Qualitätsjournalismus: Publizistisches Opfer der Ökonomie?

Qualitätsjournalismus, der sich durch gründliche Recherche, ausführliche Analyse und unabhängige Berichterstattung auszeichnet, wird immer seltener. Auslöser für diese Entwicklung sind die Finanz und Wirtschaftskrise sowie kostenlose Konkurrenz aus dem Internet. Im Leserforum der Fachzeitschrift journalist machte ein engagierter Zeitgenosse unlängst seinem Ärger Luft und beklagte den weitverbreiteten „Lappalienjournalismus“, der mit Gleichförmigkeit und Langeweile fast alle deutschen Medien präge.

Die Qualifikation vieler Journalisten lasse zu wünschen übrig, es fehle an gründlicher Recherche und an Verlegern mit Mut zu journalistischer Qualität. Tatsächlich mehren sich die Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sich das System Journalismus dramatisch verändert. Wird aus der Wirtschaftskrise für die Medien bald eine Vertrauenskrise? Werden Inhalte angesichts ökonomischer und technischer Imperative zur Nebensache? Verdrängen Boulevardisierung und bunte Präsentationsformen Funktionen, die früher klassisch mit dem Begriffspaar Kritik und Kontrolle umrissen wurden?

Falsche Namen, falsche Fotos

Aktuelle Beispiele für journalistische Fehlleistungen gibt es viele: Da erfindet ein Wikipedia-Autor einen elften Vornamen (Wilhelm) des neuen Bundeswirtschaftsministers, und prompt findet sich dieser Name auch in den Online-Portalen von sogenannten Qualitätszeitungen (sueddeutsche.de, taz.de, Spiegel Online) sowie auf dem Titelblatt der Bild-Zeitung. Ein weiterer Fall: Nach der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises berichteten Focus, Die Zeit und Der Spiegel im Internet, Thomas Gottschalk habe den Preis nach Marcel Reich-Ranickis Weigerung, die Auszeichnung anzunehmen, an die Tochter des Literaturkritikers übergeben. Tatsächlich aber saß die Produzentin Katharina Trebitsch im Coloneum neben Reich-Ranicki.

Nach der Tragödie von Winnenden, bei der ein Jugendlicher 15 Menschen und sich selbst erschoss, veröffentlichten Journalisten Fotos, die den Täter zeigen sollten, tatsächlich aber Unbeteiligte abbildeten. Auch in den Fernsehprogrammen geschieht vieles, was weniger an Recherche als an Spekulation erinnert. Wo Informationen fehlten, interviewten TV-Journalisten in Winnenden minderjährige Kinder und zahlten ihnen Geld dafür. Die Reporterin Sarah Jovanovic wählte während des RTL Magazins Punkt 12 die Worte „Chaos vom Feinsten“ und sprach bei n-tv von einem „Großaufgebot vom Feinsten“. Viele TV-Beiträge trugen eher zur Heroisierung des Täters bei als zu einer differenzierten Berichterstattung.

Banales und Boulevardjournalismus

Während die Zusammenhänge in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik immer komplexer werden, setzen viele Medienmacher auf  Banales und Boulevardjournalismus, auf Emotionen statt Analyse, auf Spektakel statt Aufklärung. Wie stark die Wächterfunktion der Medien verkümmert ist, wurde auch durch die Finanzkrise deutlich. In deutschen Zeitungen war vor dem Finanz-Crash im vergangenen Herbst nichts zu lesen über die amerikanische Immobilienblase oder Subprime- Kredite. Die Schieflage der IKB Bank wurde in den Wirtschaftsblättern zunächst allein auf Fehlentscheidungen im Management zurückgeführt. Solche Systemmängel sind kein Einzelfall. Weil inzwischen viele Medienunternehmen selbst von der Wirtschaftskrise betroffen sind, fehlt in den Redaktionen das Geld für kostspielige Recherchen. Außerdem wächst in der Rezession der Druck von Anzeigenkunden, was manche Berichterstattung verhindert. Die Finanz- und Wirtschaftskrise kann also ökonomisch und inhaltlich eine Medienkrise auslösen.

