Deutsche TV-Programmanbieter spielen auch bei Produktionen von Kinofilmen eine zentrale Rolle. Sie sind oft Koproduzenten und zugleich Gesellschafter der großen Filmförderungen, sie beteiligen sich an der Finanzierung von Fördermaßnahmen oder strahlen kostenlos Werbespots aus. Der deutsche Filmmarkt weist andere Strukturen und Mechanismen auf als der US-amerikanische, wo die großen Major-Studios den Ton angeben. Weil die meisten Filmproduzenten in Deutschland keine starke Finanzdecke haben, brauchen sie finanzkräftige Partner. Dabei spielen vor allem die TV-Programmanbieter eine zentrale Rolle: Durch ihre monetäre Einbindung haben sie automatisch großen Einfluss auf die Produktion und alle kreativen Prozesse, die bei der Entstehung eines Films wichtig sind. Daraus aber resultiert zugleich ein Spannungsverhältnis zweier Medien, die verschiedene Ziele verfolgen.

Großes Konfliktpotenzial

Wenn die zuständige TV-Redaktion und das ausführende Produktionsunternehmen unterschiedliche Ansichten über ein gemeinsames Projekt vertreten, sind Konflikte vorprogrammiert. Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie beim Westdeutschen Rundfunk, bedauert in diesem Zusammenhang das schlechte Image der TV-Branche. Oft werde die konstruktive und kreative Teilhabe von TV-Programmmachern als Koproduzenten beim Entstehen von Kinofilmen nicht (an-)erkannt. Die Einschätzung, dass Kinoproduzenten in Deutschland gegenüber den Fernsehmachern benachteiligt seien, hält er für falsch: Die Stellung der Produzenten sei ja „sehr stark“. Tatsächlich werden Filme erst lange in den Kinos gezeigt, um anschließend über die Kanäle DVD, Video on Demand und Pay-TV verwertet zu werden. „Und wir kommen erst zum Schluss. Erst Jahre nach ihrer Kinopremiere haben wir Filme wie ‚Lola rennt’ im Programm“, verteidigt Henke die Rolle des Fernsehens, das oft zugleich Gratis-Werbespots für Kinofilme anbietet. Für die Produzentin Regina Ziegler, deren mehr als 18 Millionen Euro teure Heinrich- Mann-Verfilmung „Henri 4“ unlängst in den Kinos startete, jedenfalls steht fest: „Die Sender, hier vor allem die öffentlich-rechtlichen, sind auch für den Produzenten von Kinofilmen fast unverzichtbar, denn die meisten Kinofilme brauchen Fernsehgeld.“ Aber gleichzeitig, so ergänzt Ziegler, entstehe aus der Ko-Rolle, die der Gesetzgeber den Sendern zugewiesen habe, nicht unbedingt eine „Liebesbeziehung“. Diese Konstellation sei „politisch“ gewollt, aber nicht das Ergebnis ästhetischer oder gar unternehmerischer Konvergenz. „Eine Vernunftehe eben und selten wirklich mehr“, urteilt die Produzentin, „aber auch Vernunftehen stehen für schöne Kinder.“

Internationale Koproduktionen

Die Erfahrungen, die Filmproduzenten mit den Fernsehleuten machen, sind unterschiedlich. Auch Regina Ziegler war in der Vergangenheit nicht immer zufrieden. Manchmal habe es fabelhaft funktioniert, doch in anderen Fällen habe auch jemand die Devise ausgegeben, es gehe nicht um einen Kinofilm, sondern nur um Fernsehen. „Das ist für einen Kinofilm in der Regel mit ähnlichen Folgen verbunden, wie sie entstehen, wenn eine Ratingagentur eine Bank oder gar ein Land herabstuft“, urteilt die erfolgreiche Produzentin. Wenn sich hingegen alle auf das eine Produkt konzentrieren würden, ginge meistens alles sehr gut. „Wenn aber, wie etwa bei manchen Kritikern, die Auffassung herrscht, Film sei das Edle für die Eliten und Fernsehen das Gewöhnliche für die Dummen, ist die Prognose schlecht“, warnt Ziegler. Allmählich arbeiten TV-Stationen auch international zusammen, wenn es um große Kinoproduktionen geht. Bei der ARD-Tochtergesellschaft Degeto Film beispielsweise, die unter anderem Produktionen wie „Luther“, „Der Untergang“, „Kirschblüten – Hanami“, „Wüstenblume“, „Die Päpstin“ und „Das weiße Band“ unterstützte, war das bisher eher im Fernsehbereich üblich. „Internationale Kinoproduktionen werden noch nicht so stark genutzt, sind aber im Kommen, wie man zum Beispiel an den aktuellen Stieg-Larsson-Verfilmungen sehen kann“, bestätigt Degeto-Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan. Er vermutet, dass die Beteiligung an internationalen Kinoproduktionen für die TV-Branche zukünftig „schon allein aus finanziellen Gründen“ attraktiver wird. So haben etwa bei „Henri 4“ unter anderem der WDR, der ORF und France 2 zusammengearbeitet. Das Beispiel hat gezeigt, dass bei optimaler Abstimmung alle Beteiligten profitieren können.

01.05.2010 | Beitrag erstellt von Wilfried Urbe in film
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Tags: produktion, qualität, finanzierung, film Views: 2096

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