aktiv als deutsche Jugendliche oder junge Erwachsene.

Medienkonsum junger Nutzer türkische oder russischer Herkunft
Medienkonsum junger Nutzer türkische oder russischer Herkunft

Meistens konsumieren Migranten in Deutschland deutschsprachige Angebote. Etwa fünfzig Prozent aller Migranten bevorzugen beim Fernsehen beispielsweise ausschließlich deutschsprachige Programme, und nur jeder zehnte Zuwanderer wendet sich bei Hörfunk und Fernsehen ausnahmslos heimatsprachlichen Angeboten seines Herkunftslandes zu. Eine Ausnahme bilden in diesem Zusammenhang allerdings Migranten türkischer Herkunft, von denen durchschnittlich fast jeder Dritte nur türkischsprachige TV-Programme sieht, die via Satellit oder als Pay-TVAngebot zur Verfügung stehen (Kanal D, ATV, Show TV, Interstar, TGRT, TGRT EU ).

Ethnomedien: geringe Integrationsfunktion

Nahezu alle Studien kamen bislang zu dem Ergebnis, dass insbesondere die Inhalte türkischer Ethnomedien wenig zur Integration beitragen. Solche Angebote berichten eher selten und meist negativ über die deutsche Gesellschaft. Vor allem bei jüngeren Genrationen der Migrantenfamilien aber verlieren heimatsprachliche Angebote an Bedeutung. Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund, so ergab die LfM-Studie, nutzen deutsche und heimatsprachliche Angebote komplementär, wobei aber die Ethnomedien die deutlich geringere Rolle spielen.

Alle vorliegenden Nutzungsdaten weisen darauf hin, dass Migranten in Deutschland als Publikum oder Zielgruppe für Massenmedien immer wichtiger werden. Wie aber sieht es bei der Produktion von Medieninhalten aus? Während in den Sparten Musik (zum Beispiel Bushido, Harris, Fresh Familee) oder Comedy (zum Beispiel Bülent Ceylan, Kaya Yanar oder Django Asül) inzwischen eine ganze Reihe von Künstlern, die aus Zuwandererfamilien stammen, Erfolge feiern, gibt es im deutschen TV-Journalismus – zumindest vor der Kamera – nur wenige prominente Akteure, deren Eltern aus fremden Kulturen stammen.

Und noch ein Gegensatz fällt auf: Rapper oder Comedy-Stars thematisieren häufig bewusst Integrationsprobleme, wohingegen sich Journalisten mit Migrationshintergrund (zum Beispiel Cherno Jobatey oder Dunja Hayali) in deutschen TV-Studios nur selten explizit mit solchen Fragen auseinandersetzen. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass viele TV-Moderatoren mit ausländischen Wurzeln vor der Kamera demonstrativ beweisen wollen, dass sie perfekt integriert sind. Außerdem fühlen sich viele von ihnen einer Moderatorenrolle verpflichtet, die etwa bei TV-Magazinen ein Engagement für einzelne gesellschaftliche Gruppen – wie etwa Migranten – nicht zulässt. So wird das Thema Integration für sie oft zu einem Bereich, dem sie als Präsentatoren jenseits tagesaktueller Bezüge keine besondere Prominenz zukommen lassen wollen.

Mangelnde Toleranz und Akzeptanz

Andere, vor allem schreibende Journalisten wiederum sehen sich mit Problemen konfrontiert, die eine Folge mangelnder Integration, Toleranz oder gesellschaftlicher Akzeptanz sind. Die Migrationsdebatte sei emotional derart belastet, klagte etwa die Journalistin Cigdem Akyol in einem Beitrag für die links-alternative Tageszeitung, „dass meine Worte instrumentalisiert werden – sowohl von der Mehrheits- als auch von der Minderheitsgesellschaft“. Die Journalistin, deren Eltern aus dem Irak und der Türkei auswanderten, kritisiert, ihr werde fortwährend eine einseitige Parteinahme unterstellt, und zwar sowohl von Migranten als auch von Rassisten. Im Prozess der Medienproduktion kann von einer Integration der Migranten also noch keine Rede sein.

