IPTV kommt als DSL-Angebot für geschlossene Netze in Deutschland nur sehr zögerlich voran. Es fehlt an günstigen Preisen, exklusiven Angeboten und vor allem an echter Interaktivität. Web-TV und Video-Sharing hingegen erzielen hohe Wachstumsraten und erweisen sich als starke Konkurrenz.

 

Die Zahl der Abonnenten von Internet-Fernsehen, so ermittelte das Marktforschungsinstitut Gartner, soll in diesem Jahr weltweit auf 19,6 Millionen steigen. Das entspricht im Vergleich zu 2007 einem Wachstum um 64,1 Prozent. Weltweit, so prognostizieren die IT-Experten der Gartner Inc., werde sich der Umsatz in diesem Jahr auf etwa drei Milliarden Euro fast verdoppeln. Schöne Aussichten also für die noch junge Branche des Fernsehens über das Internet-Protokoll (IPTV) – allerdings nicht in Deutschland, wo zurzeit nur etwa 300.000 Haushalte DSL-Fernsehangebote abonniert haben.

Schleppender Start für T-Home

„Internet-TV boomt nur im Ausland“, resümierte Ende August das Handelsblatt in einer Schlagzeile. Und die Financial Times assistierte am selben Tag mit dem Titel „Internetfernsehen gerät zum Flop“. Die Fakten dazu wurden gleich mitgeliefert: Auch zwei Jahre nach dem Start von T-Home hat die Telekom nur etwa eine Viertel Million Abonnenten gewinnen können. Erst wollte der Ex-Monopolist das Produkt T-Home ausschließlich ü̈ber das superschnelle VDSL-Netz vermarkten. Dann kam im vergangenen Jahr die Kurskorrektur, so dass seitdem auch Haushalte mit einem herkömmlichen DSL Anschluss als Kunden in Frage kommen.

Die Preisstrategie musste ebenfalls korrigiert werden: Kostete das Triple-Play-Paket anfangs noch bis zu 110 Euro pro Monat, müssen mittlerweile nur noch knapp fünfzig Euro gezahlt werden. Aber auch das ist nicht gerade billig. Zum Vergleich: Kunden von Kabel Deutschland geben für digitales Fernsehen plus Telefon- und Online-Anschluss etwa zwanzig Euro weniger aus.

Um bis zum Jahresende noch das Planziel von einer halben Million Kunden zu erreichen, startete die Telekom im August ihre zweimonatige „Try-and-Buy“-Aktion. Dabei können Kunden das IPTV-Angebot Entertain kostenlos testen und dürfen bei Vertragsabschluss alle Fußballspiele der Bundesliga-Hinrunde ohne Aufpreis live schauen. Die Technik für T-Home wird im Rahmen der Werbeaktion auf Wunsch sogar gratis installiert. Darüber hinaus wurde das Entertain- Paket um 2.500 Radioprogramme aufgestockt. Bis zum Jahr 2010 will die Telekom so 1,5 Millionen IPTV-Kunden gewinnen.

 

Hansenet verschenkt IPTV-Basispaket

Auch bei den IPTV-Angeboten anderer Netzbetreiber in Deutschland – also bei Arcor und Hansenet – ist das Geschäft eher schleppend angelaufen. Hansenet konnte nur etwa 20.000 IPTV-Verträge abschließen und entschloss sich deshalb, seine IPTV-Inhalte für Neukunden sofort und für den bestehenden Abonnentenstamm ab Oktober ohne Aufpreis freizuschalten. Bislang kostete das Basispaket zehn Euro.

Insgesamt, so geht aus dem aktuellen Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten hervor, nutzen nur 0,3 Prozent der deutschen Haushalte die DSL-Technologie zum Empfang von Fernsehprogrammen. Angesichts der Tatsache, dass inzwischen fast jeder zweite deutsche TV-Haushalt über einen DSL-Anschluss verfügt, zeigt die geringe IPTV-Akzeptanz, wie weit das Internet- Fernsehen in Deutschland noch vom Massenmarkt entfernt ist.

In Deutschland fehlt der Mehrwert

Ganz anders die Situation in Frankreich: Dort haben bereits mehr als zwei Millionen Haushalte IPTV-Dienste abonniert. Allein die France Télécom sicherte sich bislang etwa 1,2 Millionen IPTV-Kunden, und der DSL-Anschluss bietet für knapp acht Prozent der Bevölkerung den Zugang zum Fernsehen. Allerdings sind im Nachbarland auch TV-Kabelnetze und Free-TV-Programme Mangelware, so dass die Zahlungsbereitschaft für IPTV deutlich größer ist als in Deutschland. Außerdem liegt der Preis für ein französisches Triple-Play-Paket nur bei dreißig Euro.

