Inzwischen verfügt etwa jedes sechste verkaufte Mobiltelefon über einen Online-Zugang. Die sogenannten Smartphones ermöglichen es ihren Nutzern, in beinahe jeder Situation wichtige Informationen und Services abzurufen – ganz gleich, wo sie sich gerade aufhalten. Digitale Applikationen sollen so eine erweiterte Wirklichkeit schaffen.

Im Kölner Skulpturenpark, unweit von Rhein und Zoobrücke, sind sie seit Mitte April bereits zu sehen: Auf den Schildern, die Name und Schöpfer der Kunstwerke nennen, kleben zusätzlich kleine quadratische Etiketten mit verwirrenden Pixelmustern. Einige der Besucher, die durch den Park schlendern, sind ratlos. Andere kennen sich aus, greifen zum Smartphone, fotografieren damit die rätselhaften Zeichencodes und erhalten nur wenige Augenblicke später auf ihrem Display Informationen über Kunstwerk und Künstler. Möglich wird das durch eine Technologie namens Mobile Art Guide der Hürther Firma Visitate. Das System basiert auf 2D-Barcodes. Die rätselhaften Pixelquadrate funktionieren so ähnlich wie die Strichcodes an der Supermarktkasse und bauen automatisch eine Verbindung zu einer passenden WWW-Seite auf.

Das Geheimnis der QR-Codes

Visitate nutzt für seine Mobile Art Guides die sogenannten QR-Codes. Die Buchstaben Q und R stehen dabei als Kürzel für Quick Response. Und tatsächlich erhielten während der Kunstmesse Art Cologne erstmals zahlreiche Besucher eine schnelle Antwort auf Fragen zu einzelnen Exponaten: Wenn sie die Barcodes per Smartphone abfotografierten, konnten sie wie beim normalen Telefonieren über ihr Handy sogar eine Stimme hören, die Erläuterungen zu Material und Intention einzelner Ausstellungsstücke gab. QR-Codes werden uns bald nahezu überall begegnen: vor Sehenswürdigkeiten, auf Produkten mit komplizierten Bedienungsanleitungen oder auch bei der Suche bestimmter Ziele, die wir zu Fuß oder mit dem Auto erreichen wollen. Das Smartphone erläutert uns historische Bauwerke, erklärt die Verwendung komplexer Geräte oder weist uns dank QR-Code und Satellitennavigationssystem GPS (Global Positioning System) den Weg quer durch die City zum Restaurant, dessen 2D-Barcode wir vielleicht in einer Gourmetzeitschrift abfotografiert haben.

Weil der Zugang zur Internetwelt zunehmend unsere wirkliche Welt mit Informationen in Alltagssituationen anreichert, haben Experten für dieses Phänomen den Begriff der Augmented Reality (AR) eingeführt, was so viel bedeuten soll wie „erweiterte Wirklichkeit“. Doch die QR-Codes sind nur ein Hilfsmittel, um uns Begleitmaterial passend zur Wirklichkeit zu liefern. Es geht auch einfacher: So stellte Google Ende vergangenen Jahres seine neue Software namens Goggles vor. Sie kann automatisch identifizieren, was wir per Smartphone fotografieren. Ein Klick, ein Bild – und schon sucht Goggles per Bilderkennung im Internet nach vergleichbaren Motiven, identifiziert das fotografierte Objekt und bietet uns passende WWW-Inhalte. Es ist fast so, als lernten unsere Smartphones zu sehen.

Apps helfen beim Preisvergleich

Die Zahl der Anwendungen für das mobile Internet wächst ständig (siehe Info-Kasten „Das Geschäft mit den Apps“). Wer mit seinem Apple- oder Android-Smartphone zum Beispiel im Supermarkt eine spezielle Applikation (App) des Software-Herstellers Checkitmobile nutzt, muss nur den Strichcode (1D-Barcode) auf dem Preisschild von Produkten fotografieren und erhält Informationen zur Qualität der Ware (Testurteile, Gütesiegel etc.). Mit dem App Woabi haben Entwickler desselben Unternehmens eine ähnliche Anwendung geschaffen, die aber noch weitreichendere Konsequenzen haben könnte. Der Name Woabi steht schlicht für „woanders billiger“: Auf der Basis des Strichcodes ermittelt ein Smartphone den Preis und vergleicht ihn online. Der Nutzer erfährt anschließend, wo es das jeweilige Produkt preiswerter gibt, und kann versuchen, mit dem Händler vor Ort zu handeln. Außerdem lassen sich mit der Woabi-Anwendung Produkte gleich über das Handy bestellen. Als Barcode-Scanner kann auch das App Red Laser eingesetzt werden, das den Preisvergleich mithilfe von Amazon und Google Product Search durchführt.

