07.11.2009 | Beitrag erstellt von in games
Werden Videospiele künftig nur noch mit Gestik, Mimik und Sprache gesteuert? Microsofts Project Natal soll den Controller und andere Eingabegeräte überflüssig machen. Motion-Capturing-Technik, Infrarotkameras und 3D-Mikrofone könnten demnächst auch andere Multimedia-Anwendungen verändern.
Bei der Spielemesse Gamescom in Köln zeigte Microsoft im August schon einmal, wie sich der Software-Gigant die Motion-Control-Zukunft vorstellt. In einem speziellen Raum zappelten flippige Gamer neben seriösen Business-Managern herum, machten Grimassen, gestikulierten im Nichts oder stimmten seltsame Laute an. Der Rätsels Lösung: Die Versuchspersonen testeten Microsofts Project Natal. Das Bewegungs-, Gesichts- und Stimmerkennungssystem soll neue Formen der Interaktion zwischen Mensch und Spielkonsole ermöglichen.
Die Arbeit von Joystick und Controller übernimmt beim Project Natal ein kleiner Kasten, der mit einem Infrarotsensor plus Kamera und 3D-Mikrofon ausgestattet ist. Die digitale Zauberkiste erfasst und sammelt Bewegungen sowie Laute aller Spieler. Dank dieser Motion-Capturing-Technik lassen sich Gestik, Geräusche und Mimik eines Menschen so präzise deuten, dass die menschliche Eingabe von Befehlen per Tastendruck oder Joystick überflüssig wird. Das System kann sogar unterschiedliche Akteure voneinander unterscheiden, was zum Beispiel bei Spielen für mehrere Personen wichtig ist. Der Klang einer Stimme und die Interpretation der Mimik sollen dem Rechner außerdem die Emotionen der Akteure mitteilen. So kann die Spielplattform zum interagierenden Gegenüber werden.
Bewegungen im Virtuellen
Gamescom-Besucher staunten nicht schlecht, als sie feststellten, dass sie vor einem Bildschirm stehend ohne technische Hilfsmittel direkt in virtuelle Spielumgebungen ein tauchen konnten. Ob Renn- oder Geschicklichkeitsspiel – Microsofts neue Technologie versetzt Menschen von der Wohnzimmeratmosphäre aus in die Kulissen digitaler Spielwelten. Manchmal erscheinen sogar virtuelle Gestalten, die den Betrachter direkt ansprechen. Das sorgt für Irritationen – schließlich fühlte sich der traditionelle Gamer dank seines Controllers bislang noch immer als der-
jenige, der souverän die Regie übernahm. Damit ist es jetzt vorbei. Gewöhnungsbedürftig werden es viele Spieler auch finden, dass sie nun vom Sessel aus Autorennen fahren und ihren Boliden mit einem virtuellen Lenkrad steuern können. Dabei bewegen sich die Hände ebenso im leeren Raum wie die Füße, mit denen ganz ohne Pedal Gas und Bremse bedient werden.
Um berechnen zu können, was der Spieler gerade macht, misst das Microsoft-System alle Körperbewegungen an insgesamt 48 Punkten. Software und Infrarotsensoren beamen den Games-Fan direkt in Sphären von Star-Trek-Galaxien. Mitte bis Ende nächsten Jahres sollen die ersten Natal-Versionen auf den Markt kommen. Microsoft plant sowohl eine Variante für den PC (Windows Media Center) als auch für die Xbox 360. Electronic Arts, Disney Interactive, THQ, Ubisoft und andere Firmen arbeiten bereits an Spielen für die neue Generation, die ohne Gamepads und Controller auskommen sollen.
Wettrennen mit Sony und Nintendo
Außer Microsoft tüfteln längst auch Nintendo und Sony an innovativen Konzepten, um das Motion Controlling zu optimieren. Pionier Nintendo hat mit der Wii-Technologie vor drei Jahren einen neuen Wettlauf der Systeme angestoßen und will seinen schnurlosen Controller weiter verbessern. Sony zeigte bei der Games-Messe Electronic Entertainment Expo (E3) in Los Angeles ein neues System, das in Verbindung mit dem Eye-Toy-Kamerasystem der Playstation funktionieren soll. Dabei nimmt der Controller über Lichtwellen Kontakt zur Webcam der Konsole auf.
Der Sony-Controller bietet mehr als Nintendos Wiimote-System: Er erkennt nicht nur Bewegungen, sondern auch Positionen im Raum. Um diese exakt erfassen zu können, wurde die Hardware mit speziellen Sensoren ausgestattet. Vier Mikrofone sollen dabei helfen, die Richtungen zu bestimmen, aus denen verschiedene Klänge kommen. Nun ist Nintendo am Zug, denn schließlich konnte der japanische Hersteller von Januar bis Juli nur noch halb so viele Wii-Geräte verkaufen wie im ersten Halbjahr 2008. Viele Kunden scheinen allerdings erst einmal abzuwarten, was ab kommendem Frühjahr Sony und ein paar Monate später Microsoft auf den Markt bringen werden. Über den Preis und den endgültigen Namen von Project Natal wird bereits jetzt im Internet heftig spekuliert.
Microsoft verspricht „Freiheit pur“
Mit komplett anderen Konsolen von Sony und Microsoft rechnen die meisten Experten erst für das Jahr 2012. Bis dahin sollen die neuen Motion-Controlling-Steuerungssysteme für Umsätze sorgen. Sony wird einige der bereits bekannten Spiele im kommenden Jahr auch für die Controller-Technologie modifizieren und gegebenenfalls geeignete Updates anbieten. Das Project Natal von Microsoft hingegen ist so aufwendig, dass es kaum rückwärtskompatibel sein wird. So jedenfalls deutete es Projektleiter Kudo Tsunoda bei der Tokyo Game Show im September an.
Die neuen Steuerungskonzepte, bei denen der vor der Kamera stehende menschliche Körper zum „Eingabegerät“ wird, sollen künftig nicht auf die Spielwelt der Konsolen beschränkt bleiben. Mutiert der Fernseher erst einmal zur hybriden Multimedia-Plattform, sind neue Formen der Menüführung ebenso denkbar wie interaktive Games, die über das Internet ausgetragen werden. Auf der Xbox-Homepage schwärmt der Hersteller bereits von „Freiheit pur“. Allein die künftig mögliche Sprachsteuerung erschließt der neu entwickelten Technologie Potenziale, die weit über das Games-Genre in seiner heutigen Form hinausreichen.
07.11.2009 | Beitrag erstellt von in games
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