LONG TERM EVOLUTION // PILOTPROJEKT FÜR NEUEN MOBILFUNKSTANDARD

Rundfunkangebote und breitbandige Online-Verbindungen sollen schon bald überall auch per Handy in bester Qualität zu nutzen sein. Die neue Technologie LTE (Long Term Evolution) verspricht Übertragungsraten von mehr als hundert Megabit pro Sekunde und wird zurzeit in Nordrhein-Westfalen intensiv getestet. Auf der Nordhelle, der höchsten Erhebung des westlichen Sauerlandes, startete im vergangenen September ein Pilotversuch, der den Weg in die Mobilfunkzukunft ebnen soll. Der 663 Meter hohe Berg ist die Heimat eines WDR-Sendeturms, auf dem in 56 Metern Höhe eine Anlage montiert wurde, die LTE-Signale ausstrahlt. Empfangen lassen sich die Funkwellen allerdings vorerst nur von ein oder zwei Endgeräten im Raum Südwestfalen. Mit diesen Prototypen wird getestet, welche Datenmengen sich in welcher Zeit stabil übertragen lassen, ohne dabei andere Angebote wie etwa das digitale terrestrische Fernsehen (DVB-T) oder die Einspeisesignale für TV-Kabelnetze zu stören.


Hoffnung auf UMTS-Nachfolger

„Die Industrie befindet sich an einem Wendepunkt“, zitierte unlängst die Financial Times Deutschland den Marktforscher Neil Mawston von Strategy Analytics. Als Nachfolger von UMTS soll Long Term Evolution auf dem Weg zu einer neuen Mobilfunkgeneration künftig zehnmal mehr Anwender erreichen und außer Sprache auch interaktive Online-Applikationen inklusive schnellen Datentransfers und IPTV bieten. Das südwestfälische Pilotprojekt wurde auch initiiert, damit Nordrhein-Westfalen seine Position als Deutschlands bedeutendster Mobilfunkstandort künftig weiter ausbauen kann.

Erste Versuche mit der neuen Technologie starteten im Medienland NRW bereits vor etwa einem halben Jahr. Mit Unterstützung der Landesregierung erforschen das in Düsseldorf ansässige Telekommunikationsunternehmen Vodafone, der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) die technischen Potenziale von LTE. Dafür wird das Frequenzspektrum genutzt, das als digitale Dividende durch die Abschaltung des analogen terrestrischen Fernsehens frei geworden ist. Dadurch steht zunächst das Frequenzspektrum von 790 bis 862 Megahertz (Kanäle 61 bis 69) zur Verfügung.

Quantensprung fürs mobile Internet

Hochauflösende Filme sollen künftig ebenso per Mobilfunk übertragen werden wie Computerspiele oder Videokonferenzen. „Ich verspreche mir durch die Zusammenarbeit von Vodafone und dem WDR ein großes Potenzial an neuen Geschäftsmodellen, die für die Weiterentwicklung konvergenter Endgeräte unabdingbar sind“, beschreibt Andreas Krautscheid, Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen, eines der Ziele des LTE-Pilotprojektes.

Noch ist offen, was die neue Technologie alles leisten kann. Denkbar sind Datenraten fürs Handy, wie sie zurzeit nur bei DSL-Festnetzverbindungen möglich sind. Damit ließen sich interaktive Online-Services schnell auf mobile Endgeräte übertragen, und auch der Transport von Fernsehsignalen via Mobilfunk könnte optimiert werden. „Das Pilotprojekt ist für uns ein wichtiger Schritt, um die technischen Voraussetzungen für das mobile Internet weiterzuentwickeln und den Verbrauchern so einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu unseren Inhalten zu ermöglichen“, erläutert WDR-Intendantin Monika Piel. Anfang September stellten Samsung und Nokia erste LTE-Modems vor, die im nächsten Jahr auf den Markt kommen sollen.

Entwicklung der Mobilfunktechnologien

Auf der Überholspur unterwegs

LTE kann noch mehr leisten als die UMTS-Datenübertragungsverfahren HSDPA (High Speed Downlink Packet Access), HSUPA (High Speed Uplink Packet Access) und HSPA+ (High Speed Packet Access Plus), die alle auf einer Bandbreite von fünf Megahertz basieren.

