10.04.2009 | Beitrag erstellt von in games
Arbeitsmarkt Games: Spezialisten fallen nicht vom Himmel
Die Games-Branche braucht gut ausgebildete Spezialisten. Noch aber ist Deutschland kein klassisches Entwicklerland. Damit sich das ändert, sollen neue Berufsbilder geschaffen oder bereits bestehende Aus- und Weiterbildungsmodelle verbessert werden. Gesucht werden intelligente Informatiker und Mathematiker, Mediengestalter und Grafikdesigner oder nüchterne Kaufleute, die zugleich enthusiastische Fans von Videound Computerspielen sind. Die boomende Games-Branche braucht kompetente Mitarbeiter, um weiter zu wachsen. Mit einem Umsatz von etwa zwei Milliarden Euro und Wachstumsraten von mehr als zwanzig Prozent gehört der Markt für Konsolen-, Online- und Computerspiele sowie Handheld- und Mobile-Games zu den wenigen florierenden Bereichen, die trotz der Wirtschaftskrise Zuwachsraten versprechen. Kein Wunder, dass viele Jugendliche ihr Hobby von heute schon morgen zum Beruf machen möchten. Wer aber bildet eigentlich wie für die Games-Branche aus?
Ausbildungsmodelle gesucht
„Die Lage in der Games-Industrie erinnert an die der audiovisuellen Medien vor etwa zehn Jahren“, sagt Anne Schulz vom Kölner KoordinationsCentrum Ausbildung in Medienberufen (aim). Es fehle an standardisierten Ausbildungsmodellen. So bestehe vor allem im Entwicklungs- und Programmierungsbereich Qualifizierungsbedarf. Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e. V. (BIU) klagt, der großen Personalnachfrage stünden nur wenige Hochschulstudiengänge und Ausbildungsmöglichkeiten gegenüber.
Die Publisher, also solche Unternehmen, die für Vermarktung, Vertrieb und Finanzierung von Video- und Computerspielen zuständig sind, rekrutieren den Nachwuchs meist aus dem Kreis derer, die über eine kaufmännische Ausbildung verfügen oder aus dem Medien- und Marketingbereich stammen. Schwieriger ist die Situation im Segment der Spielentwicklung. Bereits seit mehr als einem Jahrzehnt klagen Experten, Deutschland sei im Games-Sektor ein „Entwicklungsland, kein Entwicklerland“. Seit die meisten deutschen Publisher Ende der 90er-Jahre von multinationalen Unternehmen aufgekauft wurden, stammt die überwiegende Zahl der elektronischen Spiele aus Entwicklerstudios im Ausland, vor allem aus den USA, Kanada und Japan.
Komplexer Fertigungsprozess
Das Konzipieren und Produzieren elektronischer Spiele ist ein ebenso kreativer wie industrieller Fertigungsprozess. Dabei sind Autoren und Produzenten ebenso gefragt wie Programmierer, Grafikexperten, Level- und Sound-Designer und schließlich professionelle Betatester. Während Autoren Sujet, Story und Grundspielidee entwickeln, müssen Game-Designer – ähnlich wie Drehbuchautoren und Regisseure bei Filmen – Spielgefühl und -inhalt so gestalten, dass neue Produkte die Kunden in ihren Bann ziehen. Anschließend beginnen Programmierer damit, die Ideen von Autoren und Designern in virtuelle Szenerien zu verwandeln. Oft kommen dabei sogenannte Game Engines zum Einsatz, immer aber müssen Animationen und Spielstufen, Grafiken und Plugins programmiert werden – meist in der Programmiersprache C++.
