Der neue Medienatlas NRW bietet als Online-Datenbank einen Überblick über alle wichtigen Angebote der lokalen Medienmärkte in Nordrhein-Westfalen. Unternehmensstrukturen und crossmediale Beteiligungen werden bei dem LfM-Projekt ebenso transparent wie die Ausprägungen der Medienkonzentration. Tageszeitungen, Zeitschriften und Anzeigenblätter, Lokalfunkstationen, die Fernsehbranche, Online-Angebote, crossmediale Entwicklungen und eine wachsende Games-Industrie: In der nordrhein-westfälischen Medienbranche arbeiten mehr als 340.000 Beschäftigte in etwa 63.000 Unternehmen.

Die Jahreseinnahmen der Medienindustrie im größten deutschen Bundesland summierten sich 2007 auf etwa 120 Milliarden Euro. Jenseits dieser Zahlen des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik gibt es nun mit dem Medienatlas NRW auch detailliertere Angaben zu einzelnen lokalen Medienmärkten.

„Wer macht wo eigentlich was?“, lautete die Frage, die sich ein Team des Dortmunder FORMATT-Institutes im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) stellte. Akribisch wurden deshalb Informationen gesammelt und mehr als 12.000 Einzeldaten-Einträge so aufbereitet, dass sie über die Internet-Adresse der LfM http://www.lfm-nrw.de/medienatlas/basis.html abgerufen werden können. Online lassen sich auf diese Weise für einzelne Städte oder Landkreise alle dort erscheinenden Tageszeitungen und Anzeigenblätter herausfinden. Darüber hinaus werden für die einzelnen Verbreitungsgebiete auch die jeweils zuständigen Lokalfunkstationen oder Anbieter von Lokalfernsehen, lokalen Printmagazinen oder Online-Angeboten angezeigt. Wer wissen will, welches lokale Medium wo erscheint, dem eröffnet die Kartografie des Medienatlas spannende Perspektiven und gibt wertvolle Auskünfte über die Vielfalt der Branche oder auch die Medienkonzentration in den unterschiedlichen Landesteilen von Nordrhein-Westfalen.

Quelle: Medienatlas NRW/Formatt

Hintergrund per Hyperlink

Einzigartig am Medienatlas NRW ist, dass außer den Adressen der Medienbetriebe auch Unternehmensporträts abgerufen werden können. So lässt sich jeweils über einen Klick auf den Begriff „Portfolio“ in der oberen Menüleiste leicht feststellen, was viele auf den ersten Blick nicht ahnen. Wer also zum Beispiel auf der virtuellen NRW-Landkarte die Stadt Leverkusen anklickt, erfährt, dass dort die Zeitungen Rheinische Post und Leverkusener Anzeiger erscheinen. Jeweils ein weiterer Hyperlink führt dann zu einem Fenster, in dem die Verlage, von denen die beiden Zeitungen herausgegeben werden, porträtiert werden. Im Fall des Leverkusener Anzeigers handelt es sich um den Verlag des Kölner Stadt-Anzeigers, die M. DuMont Schauberg Expedition der Kölnischen Zeitung GmbH & Co. KG. In einem kurzen Firmenporträt führt der Medienatlas NRW Auflagen- und Umsatzzahlen des Verlags auf, skizziert die Unternehmensgeschichte und weist auf weitere Tochterfirmen des Kölner Medienhauses hin. Alle Beteiligungen sowie die Zeitungsmarktanteile in unterschiedlichen Verbreitungsgebieten werden zudem grafisch dargestellt.

Die „Vermessung“ der NRW-Medienlandschaft basiert auf einer Datenbank, die FORMATT-Geschäftsführer Horst Röper bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten kontinuierlich aktualisiert. Der Experte für Medienkonzentration und -vielfalt gehörte schon vor mehr als 25 Jahren zu dem Team, das im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung den ersten Medienatlas Nordrhein-Westfalen erstellte, der – damals noch in gedruckter Form – Ende 1983 erschien. Die „umfassende Bestandsaufnahme des vorhandenen Kommunikations- und Mediengefüges im Land Nordrhein-Westfalen“ (Originalton des ehemaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau im Geleitwort) galt zu dieser Zeit als echte Pionierleistung.

Transparente Medienmärkte

Der neue Medienatlas NRW soll künftig im LfM-Auftrag regelmäßig aktualisiert werden. Die nordrhein-westfälische Landesmedienanstalt hatte früher bereits zwei ähnliche Projekte initiiert: So analysierte FORMATT die publizistische Vielfalt in Nordrhein-Westfalen erstmals 1990 kurz vor dem Start des Lokalfunks und untersuchte dabei auch die redaktionellen Inhalte der Lokalzeitungen. Schließlich entstand 2001 eine weitere Strukturanalyse. Während die beiden genannten Studien aber als Fachbücher erschienen und deshalb vor allem von Wissenschaftlern, Forschern oder Studierenden zur Kenntnis genommen wurden, bietet der neue Medienatlas NRW nun online kostenfreie Informationen für alle Interessierten.

