Standpunkt zum Artikel Pressefreiheit // Investigative Recherchen als Restgrösse
Von Hans Leyendecker, Leitender politischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung

Es gibt in Deutschland vorzügliche Reporter, es gibt gute Redakteure. Wer den Leitartikel schreiben darf, im Presseclub sitzt, hat den Ausweis höchster Professionalität erreicht. Aber die Zeitungen und Sender beschäftigen nur wenige Rechercheure.

Die Schwierigkeiten mit diesem Genre fangen hierzulande schon mit dem Begriff an. Nach Auskunft des Handbuches „Journalismus und Medien“ ist journalistische Recherche ein „professionelles Verfahren, mit dem Aussagen über Vorgänge beschafft, geprüft und beurteilt werden“.


Die Recherche setzt eine aktive Rolle des Journalisten voraus. Die Entgegennahme und redaktionelle Bearbeitung von Presseerklärungen fällt nicht unter Recherche. Dennoch gibt es Chefredakteure, die es schon für Recherche halten, wenn sie ohne Hilfe ihrer Sekretärin fehlerfrei eine Telefonnummer finden. Auch einige Nachwuchsleute tun sich mit dem Begriff schwer: „Wie haben Sie eigentlich früher recherchiert, als es Google noch nicht gab?“, fragte neulich bei einer Podiumsdiskussion in Mainz eine junge Redakteurin einen älteren Kollegen.

Den eigenen Ergebnissen misstrauen, Fakten bewerten, jede Quelle mehrmals auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen – das gehört zum Recherchejournalismus. „If your mother says she loves you – check it out“, verlangte der Lokalchef einer Tageszeitung in Chicago von seinen Mitarbeitern.

In Deutschland wird gewöhnlicher Recherchejournalismus oft mit investigativem Journalismus gleichgesetzt. Das ist ein Missverständnis. Ziel von beidem kann es sein, Missstände aus Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft aufzudecken. Beim investigativen Journalismus müssen allerdings durch Recherche bisher unbekannte Sachverhalte von politischer oder wirtschaftlicher Bedeutung öffentlich werden.

Wenn Journalisten beispielsweise über einen Skandal berichten, der durch die Ermittlungen von Staatsanwaltschaften bekannt wurde, mag das ernsthafter Recherchejournalismus sein, investigativer Journalismus ist es nicht. Ein paar Minimalforderungen sollte es schon geben. So darf sich der Journalist nie mit einer Quelle zufriedengeben. Aber nach einer Studie der Kommunikationswissenschaftlerin Barbara Baerns, die Beiträge aus Zeitungen, Hörfunk und von Nachrichtenagenturen nach der Quellenlage prüfte, hatten 85 Prozent aller Fälle als Basis nur eine Quelle: Informationen aus einer Pressekonferenz oder PR-Mitteilungen, die ungeprüft verarbeitet worden waren.

Ein Viertel der deutschen Journalisten, so ergab eine Untersuchung des Kommunikationswissenschaftlers Siegfried Weischenberg, recherchiert am Tag nicht mehr als eine Stunde. Die ökonomische Krise der Verlage hat die Lage in Redaktionen und Archiven nicht verbessert. Das öffentlichrechtliche Fernsehen hat – alles in allem – keine vergleichbaren ökonomischen Probleme, aber immer mehr verwalten Redakteure nur noch Themen und Sendungen. Ein freier Autor wiederum, der einem Sender eine rechercheintensive Geschichte anbieten will, wird sich dreimal überlegen müssen, ob er die Geschichte wirklich durchzieht. Am Ende kommt vielleicht dabei nichts raus und was ist dann? Kein Ergebnis, kein Geld?

Recherche ist ein Stiefkind des deutschen Journalismus, und der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller hat diesen Status geschichtlich begründet: In Deutschland habe es einen Kampf um Meinungsfreiheit gegeben, woraus ein Journalismus erwachsen sei, der die Gesinnung des Journalisten ins Zentrum stelle. Man schreibt also für die Gemeinde, und das von allen erwartete Ergebnis gilt als Recherche, was die ohnehin überzeugten Anhänger meist als Enthüllung feiern.

Auch gibt es noch eine weitere große Begriffsverwirrung. Exklusiv ist, was als exklusiv ausgegeben wird. Jedes Jahr erscheint eine Top-Liste der Blätter, die mit angeblichen Exklusivgeschichten aufgefallen sind. Wer die meisten Nominierungen erzielt, hat folglich am meisten und am besten recherchiert. Niemand aber prüft, ob diese prämierten Meldungen überhaupt stimmten oder ob sie recycelt wurden. In der Regel stimmen sie nicht.

01.10.2008 | Beitrag erstellt von Hans Leyendecker in specials,standpunkt
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Tags: presse, nachrichten, qualität Views: 1152

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