Das Aussehen konkreter Spielfiguren und künstlicher Spielwelten entsteht nicht in den Köpfen der Programmierer, sondern wird von Grafikern entwickelt. Da jedes Spiel einer bestimmten Mechanik gehorchen muss, die stufenweise mehr Spannung und Herausforderungen bereithält, kümmern sich Level-Designer um wandelbare Kulissen, die sich der Evolution des Spielprinzips anpassen müssen. Als hochspezialisierte Tätigkeitsfelder gelten außerdem die Bereiche der Games-Musik und der Sound-Effekte. Der Entstehungsprozess von digitalen Spielen ist also extrem arbeitsteilig. „Spiele werden entwickelt, nicht bloß programmiert“, erklärte Florian Stadlbauer, Executive Director der Deck13 Interactive GmbH, bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises Games des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft e. V. (eco) im März. Für so unterschiedliche Bereiche wie Manuskript, Game-Logik oder dreidimensionales Design seien jeweils spezielle Fähigkeiten und Experten notwendig. Alle Phasen dieses Prozesses sind deutlich komplexer als im Filmbereich.
Hochqualifizierte Spezialisten
Die etwa zweihundert Entwicklungsstudios in Deutschland beschäftigen ungefähr dreitausend Mitarbeiter. Bei den meisten Firmen handelt es sich um mittelständische Unternehmen mit weniger als 15 Festangestellten. Gefragt sind hochqualifizierte Spezialisten. Doch genau die fehlen in Deutschland und werden nicht plötzlich dort vom Himmel fallen, wo sie gebraucht werden. Also muss der Ausbildungsmarkt entsprechend optimiert werden. André Blechschmidt, Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Entwickler von Computerspielen (G.A.M.E.), sagte beim eco-Branchentreffen, es fehlten vor allem Programmierer für 3D-Animationen. Dieser Bereich komme bei der Ausbildung an den Hochschulen einfach zu kurz.
Blechschmidt, der seit 2001 als Geschäftsführer die Geschicke der Berliner Radon Labs GmbH leitet, ist nicht sicher, ob es sich lohnt, feste Berufsbilder mit passenden Ausbildungswegen zu schaffen. Bundesweit empfiehlt er den Aufbau von höchstens zwei Spezial-Hochschulen, fordert aber umso energischer, Studenten in Fächern wie Informatik geeignete Games- Zusatzkurse anzubieten. Im Bereich der Programmierung attestiert Blechschmidt Hochschulabsolventen eine im Vergleich zu gamesbegeisterten Autodidakten bessere Arbeitsorganisation und -dokumentation. Das allein aber reiche nicht aus. Vielmehr müsste das Angebot der Fort- und Weiterbildung ausgebaut werden, damit auch Informatiker beim rasanten Tempo von Hard- und Software mithalten könnten.
Studium als wichtige Voraussetzung
Der Berufseinstieg erfolgt in der Games-Branche fast immer nach praktischen Erfahrungen im Umgang mit Computer- oder Videospielen über Praktika, themenspezifische Diplom-Arbeiten oder die freie Mitarbeit als Spieltester. Während es für Mediengestalter, Kaufleute, Fachinformatiker, PR-Fachkräfte und seit einigen Jahren auch für Game-Designer staatlich anerkannte Ausbildungsabschlüsse gibt, fehlen im Bereich der Programmierung noch immer Studiengänge, die sich explizit dem Games- Bereich widmen. Und dennoch gibt es zum Hochschulstudium kaum eine Alternative: „Ein qualifizierter Berufseinstieg in Kernbereiche der Games-Industrie ist zurzeit eher über die Hochschulen möglich“, erklärt aim-Expertin Anne Schulz und empfiehlt ein Informatikstudium, kombiniert mit spezifischen Software-Kenntnissen, Praxisnachweisen und Teamfähigkeit.