„Sinkt die Qualität in den Medien, stehen deren Informationsleistung, Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und letztlich auch wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel“, warnt Ulrike Kaiser, die Sprecherin der Initiative Qualität im Journalismus (IQ). Ein solcher Qualitätsverlust ist zurzeit nicht zu übersehen. Auslöser dafür ist unter anderem das Internet, das schneller als erwartet das klassische Geschäftsmodell der Zeitungen zum Wanken gebracht hat. Während die Menschen immer mehr Zeit mit Angeboten des World Wide Web verbringen, gehen die Verkaufszahlen der periodisch erscheinenden Printmedien zurück. In den USA fürchten bereits viele Zeitungshäuser ihr Ende. 

Fehlende Mittel für Online-Qualität

Weil immer mehr Nutzer sich über das tagesaktuelle Geschehen kostenlos im Internet informieren, müssen alle Zeitungsverlage Teile ihrer Texte gratis im World Wide Web anbieten. Ohne Abonnementgebühren aber fehlt den meisten Internet- Redaktionen das Geld für anspruchsvolle Inhalte. „Die Verlage und Sender probieren im Internet gerade aus, ob es nicht auch mit weniger Journalismus geht“, kritisierte Stefan Niggemeier unlängst bei einer Konferenz des Deutschen Journalisten-Verbandes. Der Gründer, Betreiber und Autor des Watchblogs Bildblog kämpft gegen den „Irrglauben, dass man die Ausgaben bei einem journalistischen Produkt beliebig den Einnahmen anpassen kann und am Ende immer noch etwas hat, das man Journalismus nennen kann“.

Das Internet erzwingt Journalismus in Echtzeit. Dabei kommt es vielen Online- Redaktionen mehr auf die Geschwindigkeit als auf die Richtigkeit an. Oft bleibt nicht mal Zeit zum Redigieren. Der Leser wird zum Tester von Text-Betaversionen, in denen Rechtschreibung, Grammatik oder Interpunktion vernachlässigt wurden. Daran wird sich vermutlich so lange nichts ändern, bis für den Online-Journalismus ein Geschäftsmodell gefunden worden ist, das ihm ausreichende Einnahmen sichert.

„Ökonomisierung“

Vor allem im und durch das Internet wird die Medienbranche mehr und mehr zum spektakulären und spekulativen Geschäftsfeld für Investoren und Risikokapital (siehe Artikel „Auf der Jagd nach Rekordrenditen“). Die Orientierung an kurzfristigen Gewinnen aber bietet kaum Spielraum für intensive Recherchen (siehe Artikel „Investigative Recherchen als Restgröße“) und publizistische Qualität. „Für echte Verleger ist Journalismus das Ziel und Geld das Mittel. Nicht umgekehrt“, schrieb Niggemeier der Branche ins Stammbuch. 

Die aktuelle „Ökonomisierung“ des Journalismus, so warnen Kritiker, könnte geradewegs in eine Sackgasse führen, weil sie um jeden Preis um die Aufmerksamkeit der Nutzer buhlt. Echtes und Falsches, Wahres und Unwahres, Realität und Fiktion lassen sich in der bunten Online-Welt kaum noch voneinander unterscheiden. Wo professionelle Gatekeeper und eine Qualitätskontrolle fehlen, da droht schließlich Beliebigkeit und Austauschbarkeit. Die Nachricht wird zum Stereotyp, die Botschaft zum weißen Rauschen und der Medienkonsum zum Eskapismus.