Der Einzelhandel zeigt sich von den neuen Möglichkeiten zum Preisvergleich erwartungsgemäß wenig begeistert und sucht bereits nach eigenen Apps. Ein Beispiel: Die britische Tesco-Gruppe führte im vergangenen Oktober die iPhone-Anwendung Store Finder ein. Die Applikation lotst Kunden auf Wunsch zu einer beliebigen Filiale des Unternehmens und dort sogar bis zu dem Regalplatz, an dem sich ein gesuchtes Produkt befindet. In Deutschland experimentieren Edeka und Real mit kostenlosen Apps für ihre Kunden. Die digitalen Anzeigen oder Einkaufszettel stoßen bislang allerdings nur auf mäßige Resonanz.

Navigationsgerät fürs Leben

Das Smartphone avanciert allmählich zum Navigationsgerät lokaler Lebenswelten. Auf der Basis von GPS und AR-Applikationen können Ortsunkundige über einen mobilen Internetzugang jederzeit ihren aktuellen Aufenthaltsort ermitteln – das iPhone wird zum Radargerät: So können Soldaten mit der Software One Force Tracker die eigene Position auf fremdem Terrain ermitteln. Natürlich überwiegen aber die zivilen Nutzungen unter den Navigationsangeboten der etwa 200.000 Apps. Beispielsweise kann man mit Google Latitude auf einer Karte für andere sichtbar machen, wo man sich gerade befindet. Die Latitude-Nutzer müssen sich im Vorfeld allerdings gegenseitig dazu berechtigen. Als besonders zukunftsträchtig wird von Analysten zurzeit das junge New Yorker Unternehmen Foursquare gelobt. Über die gleichnamige Plattform können Smartphone-Fans ihren Freunden nicht nur ihren momentanen Aufenthaltsort mitteilen, sondern dort auch jeweils spezielle Nachrichten hinterlassen. Geschieht dies zum Beispiel in einem Biergarten, zeigt das Handy von Freunden immer dann eine passende Botschaft an, wenn sie denselben Ort erreichen. Im Biergarten könnte eine solche Meldung vielleicht lauten: „Achtung, hier war mein Pils nicht gut gekühlt.“
Wenn Nutzer im System einchecken, übermittelt Foursquare alle Statusmeldungen automatisch an Facebook oder Twitter. Erst wurde das Internet mobil, jetzt also gilt Gleiches für das Social Web. Soziale Netzwerke sollen so noch lebendiger werden. Vor allem aber erhöht der Netzwerkeffekt die Reichweite aller Anbieter, was schließlich die Einnahmen steigen lässt (siehe Artikel „Social Media: Netzwerke mit Knoten und Löchern“). Das Kontaktpotenzial in Communitys scheint unbegrenzt. So zeigt etwa Tweetmondo.com auf Smartphone-Displays an, wo sich einzelne Mitglieder der Twitter-Community gerade aufhalten. Auf diese Weise können Besucher von Konzerten oder Sportveranstaltungen schnell herausfinden, welche ihrer Twitter-Follower sich gerade in der Nähe befinden.

Alltagshelfer mit Geo-Tagging

Augmented Reality überall und jederzeit – und entsprechende Anwendungen entstehen beinahe täglich. So übermittelt das vor knapp zwei Jahren gegründete Salzburger Start-up- Unternehmen Mobilizy mit seinem Wikitude World Browser zusätzlich ortsbezogene Informationen, die aus der Online- Enzyklopädie Wikipedia stammen. Darüber hinaus werden Daten des Ortsinformationssystems Qype berücksichtigt, die von Nutzern zu öffentlichen Einrichtungen, Restaurants oder Hotels gesammelt wurden. Mehr als zehntausendmal wird Wikitude täglich aufgerufen. Über die Website Wikitude.me lassen sich unter dem Motto „Geo-Tag the World“ weitere Fakten oder Bewertungen zu einzelnen Objekten auf einer Karte eintragen.

Das Geo-Tagging, bei dem raumbezogene Datensätze mit Koordinaten versehen werden, spielt im mobilen Internet eine wachsende Rolle. Künftig sollen uns Endgeräte wie iPhone (Apple) oder Nexus One (Google) jederzeit darüber Auskunft geben können, was sich rund um uns herum ereignet. dpa-infocom, Tochtergesellschaft der größten deutschen Nachrichtenagentur, hat ein Angebot namens Local Guide entwickelt, mit dem Lokalzeitungen ihren Lesern entsprechende Informationen liefern können. Auf der Basis von Googles Geo-Location- System können Smartphone-Applikationen erstellt werden, um hyperlokale Dienste anzubieten. So lassen sich unter anderem gezielt Veranstaltungs- und Einkaufstipps für Geschäfte oder Einrichtungen der Umgebung weiterleiten.

