01.10.2008 | Beitrag erstellt von in specials
Den passenden Medienberuf findet man nicht über Nacht. Vielmehr ist die Berufswahl ein Prozess, bei dem Praxisprojekte Einblicke in den Arbeitsalltag geben können. Information und Beratung unterstützen Einsteiger bei der Entscheidung. Der Einstieg in Medienberufe bedarf strategischer Berufsorientierung.
Nahezu jeder dritte Studierende bricht sein erstes Studium ab. Etwa zwanzig Prozent aller Ausbildungsverträge werden vorzeitig gelöst. Deshalb verläuft auch der Weg in den Medienberuf nicht immer ohne Konflikte. Zu den Gründen für den Abbruch zählen dabei mangelnde Orientierung, fehlende oder falsche Berufsvorstellungen oder Probleme in der neuen Rolle. Solche negativen Erfahrungen beim Berufseinstieg aber lassen sich vermeiden: Schulabsolventen, die sich gut informiert haben und mit realistischen Erwartungen in die neue Lebensphase gehen, meistern die ersten Hürden meist erfolgreicher.
Wichtige Berufsorientierung
Um den Einstieg in das Arbeitsleben nicht zu einem frustrierenden Erlebnis zu machen, werden die Themen Berufsorientierung, Berufswahl, Karriere- und Laufbahnplanung immer stärker im Unterricht der allgemeinbildenden Schulen verankert. So lassen sich viele Ausbildungsabbrüche von vornherein vermeiden. An den Hochschulen entfalten inzwischen die Studiengebühren ihre „Lenkungswirkung“, die ein „Studieren auf Probe“ teuer macht. Deshalb beschäftigen sich einerseits viele Abiturienten inzwischen intensiver mit möglichen Studienfächern, und andererseits werfen weniger Studierende als noch vor ein paar Jahren bereits nach ersten Problemen an der Hochschule entnervt das Handtuch.
Berufseinsteiger landen bei vergleichbarer Qualifikation heute meist deutlich früher als ihre Eltern auf dem Arbeitsmarkt. Mit fünf Jahren eingeschult, Abitur nach zwölf Schuljahren, eine Regelstudienzeit beim Bachelor von drei Jahren: So sehen inzwischen viele Ausbildungswege aus. Künftig können frischgebackene Studienabsolventen 21 oder 22 Jahre alt sein. In diesem Alter grübelten ihre Väter nach Abitur und Bundeswehr oder Zivildienst oft noch über die richtige Studienwahl, oder die Mütter hatten gerade erst ihr Grundstudium abgeschlossen.
Es gibt also gute Gründe, die Berufsorientierung strategisch anzugehen. In der Medienbranche kommen weitere Faktoren wie neue Berufsprofile sowie der rasche Wandel der Produktionsstrukturen und Arbeitsanforderungen hinzu. Nur wenige Eltern oder Lehrer kennen die Berufsfelder der Medien-, Computer-, Online- und Telekommunikationsbranche aus eigener Anschauung und können ihren Schützlingen beratend zur Seite stehen.
Zunächst Informationen sammeln
Um die Berufswahl nicht dem Zufall oder privaten Kontakten zu überlassen, wurde in Nordrhein-Westfalen das Übergangsmanagement Schule – Beruf geschaffen. Eine wichtige Rolle übernehmen dabei so genannte Studien- und Berufswahlkoordinatoren, die von allen weiterführenden Schulen benannt werden müssen. Auch anderswo wird zurzeit eine breite Palette an Initiativen, Ansätzen und Methoden zur Vorbereitung auf die Berufswahl entwickelt. So ist die Arbeitsagentur mittlerweile nur eine unter vielen Institutionen, die sich im Feld der Berufsorientierung bewegen.
Veranstaltungsagenturen und freie Berater haben das Geschäft mit der Berufsfindung entdeckt. Berufsmessen, Girls’ Day und Boys’ Day, privates Coaching, Schnupperstudium, Kinder-Uni, Berufsorientierungscamps, Tage der offenen Tür: Interessierte Jugendliche und ihre Eltern können vielfältige Informationsquellen nutzen. Ratgeber- Literatur und Internet-Seiten mit Jobbörsen liefern ergänzendes Material.
Wunschberufe im Praxistest
Beim Entscheidungsprozess für einen Medienberuf ist die gelungene Verbindung von Theorie und Praxis wichtig. Im Idealfall können Jugendliche ihre Wunschberufe erproben und betriebliche Abläufe kennenlernen. Beim Arbeitsalltag in Unternehmen werden attraktive wie ernüchternde Aspekte eines Tätigkeitsfeldes deutlich. Das Schulpraktikum bietet deshalb eine erste große Chance. Auch Schulprojekte können Türen in die Arbeitswelt öffnen.