Wenig Raum für Recherche

Was also müsste sich ändern? Miriam Meckel, früher Medien- Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen und inzwischen Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, empfahl der Zeitungsbranche, sie müsse sich wieder stärker als „episches Medium“ begreifen. In ihrem Weblog schwärmte die Wissenschaftlerin (und Beraterin) von „Geschichten, die nicht in Häppchen als Schnäppchen im Sekundentakt im Netz platziert werden, sondern die recherchiert, korrigiert, gegengelesen, überarbeitet, also weiterhin in einem aufwendigen Prozess entstehen“. Dazu brauche man keinen Newsroom, sondern Schreiber, „die die Welt erzählen“. Im Bereich des kurzatmigen Nachrichtengeschäftes könnten Zeitungen keinen Wettbewerbsvorteil mehr erzielen, befand Meckel. Vielmehr seien „Teams von exzellenten Rechercheuren und Autoren“ erforderlich, „die die Welt entdecken und beschreiben können“.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Fast alle der sogenannten Qualitätszeitungen bauen zurzeit Stellen ab, verlagern redaktionelle Leistungen in preiswertere Agenturen und handeln nach den Regeln eines strengen Kostenmanagements. Da existiert kaum Spielraum für episches Reportieren und exzellentes Recherchieren. In den Redaktionen bestimmen Zeitdruck und Arbeitsverdichtung den Alltag. Im Internet wird gerne auch Semiprofessionelles veröffentlicht und positiv als Graswurzel-Journalismus dargestellt.

TV-Programme unter Quotendruck

Die Logik des Marktes verlangt nach Umsatz und Quote. Die Software der Controller aber kennt für Qualität keine Variablen. Das gilt auch für das privatwirtschaftliche Fernsehen, dessen Journalismus sich meist zwischen formatierter Fröhlichkeit und inszeniertem Infotainment bewegt. „Wir müssen mit den Privatsendern über Qualität reden – und darüber, wie sie sich messen lässt“, sagte der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, Thomas Langheinrich, der Süddeutschen Zeitung im Interview. Wer Gutes tut, so kann sich Langheinrich vorstellen, könne mit „guten Positionen im Programmangebot von Satellit, DVB-T oder Kabel“ belohnt werden, sodass Zuschauer solche Programme leichter finden könnten. Ob solche Anreizsysteme die Marktteilnehmer überzeugen?

Eigentlich sieht das duale Rundfunksystem die Kulturträgerfunktion vor allem für die öffentlich-rechtlichen Anbieter vor. Doch auch deren Nischen für Qualitätsjournalismus sind bedroht. Spätestens politische Versuche, den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender wegen angeblich sinkender Marktanteile im News-Bereich abzustrafen, haben gezeigt, dass auch für ARD und ZDF losgelöst von qualitativen Aspekten – der Quotenmaßstab gilt. 

Vor allem aber besteht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk weitaus weniger Unabhängigkeit und Staatsferne als normativ vorgesehen. „Der Journalismus wird zum Beute- und Kompromissobjekt politischer Parteien“, kommentierte Frank Schirrmacher in der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung das politische Kesseltreiben der CDU gegen Brender.

Publizistisches Fast Food gefährlich

Egal ob im Fernsehen, bei den Printmedien oder im Internet: Qualitätsjournalismus erfordert Unabhängigkeit und Beharrlichkeit, gründliche Recherche und ausführliche Analyse, differenzierte Wahrnehmung und ein facettenreiches Spektrum der Darstellungsformen. Das alles kostet Geld, schafft aber auch Inhalte, die mehr Nährwert bieten als publizistisches Fast Food. Wenn alle Medienunternehmen versuchen, ihre betriebswirtschaftlichen Kosten kurzfristig zu minimieren, bleiben anspruchsvolle Inhalte auf der Strecke. Journalismus droht zum publizistischen Opfer der Ökonomie zu werden. Nimmt die Qualität der gesamten Medienberichterstattung schließlich ab, steht nicht weniger als der demokratische Willensbildungsprozess auf dem Spiel.