Angesichts des recht hohen Preisniveaus bei T-Home und der großen Anzahl von Free-TV-Programmen fehlt es dem Entertain- Paket der Telekom fü̈r viele Verbraucher am Mehrwert. Obwohl IPTV über das Internet einen idealen Rückkanal aufweist, bleibt diese Möglichkeit zur Interaktivität völlig ungenutzt. Solche Anwendungen seien für die Kunden noch zu kompliziert, heißt es bei der Telekom. Deshalb unterscheidet sich IPTV vom normalen Fernsehen in Deutschland derzeit nur durch die Möglichkeit, Programme unabhängig von einem starren Sendeschema zu nutzen. Dies aber leisten inzwischen auch Personal Videorecorder (PVR) oder moderne Receiver mit Festplatte.

Ambitioniertes Pilotprojekt

Während die deutschen DSL-Projekte vom Fernsehen der Zukunft noch weit entfernt zu sein scheinen, arbeitet die Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) seit Monaten an einem ausgesprochen interaktiven TV-Modell. Im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts Live-Staging of Media Events werden neue, interaktive Formate und mehrkanalige Konzepte für die Live-Berichterstattung entwickelt. An einem ersten Pilotversuch beteiligten sich während der Olympischen Spiele mehr als 500 österreichische Haushalte. Das Projekt wird auch vom Österreichischen Rundfunk (ORF), von der Kölner Fachhochschule, dem Fraunhofer Institut sowie dem Multimedia-Dienstleister Pixelpark unterstützt.

Während der ORF-Berichterstattung über die Spiele in Peking konnten die Testhaushalte mit Hilfe einer Set-Top-Box gestreamte Kanäle empfangen, für die in Echtzeit aus zwölf Live-Datenströmen und einem großen Archiv spezielle Angebote zusammengestellt wurden. Die Zuschauer hatten Gelegenheit, zum Live-Programm ein Feedback abzugeben, konnten zwischen Live-Berichten und Interviews wählen und so auf „persönliche“ und „interaktive“ Weise ihr eigenes Programm gestalten. Für die daraus resultierenden „Multistrom-TV-Sendungen“ kamen, so heißt es in der Projektbeschreibung, „intelligente Empfehlungssysteme“, eine dynamische Verlinkung von Datenströmen und „echtzeitfähige und adaptive Metadatenextraktion sowie verschiedene Personalisierungsmethoden“ zum Einsatz.

Mangel an exklusiven Inhalten

Die zentrale Idee des Projekts Live-Staging of Media Events basiert auf der Aktivität der Nutzer und bietet nicht etwa nur eine weitere Plattform für bereits im Markt Vorhandenes. Dass es nicht reicht, einfach nicht-exklusive Inhalte neu zu konfektionieren, müssen außer deutschen DSL-Netzbetreibern auch die Grü̈nder der lange umjubelten Software Joost feststellen. Das Zuschauer- Interesse an dem Peer-to-Peer-System (P2P) hält sich in Grenzen, weil hochwertige Inhalte fehlen.

Um mehr als ein „More of the Same“ zu bieten, setzt beispielsweise das irische P2P-Angebot Babelgum vor allem auf hochwertige Inhalte jenseits des Mainstream-TV, zum Beispiel auf Independent-Filme von Spike Lee oder ambitionierte Kurzfilme. Mit solchen Konzepten wird der Erfolg in der Nische gesucht, die angesichts der Größe des World Wide Web häufig mehr Zuschauer aufweist als mancher deutsche TV-Spartenkanal.

An Bewegtbildern herrscht im Internet kein Mangel mehr. Außer in Peer-to-Peer- Netzwerken flimmern den Online-Nutzern auch beim Web-TV Video-Sequenzen entgegen und machen dort nicht einmal eine zusätzliche Software erforderlich. Für Joost, Babelgum, Zattoo und ähnliche Angebote kommt erschwerend hinzu, dass die großen TV-Programmanbieter inzwischen eigene Mediatheken im Internet aufbauen. Zattoo hat nach eigenen Angaben dennoch etwa eine Million Nutzer, die zahlreiche TV-Kanäle über den Online-Computer schauen können. Im Unterschied zu geschlossenen IPTV-Angeboten ist Zattoo aber gratis und finanziert sich über Werbung. Nur wer die Programme in voller TV-Auflösung sehen will, soll demnächst 2,50 Euro zahlen.