„Wir wollen mit diesem Service einen wichtigen Beitrag zu mehr Transparenz in der Medienlandschaft leisten“, hebt Horst Röper ein zentrales Motiv für das unermüdliche Datensammeln und das darauf basierende Online-Konzept hervor. Zusätzlich zu den grafischen Informationen steht im Internet auch der komplette Bericht des LfM-Forschungsprojektes zum Download bereit. Das Kompendium fasst auf mehr als 150 Seiten die wichtigsten Ergebnisse der äußerst umfangreichen Datenerhebung zusammen. In dem ausführlichen Dossier spiegelt sich sowohl die Krise auf dem Tageszeitungsmarkt als auch die wachsende Pressekonzentration wider.

Der Verlust an publizistischer Vielfalt trifft vor allem auf den Zeitungsmarkt zu und ist kaum zu übersehen: In den vergangenen 15 Jahren sind in Nordrhein-Westfalen acht selbstständige Lokalzeitungen vom Markt verschwunden beziehungsweise von anderen Verlagen übernommen worden. Die noch existierenden 42 nordrhein-westfälischen Tageszeitungen haben zwischen 1993 und 2008 etwa 23 Prozent ihrer Auflage eingebüßt. „Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar“, heißt es in der Studie der Dortmunder Medienforscher. Die Zeitungsgruppe WAZ hat als Marktführer in Nordrhein-Westfalen allein von 2002 bis 2008 knapp 19 Prozent ihrer verkauften Auflage verloren.

Monopole bedrohen Vielfalt

Bereits 1983 klagten die Autoren des ersten nordrhein-westfälischen Medienatlas über ein hohes Maß an Pressekonzentration. Seitdem hat sich die Situation noch verschärft: Knapp ein Viertel der Bevölkerung von Nordrhein-Westfalen konnte sich 2008 mithilfe von nur noch jeweils einer Zeitung über das jeweilige lokale Geschehen informieren. Dabei existieren durchaus regionale Unterschiede. So lebt im Regierungsbezirk Münster fast die Hälfte der Haushalte in Gebieten mit lediglich einer Lokalzeitung (vierzig Städte/Gemeinden), unterdessen gilt dies im Regierungsbezirk Düsseldorf nur für knapp ein Fünftel der Bevölkerung.

Während die Lokalzeitungen an Bedeutung verloren haben, existieren mittlerweile – im Gegensatz zu den 80er-Jahren – auch andere lokale Informationsangebote mit großer Reichweite. Beispielsweise stieg die Zahl der lokalen oder regionalen Zeitschriften in Nordrhein-Westfalen von knapp achtzig (1990) bis 2008 auf mehr als 180 Titel und hat sich allein seit 2002 fast verdoppelt. Wachstum ist auch bei den Anzeigenblättern zu beobachten: Mit 545 Titeln waren 2008 fast 43 Prozent mehr solcher Publikationen auf dem nordrhein-westfälischen Markt als noch 2002. An etwa der Hälfte aller Anzeigenblätter sind Zeitungsverlage beteiligt. Größter Anbieter ist mit einer gewichteten Auflage von mehr als fünf Millionen Exemplaren die WAZ-Gruppe mit ihren Tochterfirmen Westdeutsche Verlags- und Werbegesellschaft (WVW), WAZ-Medien Service (beide in Essen) und einer 50-prozentigen Beteiligung an der Ostruhr Anzeigenblattgesellschaft (in Lünen).

Vielzahl neuer Angebote

Auch die 45 Lokalfunkstationen tragen dazu bei, dass die Bürger in Nordrhein-Westfalen mit Informationen über das örtliche Geschehen ihrer Wohnorte versorgt werden. Allerdings, so schränken die Autoren des neuen Medienatlas NRW ein, leiste der Lokalfunk „weniger an lokaler Information, als von manchen in der Gründerzeit erhofft“. Lokale TV-Programme existieren bislang nur in einigen Ballungsräumen, und zwar in Aachen, Bocholt, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Köln und Mönchengladbach.

Fast alle Verlage periodischer Printmedien in Nordrhein-Westfalen ergänzen ihre analogen Angebote inzwischen durch digitale Informationsinhalte im Internet. Für diesen Bereich kann der Medienatlas NRW nur einen kursorischen Überblick liefern. Die Online-Strategien von Lokalzeitungen und Anzeigenblättern in Nordrhein-Westfalen reichen vom selbstständigen Online-Portal, wie zum Beispiel www.derwesten.de, über automatisch aggregierte HTML-Seiten der Printversionen bis zur PDF-Fassung der gedruckten Zeitung. Darüber hinaus existierten aber auch mindestens sechzig lokaljournalistische Online-Angebote, die, wie zum Beispiel www.waterboelles.de, nicht von etablierten Medienunternehmen stammen. Hält dieser Trend an, dürfte die „Kartierung“ und Einordnung solcher Inhalte für die Macher des Medienatlas NRW zur nächsten großen Herausforderung werden.

Dr. Matthias Kurp

07.11.2009 | Beitrag erstellt von redaktion in special nrw
Kommentar erstellen | Trackback-Link
Tags: nrw Views: 2193

  •  
  • 0 Kommentar(e)
  •  

Mein Kommentar

Zurück

Kategorien

Medienforum Magazin

  • [+]2011
  • [+]2010
  • [+]2009
  • [+]2008
  • [+]2007

Letzte Kommentare

Archiv

Archiv

ARCHIV MEDIENFORUM.MAGAZIN

Das medienforum.magazin berichtet zweimal jährlich über aktuelle Themen der Medienbranche. Alle Texte finden Sie hier zum Download.