07.11.2009 | Beitrag erstellt von in television
KONKURRENZ & KONSOLIDIERUNG // GEWINNE MIT DEM TRIPLE PLAY
Zehn Jahre nach ihrer Privatisierung erleben die TV-Kabelnetze in Deutschland eine Renaissance. Nachdem Milliardenbeträge investiert wurden, freut sich die Branche über neue Kunden, die via TV-Kabel telefonieren oder im Internet surfen. Das Triple Play mit TV-, Telefon- und Online-Anschluss verspricht gute Geschäfte. Als die Deutsche Telekom AG vor zehn Jahren ihre TV-Kabelnetze in die Kabel Deutschland GmbH (KDG) ausgliederte, galt das als Initialzündung für eine goldene Zukunft. Die Europäische Kommission hatte Druck gemacht und darauf bestanden, dass die Telekom als ehemaliger Monopolist in Deutschland nicht sowohl beim Telefon-Festnetz als auch bei der Versorgung mit dem sogenannten Kabelfernsehen eine dominierende Position einnehmen dürfe. Also verkaufte die Telekom ihre seit den 80er-Jahren verlegten TV-Kabel. Aus Sicht der Medienpolitik war dies durchaus erwünscht. Einerseits erhielt die Telekom frisches Geld für weitere Expansionen ins Ausland. Andererseits sollte Europas größtes TV-Kabelnetz mit Mitteln privater Investoren endlich aufgerüstet und digitalisiert werden.
Digitalisierung mit Hindernissen
Dass sich die Verheißung einer goldenen Kabelzukunft nicht schnell erfüllen konnte, liegt gleich an mehreren Faktoren: Nach dem Zusammenbruch der New-Economy-Euphorie fehlte es den Investoren zunächst an finanziellen Mitteln, um die teure Digitalisierung der Netze zu forcieren. Schließlich schätzten Experten schon in den 90er-Jahren, dass die Aufrüstung und damit die erforderliche Erweiterung der Bandbreite von 450 auf 862 Megahertz mit 500 bis 750 Euro pro Anschluss zu Buche schlagen werde. Angesichts der Höchstpreise von mehr als tausend Euro pro Haushalt, die zuvor beispielsweise die Investoren Callahan und Klesch für die TV-Kabel in Nordrhein-Westfalen und Hessen gezahlt hatten, ging einigen neuen Netzbetreibern rasch das Geld aus.
Die Digitalisierung der TV-Kabelnetze wird auch dadurch erschwert, dass die großen Betreiber auf der regionalen Netzebene 3 – Unitymedia in Nordrhein-Westfalen und Hessen, Kabel BW in Baden-Württemberg sowie die KDG in den übrigen Bundesländern – nur 7,6 Millionen von insgesamt 16,5 Millionen angeschlossenen Wohneinheiten direkt versorgen. Die übrigen Haushalte hängen auf der Netzebene 4 an den lokalen Kabeln unabhängiger Betreiber. Dadurch fehlen erstens wichtige Endkundenkontakte und kann zweitens eine sinnvolle Umrüstung der Netze nur in Abstimmung mit den mehr als hundert kleineren Unternehmen der Branche erfolgen.
Harter Konkurrenzkampf
Aus Sicht vieler Verbraucher fehlte dem digitalen Kabelanschluss lange der Mehrwert. Das liegt auch daran, dass bis heute kaum interaktive TV-Formate auf dem Markt sind, für die ein digitaler Anschluss mit Rückkanal zwingend erforderlich ist. Als Verkaufsargument blieb den neuen Netzbetreibern deshalb lange nur das größere Programmangebot. Von den Kunden, die mehr als die etwa dreißig analogen Kabelkanäle sehen wollten, stiegen allerdings viele auf den (digitalen) Satellitenempfang um und sparten so die monatliche Kabelgebühr. Als weiterer Konkurrent bedrohte die Deutsche Telekom AG mit ihren DSL-Anschlüssen (samt Rückkanal) die Kabelnetzbetreiber.
Neun Jahre nach dem Verkauf der ersten Netze durch die Telekom verfügten im Sommer etwa 16 Prozent aller deutschen Haushalte über einen digitalen Kabelanschluss. Zum Vergleich: Die digitale Satellitentechnik versorgt etwa doppelt so viele Zuschauer. Doch die Kabelbranche holt auf: Nachdem im vergangenen Jahr 750 Millionen Euro investiert wurden, sollen in diesem Jahr weitere 700 Millionen Euro in die Digitalisierung der TV-Kabel fließen. Allmählich zahlen sich die Investitionen aus: „Innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate haben sich knapp zwei Millionen TV-Haushalte entschieden, zumindest auch digitalen Kabelempfang (DVB-C) zu nutzen. Das sind mehr als doppelt so viele Haushalte als in dem zuvorliegenden Jahr“, heißt es in dem im August erschienenen Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten.