Der neue Standard bietet erstmals verschiedene Bandbreiten (1,4; 3; 5; 10; 15 und 20 MHz) und lässt sich so flexibel in unterschiedlichen zukünftigen Spektren einsetzen.

Bei zwanzig Megahertz sollen sich mit der LTE-Technologie pro Sekunde Spitzendatenraten von 300 Megabits im Downlink und 75 Megabits im Uplink mit Latenzzeiten von weniger als fünf Millisekunden erreichen lassen.

Die Leistungsstärke der neuen Mobilfunkgenerationen ist auch auf verbesserte Modulationsverfahren zurückzuführen, die auf OFDM (Orthogonal Frequency Division Multiplexing) basieren. Dieses System zerlegt das vorhandene Spektrum in viele schmalbandige Träger, kann tatsächlich benötigte Bandbreiten so optimal zuordnen und gilt als weniger störungsanfällig.

Noch fehlen serienreife Endgeräte

Zu den Vorteilen der LTE-Technologie gehören auch die paketorientierte Datenübertragung (All-IP-Netz), wie sie im Internet angewendet wird, sowie niedrige Datenübertragungskosten durch die Funkschnittstelle und ein geringer Stromverbrauch der Mobilgeräte, was zu langen Betriebszeiten für LTE-Handys führen wird. Außerdem ermöglicht der LTE-Standard, dass Endgeräte eine ständige Verbindung ins Netz haben, also „always on” sein können. Noch aber existieren von den neuen Smartphones nur wenige Prototypen, von denen einige – wie im Rahmen der Branchenmesse CeBIT gezeigt – noch die Größe eines Autoradios haben.

Marktführer Nokia kündigte die ersten Serienmodelle für das kommende Jahr an. Vor allem die Entwicklung geeigneter Multimode-Chips stellt zurzeit eine große Herausforderung dar. Sie sollen Handys und andere Endgeräte der Unterhaltungselektronik fit für die LTE-Ära machen. Das Spektrum der digitalen Produkte, die schon bald mit LTE-Funktechnologie für den mobilen Internetzugang ausgestattet werden sollen, reicht vom Smartphone über Fotoapparat und Spielkonsole bis zum Navigationsgerät.

Vodafone-Abkommen mit Huawei

Vodafone hat im August ein Abkommen mit dem chinesischen Telekommunikationsausrüster Huawei geschlossen, dessen Europa-Zentrale 2008 von London nach Düsseldorf verlegt wurde. Gemeinsam wollen die Unternehmen an der Kompatibilität von LTE und Digital-TV beziehungsweise Digital-Radio arbeiten und die Breitbandabdeckung in weniger dicht besiedelten Regionen verbessern.

„Die Versorgung auch ländlicher Gebiete mit Breitband-Internet spielt eine zentrale Rolle für die Attraktivität von Städten und Gemeinden als Wohnort und Standort für Unternehmen. Das gemeinsame Pilotprojekt in Nordrhein-Westfalen ist ein wichtiger Schritt. Wir haben ein klares Ziel: Internet für alle“, verspricht Thomas Ellerbeck, Mitglied der Geschäftsleitung von Vodafone D2 GmbH und Vodafone AG & Co. KG. Immerhin haben noch immer etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland keinen Zugang zu einer schnellen Online-Verbindung via DSL.

Großes Potenzial auch für den Rundfunk

Dass der neue Standard Long Term Evolution genau wie das Internet-Protokoll auf den Transport von Datenpaketen setzt, bedeutet für Diensteanbieter einen großen Vorteil. So können unterschiedliche Services (Sprache, Daten, Videos etc.) kostengünstig kombiniert werden, und herkömmliche Mobilfunk-Sprachdienste lassen sich einfach durch klassische Online-Angebote (Downloads, Interaktivität etc.) und auch Rundfunk ergänzen.

„Mit LTE bietet sich ein neuer Übertragungsweg für den mobilen Empfang von Hörfunk und Fernsehen. Wir unterstützen als Landesmedienanstalt das Projekt, weil wir uns daraus wichtige Erkenntnisse nicht nur für uns, sondern vor allem für den Privatfunk versprechen“, begründet Jürgen Brautmeier, Stellvertreter des LfM-Direktors, das Engagement der Landesmedienanstalt, deren Tochtergesellschaft LfM Nova GmbH das nordrhein-westfälische Pilotprojekt koordiniert.

