10.04.2009 | Beitrag erstellt von in film
3D-Kino: Die Renaissance der dritten Kino-Dimension
Das digitale Kino bietet Chancen, von denen sich die Filmbranche neue Zuschauerströme erhofft. Zu den Innovationen zählt auch der 3D-Film, dessen Renaissance in diesem Jahr für Erfolge sorgen soll. Noch aber ist die dritte Kino-Dimension erst in wenigen deutschen Filmtheatern zu bestaunen.
Alles sieht fast so aus wie in der Wirklichkeit: in bestechender Qualität dreidimensional. Für den Zuschauer entsteht der Eindruck, als könne er direkt in die Leinwand-Szenerie hineinspazieren. Kein Wunder, dass die großen Hollywood-Studios auf die sogenannte 3D-Technologie setzen.
Das neue Verfahren sei für alle im Filmgeschäft „die größte Innovation seit der Einführung von Farbe vor siebzig Jahren“, schwärmte Dreamworks-Chef Jeffrey Katzenberg schon im vergangenen Jahr während der Kinomesse ShoWest in Las Vegas. Anfang April startete mit „Monsters vs. Aliens“ der erste Dreamworks-Trickfilm in deutschen Kinos, der ausschließlich mit 3D-Technik produziert wurde.
3D-Premiere bereits 1952
Die Filmbranche erlebt einen digitalen Innovationsschub. Immer wieder in seiner jüngeren Geschichte wurde das Kino durch äußere Umstände dazu gebracht, sein kulturelles Alleinstellungsmerkmal durch technische Neuerungen gegen andere Medien und deren Weiterentwicklungen zu verteidigen. Beispiele dafür sind das CinemaScope-Verfahren, der 70-mm-Film, der Surround-Sound und das Imax-System. Nun könnte das digitale 3D-Kino ein weiterer Schritt werden, der das Kinoerlebnis noch spannender macht.
Dreidimensionale Bilder im Kino aber sind nicht neu, sondern bereits seit fast sechzig Jahren möglich. Schon Ende 1952 kam mit dem Film „Der Teufel Bwana“ des US-amerikanischen Regisseurs Arch Oboler der erste kommerziell ausgewertete 3D-Film in die US-Kinos. Der Farbfilm wurde im Zweistreifen-Verfahren Natural Vision produziert und musste deshalb in den Kinos auch mit zwei synchron gekoppelten Projektoren vorgeführt werden. Der 3D-Effekt stellte sich fürs Publikum ein, wenn Zuschauer eine Pappbrille mit Polarisationsfolien benutzten. Das Abenteuerepos spielte in Afrika und war ein großer finanzieller Erfolg.
Erste Welle wieder abgeebbt
Bis Mitte der 1950er-Jahre folgte ein 3D-Film auf den nächsten, bis diese erste Welle so plötzlich vorbei war, wie sie angefangen hatte. Schon Alfred Hitchcocks „Bei Anruf Mord“, ein Thriller, der auch in einer 3D-Fassung vorlag, wurde Ende 1954 nur noch in seiner „flachen“ Variante nach Europa verkauft.
Dass die ersten 3D-Kinofilme schon vor mehr als einem halben Jahrhundert entstanden, ist kein Zufall: Das Fernsehen war in den USA auf dem Vormarsch und begann, dem Kino die Vormachtstellung als beliebtestes Bewegtbildmedium streitig zu machen. Die Hollywood-Studios mussten sich deshalb etwas einfallen lassen, um die Aufmerksamkeit wieder auf das Kino zu lenken. Die 3D-Innovation entpuppte sich schnell als eine Attraktion, mit der das Fernsehen nicht konkurrieren konnte. Dennoch gelang es der Technologie nicht, sich dauerhaft zu etablieren.
Digitale Herausforderungen
Heute herrscht eine ähnliche Situation: Das Kino scheint erneut durch andere Medien und Technologien bedroht, denn vor allem das Internet macht ihm durch die illegale Verbreitung von Filmen zu schaffen, die jedermann kinderleicht herunterladen und dann zu Hause vor qualitativ hervorragenden Bildschirmen und Soundanlagen genießen kann. Mit 3D-Filmen allerdings funktioniert das nicht: Um den Effekt des räumlichen Sehens erleben zu können, muss ein entsprechend ausgerüstetes Kino aufgesucht werden, der Download eines stereoskopischen Films oder dessen Mitschnitt wäre sinnlos.
