Von Philipp Grüll, Kommunikationswissenschaftler und Journalist beim Bayerischen Rundfunk

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Standpunkt zum Artikel: NACHRICHTENAGENTUREN // VOR DER BEWÄHRUNGSPROBE
Von Philipp Grüll, Kommunikationswissenschaftler und Journalist beim Bayerischen Rundfunk

Die Zeit der Informationsgesellschaft ist die Zeit der Infomationsinflation. Nachrichten gibt es wie Wasser aus dem Wasserhahn – fast umsonst, so gut wie immer und überall. Das ist schlecht für das Geschäft der Nachrichtenhändler. Dabei kommt gerade den Agenturen in der Medienkrise eine entscheidende Bedeutung zu: Sie müssen leisten, was viele ihrer Kunden nicht mehr leisten können.

Als Reaktion auf schwindende Auflagen und Werbekrisen haben viele Medienhäuser ihre Redaktionen ausgedünnt. Die Konsequenz: Die verbliebenen Journalisten müssen immer mehr Aufgaben bewältigen. Sie sind seltener in der Lage, eigene Themen zu setzen und Agenturmeldungen zu überprüfen. Dazu kommt, dass nur wenige Medien Online-Redaktionen finanzieren, die diesen Namen verdienen. Sie begnügen sich weitgehend damit, Agenturmeldungen ungeprüft zu übernehmen.

Das ist schlimm genug. Wenn auch noch die Nachrichtenagenturen zunehmend unter Druck geraten, verschärft das die Folgen der Medienkrise weiter. Denn wenn Online-, Print- und Rundfunkredakteuren die Zeit für die Recherche fehlt, müssen zumindest die Agenturredakteure die Möglichkeit haben, eine zweite Quelle zu suchen und ihre Informationen zu hinterfragen.

Außerdem haben viele Verlage ihre Korrespondentennetze zusammengestrichen. Beispiel Afrika: Dort arbeiten so wenige deutsche Journalisten wie nie zuvor. Wenn südlich der Sahara genau zwei deutsche Tageszeitungen einen eigenen Korrespondenten beschäftigen, ist eines entscheidend: dass sich AFP, AP, dpa und Reuters ihre teuren Büros weiterhin leisten können.

Auch im Inland ist die Zahl der Korrespondenten gesunken. Gleichzeitig meinen viele Verleger, die Zukunft der Zeitung liege vor allem in der Regionalberichterstattung. Wirklich helfen können ihnen die Landesdienste von ddp und dpa dabei nur, wenn diese in der Lage sind, ihre Mitarbeiter für Recherchen in die Region zu schicken.
 
Gerade in der Medienkrise müssen sich deshalb Verlage und Sender ihrer Verantwortung für die dpa bewusst sein – die Agentur, die ihnen selbst gehört. Gerade jetzt ist wichtig, dass sie ihre Abos nicht kündigen.

Doch auch die Agenturen sind gefordert. Mehr denn je müssen sie mit ihrem Angebot überzeugen. Dabei täten sie gut daran, sich weniger mit Meldungen darüber aufzuhalten, von welcher Kleidung die Prada-Chefin abrät oder wer was beim Promi-Dinner kocht. Sie würden Zeit gewinnen – Zeit für Recherche, Zeit für knackige Formulierungen, Zeit für das Wesentliche: Nachrichten.

Notfalls müssen sie Allianzen eingehen, denn der deutsche Agenturmarkt krankt chronisch daran, dass es zu viele Anbieter gibt. Wenn ddp wie derzeit geplant den deutschen AP-Dienst übernehmen sollte, könnte das langfristig zu einer heilsamen Marktbereinigung führen. Voraussetzung wäre allerdings, dass eine vereinte ddp/AP nicht zum Generalangriff auf die dpa bläst.

Nachrichten mögen zwar verfügbar sein wie Wasser aus dem Wasserhahn. Doch was nützt ein Wasserhahn ohne saubere Quellen? Die Hauptquellen für Nachrichten sind die Agenturen.

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