Suche nach optimalen Frequenzen

Mit einer Marktreife und flächendeckenden LTE-Abdeckungen rechnen Experten frühestens für das nächste Jahr. Bevor die Bundesnetzagentur in Deutschland entsprechende Frequenzen ausschreibt, muss noch geklärt werden, ob statt des Bereiches oberhalb von 790 Megahertz nicht andere Frequenzen – zum Beispiel ein Ausbau im 900-Megahertz-Bereich oder das UMTS-Erweiterungsband zwischen 2.500 und 2.690 Megahertz – günstiger für LTE-Anwendungen wären.

„Der Mobilfunkdienst im Frequenzbereich 790-862 MHz  darf keine Störungen des Rundfunkdienstes verursachen“, heißt es in einem Eckpunktepapier der Bonner Bundesnetzagentur vom 13. März 2009. „Wir müssen erst einmal sehen, wie die DVB-T-Box aus dem Baumarkt auf LTE-Signale reagiert“, sagte Rüdiger Malfeld im Juni während des 21. medienforum.nrw in Köln. Der Leiter der Hauptabteilung Infrastrukturmanagement des Westdeutschen Rundfunks sorgt sich außerdem um die drahtlose Reportagetechnik, die durch die digitalen LTE-Signale unter Umständen gestört werden könnte. Drahtlose Mikrofone, die auch bei Konzerten und Bühnen-Shows eingesetzt werden, dürfen nämlich noch bis 2015 ebenfalls den Frequenzbereich zwischen 790 und 862 Megahertz nutzen.

LTE-Offensive in den USA und Japan

Dass die meisten Pilotprojekte mit möglichst niedrigen Frequenzen operieren, liegt daran, dass die LTE-Basisstationen in diesem Bereich eine große Reichweite und gute Gebäudedurchdringung aufweisen. Deshalb setzte auch der US-Mobilfunkanbieter Verizon Communications bei einem Test in Boston und Seattle unlängst auf ein Netz im 700-Megahertz-Band.

Ähnlich wie Verizon will auch der japanische Telekommunikationskonzern NTT DoCoMo im kommenden Jahr erste LTE-Kunden gewinnen. Japans Marktführer, so berichtete Nikkei.com, werde in den kommenden fünf Jahren etwa vier Milliarden US-Dollar in den Ausbau eines LTE-Netzwerkes investieren, um 2014 durchschnittlich jedem zweiten Kunden einen LTE-Tarif anbieten zu können.

Schweden in Europa Vorreiter

In Europa soll das erste Netz der neuen Mobilfunk-Ära Ende nächsten Jahres in Schweden in Betrieb gehen. Der Netzwerkausrüster Ericsson und der skandinavische Mobilfunkprovider TeliaSonera wollen das LTE-Mobilfunkzeitalter gemeinsam einläuten. Die Bonner Telekom AG hat – ebenfalls mit Unterstützung von Huawei – in Innsbruck und Wien Testnetze aufgebaut, Alcatel-Lucent installiert Ähnliches in Stuttgart.

Mit einem Start mobiler LTE-Online-Dienste in Deutschland wird frühestens für 2011 oder 2012 gerechnet. Für stationäre Online-Zugänge aber, die vor allem in ländlichen Gebieten derzeit nicht via DSL angeboten werden können, soll LTE schon früher Wirklichkeit werden. Fritz Joussen, Vorsitzender der Geschäftsführung von Vodafone Deutschland, kündigte in einem Zeitungsinterview an, sein Unternehmen werde einen dreistelligen Millionenbetrag in die LTE-Aufrüstung vorhandener Sendeanlagen investieren, um bis spätestens Ende 2010 bestehende DSL-Lücken zu beseitigen.

Streit um Frequenzen

Im kommenden Frühsommer wird die Bundesnetzagentur Frequenzblöcke im 800-Megahertz-Bereich versteigern, die von den TV-Programmanbietern nicht mehr zur analogen terrestrischen Verbreitung benötigt werden („digitale Dividende“). Insgesamt geht es um Kapazitäten, die noch größer sind als die UMTS-Ressourcen, die vor neun Jahren dem Bund einen Rekorderlös von etwa fünfzig Milliarden Euro einbrachten. Dennoch wird angesichts der wirtschaftlichen Situation diesmal nur mit einem Versteigerungserlös von höchstens fünf Milliarden Euro gerechnet.

