01.05.2010 | Beitrag erstellt von in special nrw
studieren in nrw
In Nordrhein-Westfalen existieren mehr als 150 öffentliche oder private Studiengänge für die Medienmacher der Zukunft. Fast überall stecken die verantwortlichen Hochschuleinrichtungen zurzeit in einem tief greifenden Transformationsprozess. Dabei geht es um Lehrmethoden, Liberalisierung und Leistungspunkte.
Als 1999 Regierungsvertreter aus 29 europäischen Nationen die sogenannte Bologna-Erklärung unterzeichneten, ahnten viele Lehrende und Studierende an den deutschen Hochschulen noch nicht, was auf sie zukommen sollte. Das Ziel war äußerst ambitioniert: Bis zum Jahr 2010 sollte ein einheitlicher deutscher Hochschulrahmen geschaffen werden, um die verschiedenen nationalen Bildungssysteme miteinander kompatibel zu machen.
Und tatsächlich: Inzwischen haben europaweit 95 Prozent aller Hochschulen mit der Einführung von Bachelor- und Masterprogrammen den Bologna-Prozess praktisch umgesetzt. Im vergangenen Wintersemester führten nach Angaben der Hochschuldirektorenkonferenz 79 Prozent aller Studiengänge in Deutschland zu den neuen Abschlüssen Bachelor oder Master. Doch damit allein änderten sich oft nur die formalen Bedingungen. Vor allem im Mediensektor befinden sich zahlreiche Studiengänge noch immer mitten in einem Transformationsprozess.
Bachelor als Regelabschluss
Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es an öffentlichen und privaten Hochschulen mehr als 150 unterschiedliche Studiengänge, die für die Medienbranche ausbilden. Das Spektrum reicht von Journalistik über Kommunikationswissenschaften, Design, Medienmanagement und -technik bis zur Ausbildung von Kameraleuten oder Games-Entwicklern. Je nach Hochschule lehren Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter sowie Lehrbeauftragte in identischen Fächern allerdings oft nach äußerst unterschiedlichen Konzepten. Das macht die Studienplatzwahl nicht gerade einfach. Und an vielen Instituten wird zwangsläufig noch immer mehrgleisig gefahren, weil mitten in der Bologna-Umstellungsphase nach wie vor Studierende auf Diplom- und Magisterabschlüsse vorbereitet werden müssen, während ihre jüngeren Kommilitonen bereits Leistungspunkte für den Bachelor sammeln. Die Einrichtung von Master-Studienprogrammen wird an vielen Lehrstühlen zurzeit erst vorbereitet.
Im neuen System mit gestuften Studienabschlüssen stellt der Bachelorabschluss künftig den Regelabschluss dar. Das Studium soll wissenschaftliche Grundlagen, Methodenkompetenz und berufsfeldbezogene Qualifikationen vermitteln. Was genau darunter zu verstehen ist, interpretieren die einzelnen Hochschulen und ihre Institute sehr unterschiedlich. In vielen Medien-Studiengängen werden Praktika gefordert oder zusätzlich obligatorische Fremdsprachenkurse eingeführt. Auch Projektwochen sind möglich oder Semester im Ausland. Ein Trend aber lässt sich überall beobachten: Die Hochschulausbildung wird immer stärker verschult. Auslöser dafür sind äußerst ambitionierte Lehrpläne, mit denen Professoren versuchen, einerseits das Basiswissen der alten Studienordnung und andererseits die Elemente der neuen Bachelor- und Masterphilosophie zu gewährleisten – und das Ganze in möglichst kurzer Zeit.
Straffung der Lehrpläne
Auch im Medienbereich sollen die Studienpläne entrümpelt und gestrafft werden. Zehn Jahre nach der Weichenstellung brauche das Bologna-System „Nachsteuerungen“, erklärte die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, Mitte März im Anschluss an die Konferenz der europäischen Wissenschaftsminister in Wien. Wer im Medienbereich alles abdecken will – zum Beispiel von Emil Dovifats Zeitungslehre bis zum Diskurs über virtuelle Lernumgebungen –, überfordert Professoren und Studierende. Wintermantel fordert deshalb, „dass die Programme vielfach entschlackt werden müssen“ und dass die Hochschulen mehr Handlungsspielräume erhalten. Dabei müsse auch ein intensiver Dialog mit den Studierenden gesucht werden, rät die Hochschuldirektorenkonferenz. Angesichts zu zahlender Studiengebühren fordern die Medienmacher von morgen eine entsprechende Beteiligung am Reformprozess auch aktiv ein, manchmal sogar mit Transparenten auf der Straße.
Wer „irgendwas mit Medien“ studiert, bekommt vom starren Universitätsleben früherer Zeiten nicht mehr viel mit. Statt Folianten zwischen alten Bücherregalen in der Bibliothek zu wälzen, wird online recherchiert. Ausgelöst durch die Liberalisierung des Hochschulsektors buhlen mancherorts einzelne Institute regelrecht um neue Studierende, die immer häufiger als Kunden wahrgenommen werden. Ganz allmählich wandeln sich Hochschulen zu Dienstleistungsbetrieben, die sich der Nachfrage anpassen. Was auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird, bestimmen in diesem Prozess die Medienunternehmen, die zugleich für viele Institute auch als Sponsoren oder Auftraggeber auftreten. Dies dient einerseits einer praxisnahen Ausbildung von Studierenden, kann aber auch die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre beeinträchtigen.