Einblicke in die Berufe der Medien- und Kommunikationsbranche geben Projekte wie die Mädchen-Medien-Woche, die das JFC Medienzentrum Köln anbietet. Dabei produzieren Schülerinnen Radio-Krimis, schreiben Reportagen, nehmen Computer auseinander, fotografieren, besuchen Studios, Bibliotheken und Festivals oder konzipieren Videos. Auf diese Weise erhalten Mädchen Einblicke in verschiedene Arbeitswelten und Berufswege. Ein weiteres Beispiel: Die Jobtester-Reihe, die in Köln von der sk stiftung jugend und medien in Kooperation mit der Arbeitsagentur organisiert wird, stellt in dreitägigen Workshops jeweils einen Beruf in den Mittelpunkt. Jugendliche erhalten so die Gelegenheit, zum Beispiel in die Praxis von Kameraleuten, PC-Spiele-Entwicklern, Veranstaltungstechnikern oder Marketing-Kaufleuten einzutauchen. Dazu gehört es auch, Projekte zu planen, sich mit Technik auseinanderzusetzen oder Unternehmen zu besuchen.
Den Profis über die Schulter schauen
Die Berufsfachschule für Medien des Berufskollegs Rheinbach ermöglicht eine Orientierung sogar ein ganzes Jahr lang. Dabei sollen Praxisphasen in Medienbetrieben einen Eindruck „aus erster Hand“ vermitteln. Die Teilnehmer sähen „Profis bei Film & Fernsehen, Rundfunk, Printmedien, Agenturen und Verlagen über die Schulter“, verspricht die Schule. Die Anrechnung dieses Vorbereitungsjahres auf eine anschließende, bundesweit anerkannte Ausbildung sei möglich.
Die Berufsvorbereitung im Medienbereich gleicht derzeit einem bunten Experimentierfeld: So organisierte die Landesarbeitsgemeinschaft Lokale Medienarbeit NRW das zweistufige Modell-Projekt Mädchen in Medienberufe (MiM). Die Jugendlichen realisierten dabei eine Soap-Opera, produzierten CD-ROMs, versuchten sich in Webdesign oder Musikproduktion. Flankierend wurde eine Fortbildung von Multiplikatoren angeboten: Lehrer besuchten Betriebe und erweiterten die eigene Medienkompetenz. Anschließend schilderte eine Lehrerin, ein Radio-Seminar habe ihr geholfen, die eigenen „Ängste im Umgang mit Technik“ zu überwinden. So gelänge es ihr nun besser, „Mädchen dazu zu motivieren, sich im Medienbereich weiterzubilden“.
Große Angebotspalette
Das Spektrum von Möglichkeiten, Einblicke in Medienberufe zu erlangen, reicht von ambitionierten Praxismodellen bis hin zu niederschwelligeren Angeboten, die oft eng verbunden sind mit Aktionen zur Steigerung der Medienkompetenz. So soll etwa das Medienkompetenz- Projekt Zeitung und Schule (ZEUS), das von der Journalistenschule Ruhr der WAZ-Gruppe angeboten wird, Jugendliche nicht nur zum Zeitunglesen animieren, sondern auch zum Schreiben ermuntern. Die jungen ZEUS-Reporter berichten über das, was sie bewegt: zum Beispiel über Sport, Liebeskummer, Mobbing oder Mode. So können Schulprojekte zur sinnvollen Vorstufe eines Training on the Job werden, das im Arbeitsalltag längst Standard ist.
Für Hochschulabsolventen sind studienbegleitende Praktika, studentische Jobs oder ein Engagement bei ähnlichen Projekten als Vorbereitung für eine Medienkarriere geradezu unverzichtbar. Praktische Erfahrungen können Studierende zum Beispiel auch bei zehn Campus-Radios in Nordrhein- Westfalen sammeln.
Modelle mit Labor-Charakter
Im Bereich von Schauspiel und Bühne ermöglicht es das Bochumer TheaterTotal Jugendlichen, sich über neun Monate in Berufen wie Tänzer, Schauspieler, Regisseur, Kostümbildner oder Kulturmanager zu erproben. Sie erarbeiten gemeinsam ein Bühnenstück und sammeln damit anschließend Tournee- Erfahrungen. Gefördert wird das Projekt durch Stiftungen und die öffentliche Hand.
Inzwischen existieren für fast alle Medien- Genres Schüler-Projekte mit berufsvorbereitendem Labor-Charakter. Auch Wettbewerbe wie Jugend macht Radio der Landesarbeitsgemeinschaft Lokale Medienarbeit oder Mädchen!Schreibt!Krimis! des Online-Portals LizzyNet motivieren Jugendliche, ihre Medienkompetenz zu erweitern und sich gleichzeitig im Medienbereich auszuprobieren. Das Magazin Der Spiegel veranstaltet bereits seit 1996 seinen Schülerzeitungswettbewerb, bei dem sich journalistischer Nachwuchs beweisen kann.