Doch der 3D-Vorsprung des Kinos könnte nicht von langer Dauer sein: Panasonic entwickelt bereits ein 3D-Heimkinosystem (mit Blu-Ray-Player, Plasma-Fernseher und Shutter-Brille), das schon im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll. Ob durch die 3D-Technologie das Kino also wirklich dauerhaft attraktiver gestaltet werden kann, ist fraglich. Dauert der 3D- „Hype“ diesmal nicht länger als noch 1952, werden sich für Kino-Besitzer 3D-Investitionen kaum lohnen. Hinzu kommt, dass die 3D-Filme in der Regel teurer sind.
Qualität deutlich verbessert
Sicher ist, dass der digitale 3D-Standard, wie er heute für Kinos angeboten wird, im Vergleich zu den Analogverfahren der 1950er- oder auch 80er-Jahre wesentliche Vorteile aufzuweisen hat – und zwar für Anbieter wie Zuschauer gleichermaßen. Zum Beispiel sind meist die Herstellung, vor allem aber der Vertrieb und die Vorführung deutlich günstiger und einfacher geworden. Ein wesentlicher Vorteil der Digitalisierung ist, dass die Daten, die auf der Festplatte im Kino angeliefert werden, nach Spezifikation des amerikanischen Digitalkinostandards (DCI) für alle Systeme identisch sind. Damit sind unabhängig vom gewählten 3D-System technische Komplikationen beim Datenaustausch mit dem Filmverleih in jedem Fall ausgeschlossen.
Um den stereoskopischen Effekt, also das „räumliche Sehen“, zu ermöglichen, muss ein Film mit einer Stereokamera aus zwei unterschiedlichen, knapp nebeneinander liegenden Perspektiven aufgenommen werden. Zu analogen Zeiten bedeutete dies, dass jeder Film mit zwei unterschiedlichen Kopien vorgeführt werden musste: eine mit dem Material für das rechte und eine mit dem Material für das linke Auge. Beide Kopien wurden dann exakt synchron im Projektor vor einem Polarisierer gestartet. Klappt dies nicht, funktioniert der 3D-Effekt nur noch bedingt und das Zuschauen wird anstrengend. Diese Probleme führten dazu, dass die 3DBegeisterung in der Vergangenheit immer nur kurz währte.
Das digitale 3D-Erlebnis ist demgegenüber natürlich klar im Vorteil: Synchronisation sowie unveränderlicher Bildstand und damit ein ungestörter 3D-Effekt sind durch die Ausspielung von der Festplatte sowie dank verbesserter 3D-Brillen garantiert. Statt der rot-grünen Pappbrillen von einst sind heute Modelle mit Polarisationsfiltern im Stile schwarzer Sonnenbrillen angesagt. Einige Verfahren nutzen auch in die Gläser integrierte LCD-Technik. Mit diesen sogenannten Shutter-Brillen können Stereobilder wahrgenommen werden, wobei abwechselnd das linke und dann das rechte Teilbild angezeigt und von der Brille für das entsprechende Auge jeweils synchron freigegeben werden.
Vier 3D-Systeme im Markt
Verfügt ein Kino bereits über digitale Vorführtechnik, ist kein besonderer Aufwand mehr nötig, um 3D-Bilder zu ermöglichen. Der Film wird von einer Festplatte aus gestartet. Im Vergleich zum herkömmlichen 2D-Verfahren differieren lediglich die Daten und halten statt 24 Bilder pro Sekunde 48 bereit, nämlich 24 für jedes Auge. Voraussetzung ist bei den Verfahren ohne Shutter- Brille allerdings eine silberbeschichtete Leinwand. Der Betreiber eines digitalen Kinos kann dabei nach erfolgter 3D-Aufrüstung problemlos zwischen 3D- und 2D-Filmen wechseln.