Fehlstart beim interaktiven Fernsehen

Wo nun liegt der Vorteil von IPTV? Wurde den Zuschauern früher immer wieder versprochen, Internet und digitales Fernsehen machten sie zu Regisseuren, ist davon bei den meisten IPTV-Angeboten bislang nicht viel zu sehen. Noch hat das Lean-forward- Television die Ära des Lean-back beim klassischen Fernsehen nicht abgelöst. Ganz anders ist das bei Video-Sharing-Plattformen im Internet: YouTube bietet mehr als hundert Millionen Videoclips, das Kölner Video- Portal Sevenload immerhin etwa zwei Millionen. Daraus basteln sich vor allem jüngere Zuschauer ihr eigenes TV-Programm. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Unternehmensberatung Roland Berger in Deutschland 2,1 Milliarden Videos über das Internet abgerufen. Das führt auch zu Veränderungen im Mediennutzungbudget: Video-Portale werden pro Woche und Nutzer mittlerweile eine Stunde lang konsumiert, ermittelte das Marktforschungsunternehmen Jupiter Research.

Die Millionen kleiner Videoclips und Web- TV-Angebote haben die Medienlandschaft längst nachhaltiger verändert als das IPTV. Ein schneller Übergang zum interaktiven Fernsehen lässt hingegen auf sich warten. „In Verbindung mit einem DSL-Zugang könnte IPTV die Interaktivität des Fernsehens beflügeln. So mancher glaubt aber inzwischen, dass das Projekt schon gescheitert ist, bevor es überhaupt richtig begonnen hat“, beschreibt Medienberater Werner Lauff die aktuelle Situation. Das klingt sehr ernüchternd von einem Experten, der früher als Geschäftsführer der Bertelsmann Broadband Group von der „Erschaffung einer neuen Dimension des Fernsehens“ schwärmte. Die IPTV-Gegenwart hat die interaktiven Tele- Visionen von einst noch lange nicht erreicht.

 

Differenz statt Konvergenz?

Zuschauer, die beides haben wollen, also sowohl (passiv) klassisches Lean-back-TV als auch (aktiv) modernes Lean-forward-TV, setzen inzwischen auf Differenz statt Konvergenz. Multimedia kann eben auch bedeuten, dass TV-Gerät und Computer einfach gleichzeitig getrennt genutzt werden. Wer sich dabei online über aktuelle TV-Inhalte mit anderen Internet-Nutzern austauschen will, für den gibt es einen neuen Service: Beim Angebot telewebber.de kann zu jeder laufenden Fernsehsendung ein Chat initiiert werden, bei dem auch Votings und ähnliche interaktive Anwendungen möglich sind. So wird das Internet zum TV-Begleitmedium.

Dr. Matthias Kurp

Hintergrundinfo // Lizenzpflicht für das Internet-Fernsehen

In Bayern benötigen Betreiber von Internet- Fernsehen seit dem 1. August eine Sendelizenz, falls zeitgleich mehr als 500 Benutzer auf ein lineares Live- Stream-Angebot zugreifen können. Solche Angebote werden gemäß der neuen Fernsehsatzung der Bayerischen Landesanstalt für neue Medien (BLM) wie Rundfunk behandelt. Die Lizenz verlangt vor allem Angaben ü̈ber die Eigentümer und ihre Beteiligungsverhältnisse. Erst bei mehr als 10.000 Zugriffsmöglichkeiten soll ein Lizenzierungsverfahren greifen, wie es auch bei TV-Kabelprogrammen ü̈blich ist.

Bei lokalen und regionalen Angeboten wird eine Lizenzgebühr von maximal 2.500 Euro fällig, bei bundesweiten Programmen liegt sie zwischen 1.000 und 10.000 Euro. Aus Sicht der BLM setzt die neue Satzung geltendes Rundfunkrecht um. TV-Angebote im Internet seien mit dem klassischen Rundfunk vergleichbar und würden sich nur durch das Distributionsnetz unterscheiden. Bereits Mitte 2007 hatten die Landesmedienanstalten beschlossen, dass Rundfunkangebote, die online verbreitet werden und mehr als 500 potenzielle Nutzer zeitgleich erreichen, einer Genehmigungspflicht unterliegen (siehe Artikel „IPTV: Rundfunk im Netz außer Kontrolle?“).

Die Lizenzpflicht von allen linearen Internet-Fernsehprogrammen mit mehr als 500 zeitgleichen Zugriffen ist auch im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag vorgegeben. Liegen die inhaltlichen Programm- Schwerpunkte außerhalb des lokalen oder regionalen Bereichs, mü̈ssen bei der Lizenzierung auch die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) und die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Landesmedienanstalten einbezogen werden. Nicht betroffen von der neuen Regelung sind alle Abruf-Angebote.

01.10.2008 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
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Tags: hybrid-tv, finanzierung Views: 1333

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