Die ersten europäischen Institutionen, die Spezialausbildungen für die Branche bieten, wurden vor neun Jahren in Berlin gegründet, als die Games Academy und das Bildungsinstitut L4 etwa zeitgleich damit begannen, Studierende in die Geheimnisse von 3DDesign und Spielprogrammierung einzuweihen. Wer in München beim Qantm Institute (Queensland and Northern Territory Multimedia) eine Ausbildung in der Sparte Interactive Entertainment absolvieren will, muss dafür jährlich etwa 15.000 Euro Studiengebühren aufbringen. Für monatlich 770 bis 1.000 Euro bilden auch andere private Bildungsanbieter binnen zwei oder drei Jahren in den Bereichen Games-Development, Games- oder 3D-Design aus. Niels Bogdan, PR-Manager der Ubisoft Entertainment GmbH in Düsseldorf, ist mit dem Angebot der privaten Hochschulen zufrieden: „Zu Beginn waren wir hier noch sehr skeptisch, inzwischen haben die Schulen einen ordentlichen Standard erreicht.“
Hochschulen hinken hinterher
Die staatlichen akademischen Bildungseinrichtungen tun sich zurzeit dagegen noch schwer, für den Games-Bereich eigene Institute, Lehrstühle oder Studiengänge zu etablieren. Der G.A.M.E.-Vorsitzende Blechschmidt moniert, dass vor allem im Informatikbereich kaum das gelehrt werde, was Spielentwickler wirklich benötigen, nämlich die Programmierung komplexer 3D-Animationen. Vielmehr sei die Branche den akademischen Lehrkräften bei neuen Entwicklungen meist weit voraus. Auch Niels Bogdan berichtet, das Rüstzeug, mit dem Studierende staatliche Hochschulen verlassen, reiche nicht aus, um beispielsweise den hohen Anforderungen der Ubisoft- Entwicklungsfirma Blue Byte zu entsprechen.
Blechschmidt und Bogdan sind sich einig, dass nur eine engere Beziehung von Praktikern und Professoren die Qualität der Lehre verbessern kann. Wie beide Seiten voneinander profitieren können, wird im kanadischen Quebec ausprobiert. Dort kooperiert das Studio Montreal von Ubisoft, in dem etwa 2.000 Beschäftigte arbeiten, mit vier Hochschulen der Region. Die kanadische Games-Branche mit ihren mehr als 250 Unternehmen und etwa 10.000 Beschäftigten gilt inzwischen dank staatlicher Subventionen als weltweit führend.
Neue Berufsbilder entstehen
Zurück nach Deutschland: Jenseits klassischer Publisher oder Entwickler entstehen mittlerweile auch anderswo in der Games- Branche Arbeits- und Ausbildungsplätze. Ein Beispiel dafür ist die Kölner Turtle Entertainment GmbH. Der Betreiber der Electronic Sports League (ESL), der größten Liga für Computerspieler in Europa, bildet fünfzig junge Leute aus. Das entspricht etwa einem Drittel der Gesamtzahl aller Mitarbeiter. Auch auf dem Gebiet der Online-Spiele hat sich längst ein riesiges Berufsspektrum herauskristallisiert. So reicht die Palette der elf verschiedenen Ausbildungsangebote bei Turtle Entertainment vom Fachinformatiker über Bürokaufleute bis zum Mediengestalter. „Für wichtige Berufsfelder wie zum Beispiel das Community-Management aber fehlen uns einfach fertige Berufsbilder“, erklärt Michael Kuhl, der bei dem Kölner Marktführer für die Personalentwicklung zuständig ist.
Spielehersteller, Publisher, Bildungsinstitutionen, -forscher und -politiker stehen nun vor der Herausforderung abzuwägen, wo alte Ausbildungswege modifiziert oder ergänzt und wo neue geschaffen werden müssen. Zu denen, die daran mitwirken werden, gehört auch das KoordinierungsCentrum für Ausbildung in den Medienberufen. Das aim-Team erhielt beim Cluster- Wettbewerb Medien.NRW (siehe Artikel „Innovationsoffensive für intelligente Netzwerke“) den Zuschlag für ein Projekt mit dem Titel „Qualifizierung für die Games-Branche – Schwerpunkt: Aus- und Weiterbildung“.
Spannendes Entwicklungsprojekt
„Bisher gibt es keine Games-spezifischen, staatlich anerkannten Ausbildungsberufe oder geregelte Weiterbildungen, die eine nachhaltige Personalentwicklung ermöglichen. Unser Projekt will diese Lücke schließen und dazu beitragen, neue Games-spezifische Ausbildungsberufe und Weiterbildungsgänge zu entwickeln“, freut sich Hans-Georg Bögner, der Geschäftsführer des aim-Trägers sk stiftung jugend und medien, über die Fördermittel des Landes Nordrhein-Westfalen. Mit der Arbeit für das Projekt soll im Juli begonnen werden.
10.04.2009 | Beitrag erstellt von in games
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