07.11.2009 | Beitrag erstellt von in special nrw,television
Nordrhein-Westfalen geht beim Bürgerfernsehen einen neuen Weg: Ende September wurde der TV-Lernsender.NRW vorgestellt. Das Pilotprojekt soll als Ausbildungs- und Erprobungskanal Nachwuchs-Medienmachern und auch Laien eine Chance bieten, selbst Fernsehen zu machen. An der Ruhr-Universität Bochum ist in den vergangenen Monaten mit Hochdruck eine neue Lern- und Lehrredaktion entstanden. Im Institut für Medienwissenschaft (IfM) herrscht Aufbruchsstimmung. Zwanzig Studierende werden in diesem Wintersemester ein eigenes studentisches TV-Magazin für ihre Uni entwickeln, das schließlich im digitalen NRW-Kabelnetz von Unitymedia landesweit zu sehen sein wird. Möglich macht das der neue TV-Lernsender.NRW. Das Programm ist im technischen Testbetrieb schon seit Juli on air, wenn auch nur mit einer vierstündigen Endlosschleife. Dank der Förderung durch die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) soll das bald anders werden.
Der TV-Lernsender.NRW hat ein ehrgeiziges Ziel: Ganz nach dem Motto „Neue Farbe ins TV“ soll sich eine moderne Plattform fürs Mitmachen, Experimentieren und Lernen etablieren. Egal ob an der Hochschule oder im Berufskolleg, ob zu Hause oder in der Medienwerkstatt: Überall in Nordrhein-Westfalen entstehen täglich vielfältige TV-Produktionen von Auszubildenden, Brancheneinsteigern oder versierten Laien. Sie alle erhalten mit dem neuen Kanal eine Chance, ihre Beiträge öffentlich zu machen.
Neue Formen medialer Ausbildung
Die LfM fördert das Projekt bis 2011 mit 2,2 Millionen Euro. Jürgen Brautmeier sieht große Chancen im TV-Lernsender.NRW: „Wir kombinieren Bürgerbeteiligung mit Professionalisierung und Ausbildung in einem kontinuierlichen Sendebetrieb; das ist deutschlandweit einzigartig und bietet die Chance, neue Formen der medialen Ausbildung und Qualifizierung zu entwickeln und zu testen“, sagte der Stellvertreter des LfM-Direktors bei einer Pressekonferenz am 30. September in Düsseldorf. Zugleich werde auch eine Chance zur aktiven medialen Partizipation, also zur TV-Bürgerbeteiligung, geboten.
Zurück nach Bochum. Dort ist in der neuen Lehr- und Lernredaktion des IfM ein Modul mit zwei Praxisveranstaltungen entwickelt worden. Einerseits können Studierende ein Uni-Magazin realisieren, wie es an vielen anderen Hochschulen bereits ausgestrahlt wird („Campus-TV“). Andererseits sollen neue Formate für ungewöhnliche Zielgruppen entwickelt werden. Schon in der Vergangenheit haben zwei Studierende das Projekt „Daheim TV“ betreut. Dabei handelt es sich um eine Magazinsendung (30 bis 45 Minuten), die viermal im Jahr von den Heimbewohnern des Bochumer Altenheims St. Mauritius-Stift für ihre Mitbewohner produziert wird. Die Erfahrungen, welche die Macher durch das Projekt gewonnen haben, sollen sie jetzt als IfM-Mitarbeiter mit Studierenden teilen. „Ohne die Förderung durch die LfM wäre das alles nicht möglich“, freut sich Indira Dupuis, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am IfM für den Aufbau und Betrieb der Lehr- und Lernredaktion zuständig ist.
TU Dortmund als Projektträger
Die Studierenden in Bochum sind nur ein Beispiel. Auch alle anderen Bürger in Nordrhein-Westfalen können beim TV-Lernsender.NRW mitmachen. Mit der redaktionellen Betreuung, Koordinierung und Zusammenstellung des schließlich ausgestrahlten Programms hat die LfM das Institut für Journalistik der Technischen Universität (TU) Dortmund betraut. Selbst gedrehtes Material kann jederzeit bei der Kernredaktion in Dortmund eingereicht werden. Wer Hilfe beim Konzipieren, Drehen oder Schneiden seines Materials benötigt, wird dort zudem Unterstützung bekommen. Wertvolle Tipps gibt auch die Homepage www.tv-lernsender.de.