Wachsendes Internet-Geschäft
Mittlerweile entdecken auch immer mehr Internet-Nutzer die Vorteile der TV-Breitbandkabel und surfen via TV-Kabel schneller, als das für die meisten Haushalte per DSL möglich ist. So entschieden sich bislang mehr als zwei Millionen Kabelkunden für Breitband-Internetanschlüsse, und etwa 1,5 Millionen telefonieren über das Fernsehkabel. Insgesamt liegt der Anteil des TV-Kabels an allen Internet-Breitbandanschlüssen in Deutschland augenblicklich bei etwa neun Prozent.
Während selbst die superschnellen VDSL-Verbindungen der Telekom höchstens fünfzig Megabit pro Sekunde ermöglichen (siehe Hintergrundinfo „Kampf um den VDSL-Markt“), bietet etwa Kabel BW seit Mitte 2009 zum gleichen Preis doppelt so leistungsstarke Anschlüsse. KDG hat für 2010 ein ähnliches Angebot angekündigt. Unitymedia-Kabel in Köln und Aachen erzielen sogar Rekordwerte von 120 Megabit pro Sekunde. Wegen ihrer großen Kapazitäten beim Datentransport können Kabelnetzfirmen in der Regel günstigere Triple-Play-Tarife anbieten als die Telekommunikationsanbieter, die mit etwa 23 Millionen DSL-Anschlüssen ihre Wachstumsgrenzen bald erreicht haben dürften.
Noch keine Goldgrube
Um die Online-Offensive zu verstärken, kostet die Telefon- und Online-Flatrate (32 Megabit pro Sekunde) beim Marktführer KDG monatlich nur knapp dreißig Euro, im ersten Jahr sogar nur 23 Euro. Unitymedia-Chef Parm Sandhu lockt neue Kunden mit einem Triple-Play-Einstiegspreis von 25 Euro und rechnete unlängst vor, sein Unternehmen habe inzwischen etwa eine halbe Million Internet-Kunden, von denen mehr als die Hälfte den Telekommunikationsanbietern abgejagt worden seien. Vierzig Prozent aller neuen Internet-Breitbandkunden in Nordrhein-Westfalen und Hessen entscheiden sich nach Angaben von Unitymedia bereits für einen Anschluss per Fernsehkabel.
Die Renaissance der Branche ist nicht zu übersehen. Dennoch handelt es sich bei den TV-Kabelschächten noch lange nicht um eine Goldgrube. Grund dafür sind vor allem die hohen Schulden, die den Unternehmen von ihren Finanzinvestoren aufgebürdet wurden. Sie betragen allein beim Marktführer KDG mehr als drei Milliarden Euro. Unitymedia wies für die Bilanz 2008 etwa 2,2 Milliarden Euro Schulden aus. Beide Unternehmen, das ist in der Branche kein Geheimnis, stehen zum Verkauf oder streben einen Börsengang an. Nur so lohnt sich für die Investoren Providence Equity Partners (KDG/seit 2006) beziehungsweise BC Partners und Apollo (Unitymedia/seit 2003) ihr Engagement.
Orion droht Zerschlagung
Während gute Ergebnisse im operativen Geschäft die Schuldenlast von KDG und Unitymedia erträglich machen, ist das bei einem ihrer Wettbewerber ganz anders: Den drittgrößten deutschen Kabelkonzern Orion (PrimaCom, Tele Columbus) belasten inzwischen so hohe Kreditlinien, dass eine Zerschlagung droht. Die Orion-Muttergesellschaft Escaline gilt mit Verbindlichkeiten in Höhe von etwa 1,9 Milliarden Euro als überschuldet. Orion entstand durch den Kauf bereits existierender Kabelnetze, die durch Kredite und Anleihen finanziert wurden. In kurzer Zeit wurden die Firmen EWT (2005), Tele Columbus (2006) und PrimaCom (2007) übernommen. Mit der Finanzkrise geriet das Geschäftsmodell der Investmentfirma Aletheia Partners dann ins Wanken. Die gekauften Unternehmen wurden vom Investor zu stark mit Schulden und Beraterhonoraren belastet. Bereits im Jahresabschluss 2007 räumte Tele Columbus nach Angaben der Financial Times Deutschland ein, „bilanziell überschuldet“ zu sein.
Im vergangenen Jahr musste Orion schon 1,1 Millionen Kabelhaushalte an KDG verkaufen, um die Bilanz (nach einem Schiedsentscheid über den Preis) um 424 Millionen Euro verbessern zu können. Außer KDG wird auch Unitymedia, Versatel und sogar Vodafone zurzeit ein Interesse an der Übernahme von Orion-Kunden nachgesagt. Nachdem das Bundeskartellamt bereits 2004 und ein weiteres Mal in diesem Jahr KDG, Unitymedia und Kabel BW eine Fusion (auf der Netzebene 3) untersagt hat, setzen die drei Unternehmen auf den Erwerb kleinerer lokaler oder regionaler Kabelnetzbetreiber der Netzebene 4. In solch vertikalen Übernahmen sehen die Wettbewerbshüter vorerst keine Bedrohung für den Markt – und die Branchenführer nennen solche Entwicklungen schlicht „Konsolidierung“.
07.11.2009 | Beitrag erstellt von in television
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