Versteigert werden sollen sechs Frequenzblöcke mit jeweils zehn Megahertz. Die bislang für TV-Programme genutzten Kapazitäten haben einen großen Vorteil: Mit ihrer Hilfe lassen sich per Funk leicht lange Strecken überbrücken, was für die Mobilfunknetzbetreiber bedeutet, dass sie zur Verbreitung relativ wenige Antennen einsetzen müssen. Die Kapazitäten sollen vor allem für die Versorgung mit Breitband-Internet in ländlichen Räumen eingesetzt werden.

Bis zum 21. Januar 2010 können sich Unternehmen bei der Bundesnetzagentur für die Teilnahme an der Auktion bewerben. Gestritten wird derzeit noch über die Modalitäten der Versteigerung. Vor allem die kleineren Netzbetreiber O2 und E-Plus befürchten, dass die Marktführer T-Mobile und Vodafone am meisten vom Auktionsverfahren profitieren. E-Plus hat bereits eine Klage gegen die Versteigerungsregeln angekündigt. Auch die EU-Kommission warnt vor einer „möglichen Diskriminierung“ kleinerer Anbieter. Die zuständige Kommissarin Viviane Reding prüft ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland.

Während E-Plus aus Gründen der Wettbewerbsgleichheit die Reservierung größerer Kapazitäten für die kleinen Anbieter fordert, droht Vodafone, den Netzausbau zu stoppen, falls das Unternehmen nicht genügend reichweitenstarke Frequenzen erhalte.

Wolf-Dieter Ring, der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, forderte Anfang Oktober, die Bundesnetzagentur solle hundert Millionen Euro aus dem Versteigerungserlös der digitalen Dividende für die Markteinführung des neuen digitalen Hörfunkstandards DABplus zur Verfügung stellen.

Dr. Matthias Kurp

HINTERGRUNDINFO // LTE-PILOTPROJEKT

HINTERGRUNDINFO // MOBILFUNKSTANDARDS: VON GSM ZU HSPA

GSM (Global System for Mobile Communication) ist der weltweite Mobilfunkstandard zur digitalen Übermittlung im 900-MHz-Bereich, der dem Mobilfunk in Deutschland ab 1992 zum Durchbruch verhalf. GSM ist der erste Standard der sogenannten zweiten Generation (2G) als Nachfolger der analogen Systeme der ersten Generation und der weltweit am meisten verbreitete Mobilfunkstandard.

GPRS (General Packet Radio Service) basiert auf dem GSM-Standard (2G) und wird im Unterschied zum herkömmlichen GSM (9.600 Bytes) in der Regel paketweise abgerechnet. Die Übertragungsgeschwindigkeit liegt aufgrund der begrenzten Basisstationen bei maximal 53,4 kBit/s.

EDGE (Enhanced Data Rates for GSM Evolution) ist eine GPRS-Weiterentwicklung, die ebenfalls auf dem GSM-Standard 2G basiert. Durch ein spezielles Modulationsverfahren können Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 220 kBit/s im Download und bis zu 110 kBit/s im Upload erreicht werden.

UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) ist ein Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G). Diese Technologie bietet Übertragungsgeschwindigkeiten von 384 kBit/s bis 2 MBit/s. Entsprechende Kapazitäten für Deutschland wurden im August 2000 von der Regulierungsbehörde für etwa fünfzig Milliarden Euro versteigert.

HSDPA (High Speed Download Packet Access) ist ein 3G-Verfahren, das die UMTS-Bandbreite etwa vervierfachen und Übertragungsraten (Download) von bis zu 7,2 MBit/s erzielen kann.

HSUPA (High Speed Uplink Packet Access) ist ebenfalls eine Erweiterung für UMTS, die eine noch schnellere Upload-Geschwindigkeit ermöglicht.

HSPA (High Speed Packet Access) verwendet die gleichen Frequenzen wie UMTS, nutzt dabei aber im Downlink HSDPA und im Uplink HSUPA.

07.11.2009 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
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Tags: internet, mobile media, digital Views: 2104

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