Damit in Dortmund alle Fäden zusammenlaufen können, vergab die LfM bereits zum 1. Januar 2009 die Projektträgerschaft für den Aufbau und den Betrieb des ambitionierten Vorhabens an die TU Dortmund. Koordinator des Projektes ist der ZDF-Moderator Michael Steinbrecher, der im Rahmen einer Vertretungsprofessur an das renommierte Institut für Journalistik berufen wurde. Steinbrechers Team muss nun dafür sorgen, dass aus den zugelieferten Beiträgen der Bürgergruppen, Studierenden und Auszubildenden sowie eigenen Produktionen seines Institutes ein TV-Programm wird.
Ersatz für Offene Kanäle
24 Jahre nach dem Start des ersten Offenen Kanals in Dortmund beginnt mit dem TV-Lernsender.NRW für Nordrhein-Westfalens Bürgermediengeschichte ein neuer Zeitabschnitt. Der Lernsender soll die eingestellten Offenen Kanäle ersetzen und Schritt für Schritt zu einem Knotenpunkt der Medienkompetenzförderung werden. Die einstigen Offenen Kanäle werden in Qualifizierungsstätten für alle Interessierten umgewandelt. Entsprechende Seminare und Schulungen bieten Experten derzeit in Bielefeld, Essen, Lüdenscheid, Marl, Minden-Lübbecke, Münster und Pulheim an.
Auslöser für den Epochenwechsel ist eine 2007 von der LfM veröffentlichte Studie samt Programmanalyse zum Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen. Darin wurde erstmals formuliert, was viele schon lange ahnten: Für Offene Kanäle ergeben sich angesichts geringer Nachfrage und des stetig wachsenden User Generated Content im Internet große Strukturprobleme. Wer mit seinen Videobeiträgen die Öffentlichkeit sucht, dem stehen mit entsprechenden Online-Portalen längst Plattformen zur Verfügung, die denen des Bürgerfernsehens mindestens ebenbürtig sind. Partizipation, Sicherung der Meinungspluralität, demokratischer Zugang: Das alles ermöglicht schon seit Langem auch das Web 2.0. Allein bei Youtube werden pro Minute zwanzig Stunden neues Videomaterial aus aller Welt auf die Plattform hochgeladen, ein Großteil davon stammt von Amateuren.
Paradigmenwechsel
Das Prinzip öffentlich geförderter Offener Kanäle wird durch das Internet und den gesellschaftlichen Wandel immer mehr infrage gestellt. Waren die Offenen Kanäle einst Plattform für eine breite Bevölkerungsschicht, stellte die LfM-Studie bereits vor zwei Jahren eine deutliche Veränderung in der Nutzerschaft fest: Schließlich machten nur noch etwa 1.500 Personen regelmäßig als Produzenten von den neun Offenen Kanälen in Nordrhein-Westfalen Gebrauch. Dabei handelte es sich vor allem um ältere Bürger (überwiegend älter als 65 Jahre) und um junge Berufseinsteiger. Während die Senioren meist als Freizeitbeschäftigung Beiträge von eher geringer Qualität und spärlicher Zuschauerakzeptanz produzierten, stand bei den jüngeren Nutzern das Lernen im Umgang mit Kamera und Schnitttechnik im Vordergrund. Nur bei der letztgenannten Gruppe herrschte ein echtes Interesse an Ausbildung, was sich auch positiv auf die Qualität der Beiträge ausgewirkt hat, wie Forscher der Fachhochschule Köln feststellten.
Künftig soll beim Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen hauptsächlich der Ausbildungsaspekt berücksichtigt werden. Die LfM-Medienkommission sieht in dem Paradigmenwechsel und dem Pilotprojekt TV-Lernsender.NRW eine erste Antwort auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie über das Bürgerfernsehen der Offenen Kanäle. Deshalb fördert die LfM konsequent Lern- und Lehrredaktionen wie die in Bochum, die im Bereich der wissenschaftlichen und beruflichen Ausbildung angesiedelt sind. Dadurch erhalten Studierende und Auszubildende die Möglichkeit, praktische audiovisuelle Medienkompetenz zu erwerben.