Massenmedien – vor allem öffentlich-rechtliche – hätten in der Vergangenheit dazu beitragen können, den Begriff Integration auf eine Weise zu prägen, die jenseits von Assimilation oder Ausgrenzung mehr zulässt als bloße Multikulti-Schlagworte. Viele Versuche scheiterten, einige nicht zuletzt auch an der mangelnden Resonanz beim Publikum. Im TVBereich wurden deutschsprachige TV-Magazine wie „Ihre Heimat – unsere Heimat“, „Babylon“ oder „Vetro“ eingestellt. Geblieben ist nur noch das 2003 eingeführte Format „Cosmo TV“ im WD R Fernsehen. Im Hörfunk beschränkt sich das öffentlich-rechtliche Angebot auf die WD RWelle Funkhaus Europa, deren Redaktionsteam immerhin etwa zur Hälfte aus Journalisten mit Migrationshintergrund besteht. Das RBB-Programm Radio Multikulti musste Anfang 2009 aufgegeben werden. Hingegen sendet Radyo Metropol FM, die 1999 gegründete erste türkischsprachige Radiostation, noch immer aus der Hauptstadt. Das privatwirtschaftliche Programm besteht vor allem aus türkischer (Pop-) Musik, einzelnen Wortbeiträgen und in deutscher Sprache präsentierten News. Radyo Metropol FM ist ein gutes Beispiel für ein sogenanntes transkulturelles Medium. Damit bezeichnen Sozialwissenschaftler die Mischung aus unterschiedlichen Kulturbezügen, die das Leben vieler Migranten in Deutschland kennzeichnen.

Berichterstattung über Migranten
Berichterstattung über Migranten

Negative Stereotype im Vordergrund

Das Thema der interkulturellen Integration selbst spielte auch in den meisten Printmedien lange Zeit so gut wie gar keine Rolle. Stattdessen prägten häufig Stereotype die Agenda, wenn über Ausländer oder Deutsche ausländischer Herkunft berichtet wurde. Die Schlagworte lauteten dann Terrorismus, Islamismus oder Kriminalität, sodass schnell das Bild vom kriminellen oder bedrohlichen Ausländer entstand.

Professor Georg Ruhrmann vom Institut für Kommunikationswissenschaft in Jena hat bereits vor fünf Jahren herausgefunden, dass bei der Berichterstattung über Migranten thematisch mit jeweils etwa einem Drittel die Aspekte Terror und Kriminalität überwiegen, während das Problem der Zuwanderung nur in fünf Prozent der Beiträge berücksichtigt wird. Eine derart verzerrte und verzerrende Berichterstattung trägt kaum zur Integration bei. Im Gegenteil: Sozialwissenschaftler sprechen bereits von einer zunehmenden Tendenz zur Segregation. Dadurch wird eine wichtige Chance zum interreligiösen oder interkulturellen Dialog vertan. Video- und Audiodateien aus dem InternetEine wachsende Bedeutung gewinnt für Migranten weltweit das Internet, über das Ethnomedien in Form von Video- und Audiodateien ebenso genutzt werden können wie klassische Nachrichtenportale und Online- Foren. Vor allem jüngere Generationen von Zuwandererfamilien zeigen sich äußerst versiert im Umgang mit Internetinhalten. So bieten zum Beispiel Online-Portale wie vaybee.de, turkdunya.de oder turkishworld. de ihre Texte zweisprachig an und präsentieren von der Pop-Musik bis zur Politik Neuigkeiten aus der Türkei sowie spezielle Foren.

Das pauschale Urteil, Jugendliche mit Migrationshintergrund hätten ein Problem mit Medienkompetenz, gilt längst als widerlegt. Die GöfaK-Sozialforscher fanden heraus, dass Defizite im Umgang mit Medien bei den untersuchten Bevölkerungsgruppen, die aus der Türkei oder Russland stammen, vor allem aus soziodemografischen Faktoren resultieren. Dazu gehörten etwa Bildungsunterschiede oder Geschlechterrollen, aber auch das jeweilige Milieu, bestimmte Lebenswelten oder der sozioökonomische Status. Bei Gruppendiskussionen mit den Befragten der LfM-Studie stellte sich so zum Beispiel heraus, dass insbesondere in vielen türkischstämmigen Elternhäusern große Vorbehalte gegenüber Computern und Internet bestehen. Vor allem Mädchen aus diesen Familien fehlt deshalb oft noch ein Zugang zur Internetwelt. Darüber hinaus aber unterschieden sich junge Online- Nutzer türkischer Herkunft beim Umgang mit PC, WWW, Games oder auch Handy so gut wie gar nicht von denen aus den untersuchten russischen Aussiedlerfamilien oder anderen Bevölkerungsgruppen.