Unterstützung bei der Entscheidung
Inzwischen ist die Angebotspalette an Informationen und Schnupperkursen so groß, dass ihre Vielfalt auf viele Jugendliche verwirrend wirkt. Schüler brauchen deshalb Unterstützung bei der Auswertung von Angeboten und Praxiserfahrungen, um daraus Einsichten für die eigene Berufswahl zu gewinnen. Berufspraktiker kennen zwar ihren Arbeitsalltag, Anforderungen und Bewerbungsvoraussetzungen genau. Die Abwägung zwischen Bildungswegen und die Vermittlung eines Überblicks über die Bildungslandschaft gehören allerdings nicht zu ihren Aufgaben. Deshalb ist es wichtig, dass Jugendliche ihre beruflichen Ziele, Ausbildungsalternativen, Studienperspektiven und Laufbahnstrategien persönlich reflektieren und mit Eltern, Lehrern, Medienschaffenden und Gleichaltrigen besprechen. Nur so lassen sich Versprechen von Bildungsanbietern und die Profile einzelner Bildungsgänge ansatzweise vergleichen.
Ist die Entscheidung gefallen, die Wahl getroffen, müssen sich Interessierte mit den Bewerbungsvoraussetzungen auseinandersetzen. Bei Design-Studiengängen werden beispielsweise so genannte Mappen gefordert, mit Design-Entwürfen, Fotografien etc. In „Mappen-Kursen“ erhalten Bewerberinnen und Bewerber Hilfestellung. Bewerbungsfilme, die bei Filmhochschulen eingereicht werden müssen, entstehen selten ohne Netzwerke und Kontakte zu Profis. Für die Eignungsprüfung an Schauspielschulen wird das Rollenstudium meistens professionell begleitet.
Was kommt nach dem Studium?
Während Auszubildende darauf hoffen können, von ihrem Betrieb übernommen zu werden, bedeutet für Studienabsolventen der Abschied von der Hochschule eine zweite Orientierungsphase. Viele Studierende sind unsicher, wo ihre Qualifikationen gebraucht werden könnten. Sie suchen Informationen über Jobprofile und Arbeitsanforderungen.
Immer wieder machen Gerüchte die Runde wie etwa, dass ohne grundlegende Kenntnisse in Betriebswirtschaftslehre heutzutage keinerlei Berufseinstieg zu schaffen sei. Oder: Der Verfall von Wissen sei so schnell, dass Hochschulabsolventen nach drei bis vier Jahren als „ungelernt“ gelten würden.
Um die realen Anforderungen in den unterschiedlichen Berufsfeldern kennenzulernen und das eigene Profil daraufhin überprüfen zu können, wo sich geeignete Einstiegsmöglichkeiten bieten, sind Kontakt und Dialog mit Unternehmen und Branchenprofis unabdingbar. Bei solchen Gelegenheiten relativieren sich vage Vermutungen von Studierenden und werden schnell auf den realen Kern zurückgeführt. So müssen Designerinnen etwa Kalkulationen erstellen können, brauchen aber kein ausgefeiltes Wissen darüber, wie Bilanzen zu lesen sind. In Bezug auf die Halbwertszeit des Wissens lernen Studierende von Praktikern, dass Wissen in Bereichen wie Informatik wesentlich rasanter „altert“ als in Mediensoziologie oder Produktionsmanagement.
Immer wieder neu orientieren
Auch nach einem gelungenen beruflichen Einstieg in die Medienwelt ist lebenslanges Lernen für Beschäftigte und Freiberufler in der Medien- und Kommunikationsbranche unverzichtbar. Die Frage, welches Qualifizierungsangebot im individuellen Fall passt, ist eng verknüpft mit der jeweiligen Laufbahnoder Karrierestrategie. Für Bildungsinteressierte ist wichtig, dass Bildungsangebote transparent dargestellt werden und sie umfassende Informationen erhalten.
Viele Berufstätige nehmen Unterstützung durch Bildungsberatung in Anspruch, um die Wahl geeigneter Angebote der Fort- und Weiterbildung fundierter treffen zu können und finanzielle Förderungsmöglichkeiten auszuloten. Ansprechpartner stehen unter anderem bei den Kammern von Industrie, Handel und Handwerk zur Verfügung, aber auch bei der Agentur für Arbeit oder dem Projekt Lernende Regionen, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit den Bundesländern mit dem Ziel angeboten wird, Bildungsnetzwerke zu fördern. Das Kölner AIM KoordinationsCentrum bietet seit 1996 spezialisierte Beratung für die Medien- und Kommunikationsbranche an.
Bildungsprozesse im Wandel
Die Kunst, erfolgreich die verschiedenen Etappen einer Bildungsbiografie zu meistern, ist in der sich ständig wandelnden Medienbranche besonders gefragt. Unternehmen tun gut daran, sich aktiv am Prozess der Berufsorientierung zu beteiligen, wenn sie auf geeignete Bewerberinnen und Bewerber zurückgreifen wollen. Nicht nur die Bildungsexperten, sondern auch Wirtschaftsund Strukturpolitiker sind gefordert, wenn es gilt, Rahmenbedingungen für Bildungsprozesse zu schaffen. Jeder Studien- oder Ausbildungsabbruch bedeutet nämlich letztlich eine gesellschaftliche Fehlinvestition.
01.10.2008 | Beitrag erstellt von in specials
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