2008 sind in Deutschland Branchenschätzungen zufolge etwa 1,2 Millionen Kinokarten für 3D-Filme verkauft worden. Die Technik in den Kinosälen aber ist keinesfalls einheitlich. Auf dem Markt werden zurzeit unterschiedliche 3D-Verfahren angeboten, von denen nicht jedes System in jedem Kino gleich sinnvoll eingesetzt werden kann. Mit der immer noch praktizierten, inzwischen aber digitalen Doppelprojektion, die vor allem in Imax-Kinos benutzt wird, konkurrieren das in den USA favorisierte RealD-Verfahren, der Typ Dolby Digital 3D sowie der Standard XpanD. Letzterer wird in Deutschland zurzeit am häufigsten eingesetzt, was vermutlich daran liegt, dass bei diesem System keine beschichteten Leinwände erforderlich sind, die sich negativ auf 2D-Vorführungen auswirken. Ein Nachteil der XpanDTechnik ist, dass die dafür benötigten batteriebetriebenen, infrarotgesteuerten Shutter-Brillen mehr Geld kosten als die Brillen anderer Systeme.
Knapp vierzig deutsche 3D-Säle
In den USA verfügen bereits mehr als tausend Kinos über digitale 3D-Technologie. In Deutschland werden 3D-Filme nur auf knapp vierzig Leinwänden gezeigt, davon sieben in Nordrhein- Westfalen. Von einer großen 3D-Welle mag in der deutschen Branche deshalb noch keiner sprechen. Schließlich gehört ein Großteil der 3D-Spielstätten zu den vier Imax-Kinos in Berlin, Nürnberg, Speyer und Sinsheim. Dort wird noch immer mit dem analogen 70-mm-Verfahren gearbeitet. Angesichts der nur schleppend verlaufenden Digitalisierung der deutschen Kinos – weniger als fünf Prozent der etwa 4.800 Säle sind umgerüstet – ist kaum mit einem schnellen Durchbruch für das dreidimensionale Filmtheater-Erlebnis zu rechnen.
Während in Deutschland stetig darüber diskutiert wird, wer denn nun die Kosten der Digitalisierung tragen soll (siehe Artikel „Kino-Leinwände vor digitaler Zeitenwende“ im medienforum. magazin 2/2008), bleibt bereits eine erste Chance, diese Kosten wieder einzuspielen, ungenutzt: Schließlich könnte der in seiner Wirkung perfektionierte 3D-Film durchaus eine Möglichkeit sein, dem digitalen Kino zu großer Attraktivität und vollen Kassen zu verhelfen. In den USA jedenfalls spielen 3D-Produktionen die zusätzlichen Kosten längst wieder ein.
Hoffnungen ruhen auf „Avatar“
Die Zukunft des digitalen 3D-Kinos hängt im Wesentlichen auch vom Erfolg der in diesem Jahr startenden 3D-Produktionen ab. Der Trickfilm „Bolt – Ein Hund für alle Fälle“ (Walt Disney) etwa oder der Fantasy-Film „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (Warner Bros.) starteten im Frühjahr auch als 3D-Version, ohne dass der dritten filmischen Dimension in der Öffentlichkeit allzu große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Speziell die als „erster digitaler 3D-Spielfilm“ beworbene Jules-Verne-Verfilmung stieß mit 60.000 Besuchern in der Startwoche in Deutschland nicht gerade auf ungebremste Begeisterung.
Hoffnungen, dass ein breites Publikum mit der 3D-Lust infiziert wird, verbinden sich am ehesten mit dem im Juli startenden Film „Ice Age 3 – Die Dinosaurier sind los“ (20th Century Fox) und der für Ende des Jahres angekündigten Science-Fiction- Produktion „James Cameron‘s Avatar“ (20th Century Fox). Insgesamt, so hieß es Anfang April während der Sho-West in Las Vegas, würden zurzeit 45 Hollywood-Filme in 3D-Qualität hergestellt, davon allein 17 in den Studios von Disney/Pixar.
10.04.2009 | Beitrag erstellt von in film
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