Immer mehr Lehrredaktionen
In diesem Wintersemester stehen bereits neun Lern- und Lehrredaktionen an Hochschulen und Berufskollegs in ganz Nordrhein-Westfalen zur Verfügung (außer in Bochum unter anderem in Bielefeld, Duisburg-Essen, Höxter, Marl und Münster). Weitere Einrichtungen werden folgen und haben mittlerweile die entsprechenden Anträge gestellt. Darüber hinaus entwickelt sich der TV-Lernsender.NRW auch zu einer Plattform für Beiträge, die im Rahmen der professionellen Fernsehausbildung an anderen Hochschulen und in Betrieben entstehen. Diese Einrichtungen werden ihre Produktionen auf diese Weise endlich auch einem landesweiten Publikum präsentieren. Außerhalb von Hochschule und Ausbildung können zudem alle anderen Bürgergruppen das Fernsehmachen erlernen. Schulungen dafür werden – zum Beispiel in Werkstätten der Offenen Kanäle oder des Bürgerfunks – von der LfM ebenfalls finanziell gefördert.
Austauschen, von Profis profitieren, experimentieren, mitmachen: Nach diesen Prinzipien, so erklärt ein kleiner Imagefilm der jungen Dortmunder Redaktion, wird der TV-Lernsender.NRW betrieben. Dabei soll genug Raum für neue Formate, Experimentierfreude oder auch Fehler bleiben. Erste Beiträge im Testbetrieb zeigen, wie so etwas aussehen kann – in diesen Beiträgen diskutieren zum Beispiel Lehramtsstudentinnen das Konzept Ganztagsschule oder produzieren Schüler einer Gesamtschule in Recklinghausen eine Soap, in der das Projekt „Ausbildungspatenschaften“ vorgestellt wird. Außerdem sind beim TV-Lernsender.NRW studentische Kulturformate zu sehen.
Erfolgskontrolle via Kabel-TV
In der Zentrale des neuen Lernsenders erinnert naturgemäß vieles an Training on the Job oder Work in Progress. Was wann ausgestrahlt wird, entscheidet allein die Dortmunder Redaktion, die auch für die Moderation von Sendungen verantwortlich ist. Im Unterschied zu den Offenen Kanälen besteht beim TV-Lernsender.NRW allerdings kein Anspruch auf Veröffentlichung des Materials. Noch kommen viele der Beiträge ein wenig holprig daher – vor und hinter den Kameras agieren eben keine Profis. In Dortmund und den anderen nordrhein-westfälischen Qualifizierungsstätten aber stehen Experten zur Verfügung, die um Rat gebeten werden können. Durch kontinuierliche Zusammenarbeit soll so ein Prozess ständiger Qualitätssteigerung ausgelöst werden.
„Wir freuen uns über die Chance, Praxis mit Ausbildung und Beratung verbinden zu können, und werden alles tun, um möglichst viele zu motivieren, am Projekt teilzuhaben und ein attraktives Programm zu gestalten“, verspricht Michael Steinbrecher. Noch befindet sich das Projekt in den Kinderschuhen. „Wir sprechen viel mit Studierenden und anderen Interessierten“, lautet die Devise der Projektverantwortlichen. Von der Vernetzung mit weiteren Einrichtungen erhoffen sich Steinbrecher und seine Dortmunder Mitarbeiter produktive Synergien. Medienakademien, Journalistenschulen und Lehrredaktionen sollen so miteinander in Kontakt kommen und Erfahrungen austauschen können. Außerdem arbeiten die Dortmunder Lernsender-Pioniere zurzeit an Redaktionsstatuten, die der Qualitätssicherung dienen sollen. Die Erfolgskontrolle ist einfach: Ob das Konzept des TV-Lernsenders.NRW funktioniert, kann nämlich jeder überprüfen, der über einen digitalen Unitymedia-Kabelanschluss verfügt und den Kanal 137 einstellt.
07.11.2009 | Beitrag erstellt von in special nrw,television
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