Die Gamesbranche hat die Online-Netzwerke entdeckt. Dort spielen inzwischen Millionen von Mitgliedern gegen- und miteinander. Facebook stieg dadurch zu einem der wichtigsten Anbieter elektronischer Spiele auf. Geboten werden einfache Casual Games, von denen einige bereits Kultstatus erlangt haben.
Die erfolgsverwöhnte Gamesbranche erlebte im vergangenen Jahr erstmals eine Stagnation, teilweise sogar deutliche Verluste. In den USA büßte die Videospieleindustrie 2009 im Vergleich zum Vorjahr etwa acht Prozent ihres Umsatzes ein. In Deutschland machte der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e. V. das „eingetrübte Konsumklima“ dafür verantwortlich, dass der Umsatz sowohl bei den Konsolen als auch bei den Spielen geringfügig zurückging.
Große Veränderungen vollzogen sich insbesondere im Bereich der Software: Während für Games der Videospielkonsolen Nintendo Wii, Sony PlayStation 3 und Microsoft Xbox 360 die Verkaufszahlen erneut um 21 Prozent gesteigert wurden, brachen die Umsätze der elektronischen Spiele für die mobilen Konsolen Nintendo DS und PlayStation Portable mit einem Minus von 24 Prozent regelrecht ein. Auch bei der Software für PC-Spiele sank der Umsatz um etwa zehn Prozent.
FarmVille als Fast Food
Gerade im Bereich der Casual Games weichen Nutzer immer häufiger auf die kostenlosen Browser-Spiele im Internet aus (siehe Artikel „Browser-Spiele: Online-Welten für sparsame Spieler“ im medienforum.magazin 1/2009). Neuerdings wird auch in den Communitys des Social Web virtuell gespielt. Auf die Frage „Willst du mein FarmVille-Nachbar sein?“ antworten immer mehr der etwa 400 Millionen Facebook- Mitglieder mit einem Ja. So verbreitet sich der Spielvirus, der den harmlosen Namen FarmVille trägt, von Postfach zu Postfach und von Freund zu Freund. Und genau das ist das Typische an den sogenannten Social Games: Sie bieten bescheidene, leicht verständliche Online-Vergnügen, die in ihrer Summe für Millionenumsätze sorgen.
Vor allem bei Facebook werden Social Games – also Manager- oder Puzzle-Spiele, IQ-Tests und Casual Games – immer beliebter. Sie versprechen Online-Entertainment für zwischendurch, indem die Spielfiguren über ein simples Interface gesteuert werden. Aber der Spaß am Facebook-Fast- Food soll auch nicht aus raffinierten Grafiken resultieren, sondern aus dem spielerischen Mit- oder Gegeneinander. Siege oder Niederlagen teilt Facebook allen untereinander vernetzten Mitgliedern sofort mit. So können sich Freunde immer wieder aneinander messen, was für viele zum Ansporn wird, wieder und wieder zu spielen, um den eigenen Punktestand zu verbessern.
Millionen virtueller Bauernhöfe
Das Spiel FarmVille fesselte allein im Februar weltweit etwa 83 Millionen aktive Nutzer. Und so bepflanzen Tag für Tag mehr Menschen, als Deutschland Einwohner hat, virtuell ihre Agrarflächen – und bescheren der Entwicklerfirma Zynga damit einen satten Geldsegen. Bei dem im vergangenen Sommer erstmals veröffentlichten Game geht es darum, sich einen Bauernhof aufzubauen, ihn zu bewirtschaften und zu vergrößern. Ernteerträge bringen Einnahmen, die investiert werden können. Benachbarte Facebook- Mitglieder dürfen einander helfen oder miteinander handeln. Doch Ackerbau und Viehzucht sind auch im Fantasiereich von FarmVille zeitaufwendig. Wer sich nicht regelmäßig um Pflanzen und Tiere kümmert, bringt seinen Hof in Gefahr. Ähnlich wie beim Tamagotchi- Kult der 90er-Jahre entsteht rasch eine Abhängigkeit von der künstlichen Welt.