Spannungsfeld der Kulturen

Grundsätzlich gilt für Migranten in Deutschland folgender Trend: Je jünger, je gebildeter und je höher der Status, desto mehr werden deutsche Medien genutzt. Gleichzeitig steigen mit der Zuwendung zu deutschsprachigen Medien die Integrationschancen. Dennoch darf umgekehrt nach Ansicht von Professor Joachim Trebbe (Universität Freiburg/ Schweiz), der zu den Autoren der LfM-Studie gehört, mangelnde Integration nicht als Resultat fehlender Medienkompetenz betrachtet werden. Die Ursache für viele Konflikte liege im Spannungsfeld der Kulturen. Das Gefühl, weder deutsch noch ausländisch und dennoch im Grunde beides zu sein, erschwert für viele Zuwanderer die Bildung einer eigenen Identität und kann zu einer tiefen Verunsicherung führen. Ein öffentlicher Diskurs über dieses Dilemma wird allerdings kaum geführt. Dem Medium Fernsehen attestierte der frühere LfM-Direktor Norbert Schneider beim 10. Internationalen Nürnberger Forum unlängst eine „mediale Anschlussschwäche“ und kritisierte, dass TV-Programme zu wenig zum Dialog der Kulturen und Religionen beitragen. Ohne objektive Information und einen solchen Dialog aber bleibt das tolerante Zusammenleben in einer multikulturellen, pluralistischen Gesellschaft mit Menschen verschiedener Traditionen und Religionen Utopie. Fehlen entsprechende Kommunikations- und Integrationsangebote, wenden sich Migranten Ethnomedien zu, droht die Bildung von Parallelgesellschaften, werden Vorurteile verstärkt. Um auch bei der Produktion von Medieninhalten Themen der Integration stärker zu berücksichtigen, muss darüber hinaus die mangelnde berufliche Integration von Migranten im Journalismus abgebaut werden. Das alles könnte dazu beitragen, dass für Menschen mit Migrationshintergrund keine Mediengettos entstehen.  

Dr. Matthias Kurp

Migranten in Deutschland

In Deutschland leben mehr als 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, das heißt, jeder fünfte Einwohner hat ausländische Wurzeln. Jedes vierte Kind, das derzeit in Deutschland geboren wird, hat eine Mutter oder einen Vater mit ausländischem Pass. Mehr als die Hälfte aller Migranten, die in der Bundesrepublik leben, aber besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft.

Im Durchschnitt sind  Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland mit knapp 35 Jahren deutlich jünger als der Bevölkerungsdurchschnitt (knapp 46 Jahre), und sie sind etwa doppelt so häufig erwerbslos, woraus ein erhöhtes Armutsrisiko resultiert. Während nur 3,9 Prozent der Bevölkerung keinen Schulabschluss haben, sind es bei Migranten 14 Prozent, bei türkischen Migranten sogar 31 Prozent.

Mit etwa drei Millionen Menschen stammen die meisten der Zuwanderer in Deutschland aus der Türkei, 2,3 Millionen sind aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion gekommen. Jeweils fast 1,5 Millionen haben ihre Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien oder in Polen, 489.000 in Rumänien. Außerdem haben Zuwanderer aus den klassischen Gastarbeiter-Anwerbeländern Italien (830.000), Griechenland (403.000), Spanien (172.000) und Portugal (171.000) inzwischen in Deutschland eine Heimat gefunden.

Viele Thesen zur Überfremdung und Massenzuwanderung lassen sich empirisch nicht halten. So wanderten etwa aus der Türkei im vergangenen Jahr nur 29.500 Menschen in die Bundesrepublik ein, während umgekehrt 39.600 Bürger Deutschland in Richtung Türkei verließen. Seit zwei Jahren kehren Deutschland insgesamt mehr Menschen den Rücken, als neue Migranten ins Land kommen.

22.10.2010 | Beitrag erstellt von redaktion in specials
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