Droht das Ende der Privatheit? Voraussetzung für die Zukunft von Apps und Augmented Reality ist ein eng geknüpftes Koordinatensystem von (persönlichen) Daten. Wertet Google aus, wann wir welche Gegenstände fotografieren, um mobil und online Informationen zu erhalten, entsteht ein komplettes Bewegungsprofil. Und das hat außer einem hohen Bequemlichkeitsfaktor noch andere Effekte: So lässt sich beispielsweise gezielt Werbung anbieten, was die Werbebranche fasziniert, die Datenschützer allerdings alarmiert. Goggles kann sogar schon Gesichter erkennen, auch wenn diese Funktion noch deaktiviert ist. Könnte Google tatsächlich Fremde identifizieren, könnten wir Dinge über Menschen erfahren, die dies weder wissen noch wollen. Dann würde jeder, der in einem Straßencafé sitzt, mit einem Klick zur öffentlichen Person. Schließlich würden unsere Profile bei Facebook, eine Twitter-Meldung oder Online-Veröffentlichungen Dritter über uns jede Anonymität und Privatsphäre im öffentlichen Raum zerstören.

HINTERGRUNDINFO // KOSTENFAKTOR SMARTPHONE

In Deutschland ist nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom mittlerweile fast jedes dritte verkaufte Mobiltelefon ein Smartphone. Dennoch entscheiden sich, so ergab eine Online-Umfrage der Unternehmensberatung Accenture, nur etwa 17 Prozent aller Handybesitzer für einen Mobilfunk-Internetzugang, wovon sieben Prozentpunkte auf kostengünstigere WLAN -Hotspots entfallen. Grund für die zögerliche Nutzung sind vor allem die relativ hohen Datentarife.

Von denen, die über einen Online-Zugang via Smartphone verfügen, wählen sich nach Angaben von Accenture 43 Prozent täglich mobil im World Wide Web ein. 2009 lag dieser Wert nur bei 33 Prozent. Besonders oft per Handy surfen iPhone-Besitzer. Auslöser dafür sind die einfache Bedienbarkeit und die große Anzahl von Applikationen (Apps) des Apple-Systems.

Mehr als siebzig Prozent aller genutzten Apps sind gratis. Für kostenpflichtige Anwendungen müssen Anbieter einen Teil des von ihnen selbst festgelegten Preises an die Plattformbetreiber abführen. Apple und Google kassieren so jeweils dreißig Prozent Provision.

HINTERGRUNDINFO // DAS GESCHÄFT MIT DEN APPS

Der weltweite Umsatz mit Mobilfunkapplikationen (Apps) soll nach Schätzungen des Marktforschungsunternehmens Gartner in diesem Jahr von 4,2 Milliarden Dollar (2009) auf 6,2 Milliarden Dollar wachsen. Hinzu sollen etwa 600 Millionen Dollar kommen, die mit Werbung erwirtschaftet werden. Insgesamt rechnen Analysten für dieses Jahr mit mehr als 4,5 Milliarden Downloads, von denen etwa achtzig Prozent gratis sein sollen.

Apple bietet zurzeit über den App Store etwa 200.000 Apps. Während der Anbieter alle neuen Anwendungen streng prüft und einzeln zulässt, hat sich Google für möglichst liberale, offene Standards entschieden und will so bis zum Jahresende über die Plattform Android Market sein Angebot von derzeit etwa 25.000 auf 100.000 Apps vergrößern.

App-Plattformen werden auch von Nokia (Ovi Store), Palm (App Catalog), Microsoft (Windows Marketplace for Mobile) und Intel (AppUp Center) angeboten. Im Frühjahr kündigte außerdem eine Allianz von 24 Mobilfunkbetreibern an – darunter auch AT&T, die Telekom AG und Vodafone –, eine eigene, freie Plattform zu gründen.

STANDPUNKT // THE MOBILE PHONE CAN DELIVER MAGICAL EXPERIENCES

By Tomi T. Ahonen, Consultant and Author

Over the past two years, however, new and very exciting media formats have started to appear on our phones, in the form of applications and even augmented reality. It seems that every day we hear of yet another major media brand launching an ‘iPhone app’ which range from just copying their websites to very innovative media experiences.

Zum Standpunkt

01.05.2010 | Beitrag erstellt von Dr. Matthias Kurp in digital
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Tags: apps, augmented reality, mobile media, digital Views: 2096

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