FarmVille ist ein typisches Social Game. Es benötigt keine teure Hard- oder Software, hat einfache Spielregeln und vernetzt Millionen von Menschen. Fleißige Facebook-Nebenerwerbslandwirte haben aus dem beschaulichen Online-Dorf längst ein riesiges Agrarland gemacht. Wirklich geerntet aber wird nur von Mark Pincus, dem Erfinder des Spiels, und seiner Firma Zynga. Ungefähr ein Zehntel der Teilnehmer, so schätzen Experten, schrecken nämlich auch vor echten Investitionen nicht zurück. Für knapp fünf Dollar etwa kaufen sie von Pincus und seinem Team einen virtuellen Geräteschuppen für ihr Online- Anwesen. Das Faszinierende an dem Geschäftsmodell ist, dass Cyberspace-Güter den Hersteller nur einmal etwas bei der Software-Entwicklung kosten, dann aber immer wieder ohne weitere Ausgaben reproduzierbar und vermarktbar sind.
Virtual Goods als Geldmaschine
Das Geschäftsmodell für die Facebook- Games ist nicht neu und hat längst auch anderswo im Internet für garantierte Renditen gesorgt: Die Spiele werden grundsätzlich in einer Basisversion kostenlos angeboten. Erweiterungen oder notwendige Werkzeuge aber sind kostenpflichtig. Mit solchen Virtual Goods arbeiten auch die großen Multiplayer-Rollenspiele im Internet. Farm- Ville-Hersteller Zynga meldete für 2009 einen Umsatz von mehr als 250 Millionen Dollar. Der Gesamtwert der Software- Firma, die erst vor knapp drei Jahren gegründet wurde, wird von Analysten auf zwischen 1,5 und drei Milliarden Dollar geschätzt. Nach eigenen Angaben erreicht Zynga täglich etwa siebzig Millionen Nutzer. Das Unternehmen bietet mit Café World (mehr als dreißig Millionen Nutzer im Februar) und Texas Hold’em Poker (fast 27 Millionen Nutzer im Februar) weitere Top-Ten-Games der Facebook-Familie (siehe Tabelle „Top Ten der Facebook-Games“).
Zynga entwickelt natürlich auch Spiele für andere Plattformen und soziale Netzwerke, zum Beispiel für MySpace und My Yahoo. Bei Facebook aber ist die Nachfrage inzwischen so groß, dass im Frühjahr eigene Übersichtsseiten (Games Dashboard und Application Dashboard) für die Spielefans eingerichtet wurden.
Zu diesem Zweck steht eine eigene Programmierschnittstelle (API) zur Verfügung, die es Spieleanbietern ermöglicht, mit ihren Nutzern zu kommunizieren und ihnen Nachrichten anzuzeigen. Um den Wettbewerbscharakter zu betonen, wird auf den Dashboards auch veröffentlicht, wer wann mit welchem Erfolg welche Spiele absolviert hat.
EA investiert in Pet Society
Nach einer Untersuchung im Auftrag des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft e. V. (BVDW) verbringen 83 Prozent der Online-Spieler täglich mehr als eine Stunde in der Welt von Internetgames. Je länger und je häufiger sie bei Facebook spielen, desto mehr Werbeeinnahmen bescheren sie dem Social Network. Zynga integriert darüber hinaus Auftritte weiterer Werbekunden in die Spiele selbst. Unlängst musste Facebook allerdings eines dieser Angebote (FishVille) entfernen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass Partner mit unlauteren Methoden Gratisangebote beworben hatten, tatsächlich aber via Telefonrechnung Gebühren einzogen.
Angesichts der Krise in der klassischen Videospielbranche sucht mittlerweile auch der Marktführer Electronic Arts (EA ) nach Erfolgen in den Sphären des Social Web. Deshalb platzierte das Unternehmen eine abgespeckte Version seines Football Video Game Madden NFL pünktlich zum Finale des US-„Super Bowl“ auch bei Facebook. EA kämpft seit 2007 mit Verlusten, investierte im vergangenen November aber noch einmal in ein neues Erlösmodell: Für 400 Millionen Euro wurde das Unternehmen Playfish übernommen, das ähnlich wie Zynga Spiele für Community-Plattformen entwickelt (unter anderem Pet Society, Country Story, Gangster City). Jetzt hofft auch EA , mit Millionen kleiner Geschäfte am Ende wieder das große Geschäft in Sachen Games zu machen.
01.05.2010 | Beitrag erstellt von in digital,games
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