Haben Humboldts Ideen ausgedient?
Müssen sich die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge künftig immer mehr dem Markt und Wettbewerb stellen, so warnen Kritiker wie der Soziologe Ulrich Beck, könnte der umfassende Bildungsauftrag von Hochschulen, wie er in Deutschland lange im humboldtschen Sinne gepflegt wurde, auf einen rein praktischen Ausbildungsauftrag verkürzt werden. Außerdem droht durch die mit dem Bologna-Prozess verbundene Modularisierung der Studiengänge ein Prozess, in dem nur oberflächliche Erkenntnisse vermittelt werden können.
Statt Zusammenhänge ergründen zu können, müssen Studierende auch in den Medienfächern an den meisten Hochschulen entweder Leistungspunkte sammeln oder Praktika absolvieren – und das möglichst schnell. Die Regelstudienzeit im Bachelorstudium beträgt mindestens drei und höchstens vier Jahre, wobei wenigstens 180 (in drei Jahren) beziehungsweise 240 ECTS-Punkte (in vier Jahren) nachzuweisen sind. Die vier Buchstaben ECTS bilden die Abkürzung für das European Credit Transfer and Accumulation System, das in allen EU-Mitgliedsstaaten anerkannt ist.
Nichts geht ohne Credit Points
Für welche Leistung wie viele Leistungspunkte vergeben werden, ist allerdings noch immer sehr unterschiedlich. So verlangen einige Professoren als Leistungsnachweis eine bestandene Klausur, während andere zusätzlich ein Referat plus Hausarbeit fordern. Wer an den Bachelorabschluss noch einen Masterstudiengang anschließt, benötigt für ein erfolgreiches Ende seines Studiums nach höchstens zwei weiteren Jahren 300 ECTS-Punkte. Der Vorteil des neuen Systems ist, dass Hochschulwechsel leichter als zuvor möglich sind, weil die erworbenen Credit Points immer mitgenommen werden können. Als Nachteil betrachten Kritiker, dass das ECTS-System statt absoluter nur noch relative Noten zulässt. Das bedeutet, Leistungen werden vor allem anhand statistischer, also quantitativer Größen bewertet.
In Nordrhein-Westfalen studieren die zukünftigen Bachelors und Masters of Arts (oder: of Science) im Medienbereich an fast zwanzig unterschiedlichen Standorten. Allein Köln bietet mehr als vierzig Studiengänge für die Filmemacher oder Medienmanager von morgen. Für Düsseldorf listet eine vom Landesministerium für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien herausgegebene Broschüre 22 verschiedene Hochschulangebote auf, die angehende Grafiker, Designer, Ingenieure, Medienkünstler oder -forscher absolvieren können. Weitere Zentren mit jeweils mehr als einem halben Dutzend Einrichtungen der akademischen Medienausbildung finden sich in Bielefeld, Dortmund sowie an der Universität Duisburg-Essen.
Neue Studiengänge in Köln
Das Angebotsspektrum in Sachen Medienausbildung in Nordrhein-Westfalen wird von Jahr zu Jahr größer, und die Veränderungen an den Hochschulen geschehen in dem enormen Tempo, das die Medienentwicklung vorgibt. So richtet etwa die Internationale Filmschule Köln (ifs) zum kommenden Wintersemester einen neuen siebensemestrigen Bachelorstudiengang mit dem Titel „Kamera – Director of Photography“ ein. Dadurch wird eine Lücke geschlossen, die entstand, nachdem vor zwei Jahren im Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund das Diplomstudium Kamera für Film/Fernsehen eingestellt worden war. Außerdem will die Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) ihr Engagement im Kamerabereich ausdehnen und hat zwei neue Professorenstellen für das Fach „Künstlerische Filmkamera“ geschaffen.
Zu den interessanten Wachstumssegmenten im Medienland NRW zählt auch die Games-Branche. Deshalb startet die Fachhochschule Köln im kommenden Wintersemester den neuen Masterstudiengang „Game Development & Research“. Ab Herbst wird dann im sogenannten Cologne Games Lab vermittelt, wie elektronische Spiele entwickelt werden (siehe Artikel „Arbeitsmarkt Games: Spezialisten fallen nicht vom Himmel“ im medienforum.magazin 1/2009). Das Projekt wird mit Landesmitteln gefördert und soll sich von privaten Ausbildungseinrichtungen dadurch unterscheiden, dass statt technologischer Fertigkeiten vor allem kreative Aspekte im Vordergrund stehen. Bewerber können ihre Unterlagen noch bis Ende Juni einreichen, müssen aber bereits über einen akademischen Abschluss und ein Jahr Praxiserfahrung verfügen. Am Ende werden maximal zwanzig Teilnehmer ausgewählt, die sich an den Kosten mit 3.000 Euro pro Semester beteiligen müssen – der Weg über den Master zum Medienspezialisten hat eben seinen Preis.
01.05.2010 | Beitrag erstellt von in special nrw
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