Dr. Matthias Kurp

HINTERGRUNDINFOS // BLICK IN DIE USA: TRADITIONSBLÄTTER VOR DEM AUS

In den USA verlieren die Zeitungen zurzeit pro Jahr etwa fünf Prozent ihrer Leser. Einige Titel wie zum Beispiel der Boston Globe büßten sogar gleich zehn Prozent ihrer Auflage ein. Zugleich gingen die Werbeeinnahmen der US-Zeitungsbranche in den vergangenen drei Jahren um etwa ein Viertel zurück. Allein 2008 entließen US-Zeitungsverlage mehr als 15.000 ihrer Mitarbeiter.

Viele renommierte Titel fürchten um ihre Existenz. So musste die New York Times zum ersten Mal die Dividende streichen und ihr Verlagshochhaus verkaufen, um Kredite bedienen zu können. Der San Francisco Chronicle machte im vergangenen Jahr fünfzig Millionen Dollar Verlust und steht vor dem drohenden Aus. Die Zeitung gehört zur Hearst Corporation, die insgesamt 16 Tages- und 46 Wochenzeitungen herausgibt und über wirtschaftliche Probleme klagt. Hearsts Titel Seattle Post-Intelligencer ist seit März nur noch im Internet zu lesen.

Der Tribune-Konzern, zu dem die Los Angeles Times gehört, machte 13 Milliarden Dollar Schulden, war Ende 2008 zahlungsunfähig und musste Gläubigerschutz beantragen. Gleiches gilt für die Sun Times Media Group (59 Zeitungen). Das Blatt Rocky Mountain News wurde eingestellt. Der Philadelphia Inquirer musste Insolvenz anmelden. Auch der Zeitungskonzern Journal Register, der unter anderem in Detroit und Philadelphia zwanzig Titel besitzt, landete im Insolvenzverfahren. Das überregionale Blatt Christian Science Monitor existiert nur noch online. 

HINTERGRUNDINFOS // BLICK NACH FRANKREICH: QUALITÄTSJOURNALISMUS IM ONLINE-ABONNEMENT

Das französische Online-Magazin Mediapart beweist seit mehr als einem Jahr, dass anspruchsvoller Journalismus im Internet auch gegen Gebühr möglich ist. Fast 20.000 Abonnenten sind bislang bereit, monatlich neun Euro zu zahlen. Mediapart verzichtet auf Werbung und setzt auf „Unabhängigkeit, Qualitätsjournalismus und Diskussionsbeteiligung“.

Das Online-Portal wurde von Edwy Plenel (Le Monde) und anderen Journalisten gegründet, die davon ausgingen, angesichts der aus ihrer Sicht geringen publizistischen Qualität französischer Zeitungen einen neuen Markt erschließen zu können. Für das Unternehmen engagieren sich 29 fest angestellte Mitarbeiter, davon 26 Journalisten. Einige der aufwendig recherchierten Artikel wurden bereits von den etablierten Medien zitiert.

„Statt einer Flut an Information möchten wir weniger anbieten – aber Besseres. Wir wollen wieder nach Bedeutung sortieren und auf relevante und nützliche Information setzen“, schrieb Plenel in einem Gastkommentar für die Financial Times Deutschland. Mediapart verfügt nach eigenen Angaben über 3,7 Millionen Euro Startkapital und soll in zwei Jahren erstmals Gewinn machen. Dafür müssten insgesamt mindestens 65.000 Abonnenten gewonnen werden.  

STANDPUNKT // EIN AUSLAUFMODELL?

Jost Springensguth, Chefredakteur der Kölnischen Rundschau

Von Jost Springensguth, Chefredakteur der Kölnischen Rundschau

Ob man es will oder nicht: Die Nachfrage nach journalistischen Produkten wird zunehmend nicht allein durch Inhalte, sondern auch durch die Entwicklung technischer Grundlagen mit Auswirkung auf gesellschaftliche Verhaltensweisen beeinflusst.

zum Standpunkt

10.04.2009 | Beitrag erstellt von redaktion in publishing
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Tags: zeitung, nachrichten, presse, qualität, finanzierung Views: 2197

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