31.03.2008 | Beitrag erstellt von in publishing
Immer mehr Tageszeitungen reichern ihr Online-Angebot mit aktuellen News-Videoclips an. Während die Web-TV-Bilder zu überregionalen Ereignissen von Agenturen stammen, werden Beiträge über lokale Ereignisse in vielen Fällen schon selbst produziert. Gelingt so der Einstieg ins Lokal-TV-Geschäft?
Die klassische Trennung zwischen Printmedien und Fernsehen scheint durch das Internet überwunden: Von 267 untersuchten deutschen Tageszeitungstiteln, so ermittelte der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), verfügten Anfang des Jahres bereits 122 über Bewegtbilder auf ihren Webseiten. Bei fast allen größeren und vielen kleineren Zeitungen gehören die Fenster für aktuelle Videoclips inzwischen zum Standard des Online-Angebotes – und erfreuen sich wachsender Beliebtheit.
Sorgte noch vor etwa einem Jahr die mangelnde Bandbreite ihrer Internet-Verbindungen dafür, dass sich viele Nutzer über ruckelnde Streaming-Bilder in Streichholzschachtel-Größe ärgerten, ist dieser Engpass inzwischen so gut wie überwunden. Größere Bandbreiten und Flatrates sind mittlerweile in etwa der Hälfte aller Online-Haushalte Standard. Parallel zu dieser rasanten Entwicklung tauchen im Internet immer mehr IPTV- und Web-TV-Angebote auf (siehe Artikel „Rundfunk im Netz außer Kontrolle?“).
Video-Kooperation mit Agenturen
Allein in Nordrhein-Westfalen, so ermittelte der BDZV, setzen inzwischen 36 örtliche Titel auf Bewegtbilder im Internet. Als Software für das Web-TV wählten die meisten Anbieter Flash-Player (86 Prozent) oder Windows Media Player (23 Prozent). Während die Bilder über das örtliche Geschehen meist direkt aus den Lokalredaktionen stammen, werden Videos aus dem Bereich Weltnachrichten in der Regel von professionellen Agenturen zugeliefert. Siebzig Prozent der vom BDZV untersuchten Online- Auftritte setzten dabei auf Beiträge des niederländischen Dienstleisters Zoom.in, dessen Angebot vom Clip über blutige Osterrituale auf den Philippinen bis zum Tibet-Konflikt reicht.
Zoom.in liefert die Bilder kostenlos und finanziert sich allein über Werbespots, die in die Beiträge integriert sind. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben der größte Produzent von Online-Videos in Europa und beliefert mehr als 450 Webseiten in zehn Ländern. Die Agenturen Agence France Press (AFP) und Reuters bieten einen ähnlichen Service. Die Rheinische Post in Düsseldorf erhält Videomaterial von RTL. Auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa) und die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) steigen gerade in den Markt ein.
Web-TV auch in eigener Regie
Während in den vergangenen zehn Jahren viele Verlage die Erfahrung machen mussten, dass Lokalfernsehen sehr teuer ist, wittern sie jetzt im Internet eine neue Chance. Dabei entstehen zum Teil sehr professionelle Angebote. So bietet etwa die Video-Internetseite des Münchner Merkur (merkurtz.tv) aktuelle Beiträge, die sich per Doppelklick in Bildschirmgröße darstellen lassen und eine erstaunlich gute Qualität haben. Noch ist nur eine Beta-Version im Netz, und Verleger Dirk Ippen spricht von „Videoübungen im Internet“. Aber der gewiefte Medienunternehmer, der aus dem westfälischen Hamm stammt und heute in München lebt, ist keiner, der investiert, ohne konkret ein lukratives Geschäftsmodell vor Augen zu haben.
Zu den Zeitungsredaktionen, die sehr früh auf Online-Videos setzten, gehört auch die des Kölner Stadt-Anzeigers. Um 16 Uhr stellt ein Team von etwa zehn freien Mitarbeitern an jedem Werktag eine neue Ausgabe des TV-Lokalmagazins „Rheinblick“ ins Netz. Die Video-Themen werden mit den Print-Kollegen abgestimmt, so dass der Web-TV-Auftritt als Ergänzung zur gedruckten Ausgabe dient. Immer mehr lokale Zeitungsverlage werden auf diese Art zu integrierten Medienkonzernen. So produziert etwa der Südkurier (Konstanz) seine Video-Beiträge fürs Internet in einem eigenen Studio. Zu sehen sind außer Nachrichten, die teilweise von den 16 Lokalredaktionen beigesteuert werden, vor allem TV-Umfragen sowie Kino- und Veranstaltungs-Tipps.
Videoclips für die YouTube-Generation
Auch bei der Hessisch/ Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel versuchen sich Zeitungsredakteure als Kameraleute und TV-Reporter. Das Blatt, das ebenfalls zur Ippen- Gruppe gehört, leistet sich dreimal täglich Breaking News als Web-TV und erntet damit pro Tag mehr als 100.000 Page-Impressions. In den westfälischen Lokalredaktionen des Ippen-Verlags setzen sich Mitarbeiter mitten in den Redaktionsräumen regelmäßig vor eine Kamera und verlesen für das World Wide Web Nachrichten, die so oder ähnlich am nächsten Tag in den Lokalzeitungen erscheinen.
Gemessen am hohen technischen Standard der großen Voll- und Spartenprogramme wirkt vieles, was die Lokalzeitungen im Internet versenden, noch improvisiert. Die YouTube-Generation aber hat sich längst an verwackelte, manchmal auch unscharfe Bilder gewöhnt. Solange beim Web-TV nur kurze Videoclips gezeigt werden, scheint das Verlangen des Publikums nach ästhetischer Bildgestaltung und Hightech-Qualität nicht allzu hoch zu sein. Wichtiger sind die große Aktualität und die Nähe der Berichte zum Alltag der Internet-Nutzer.
Kooperation von WAZ und WDR
DerWesten.de, die neue Online-Plattform der Essener WAZ-Gruppe, bietet demnächst Hochwertiges und übernimmt einzelne TV-Beiträge vom Westdeutschen Rundfunk. WDR und WAZ-Gruppe haben am 11. März erste Einzelheiten eines entsprechenden Letter of Intent öffentlich präsentiert. Die Kooperation war im Juni 2007 von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers im Rahmen des medienforum.nrw angeregt worden.
Der WDR will künftig über seine Tochtergesellschaft WDR Mediagroup der WAZ-Gruppe täglich neun regionale TV-Beiträge anbieten, aus denen die Redaktion von DerWesten.de dann einzelne oder alle auswählen kann. „Es handelt sich um ein reines Lizenzgeschäft zu marktüblichen Preisen“, versicherte WDR-Intendantin Monika Piel. Der Letter of Intent sehe vor, dass der WDR Beiträge aus Regionalmagazinen etwa eine Stunde nach ihrer Ausstrahlung in die eigene Online-Mediathek einstelle und zugleich für das Portal DerWesten.de bereithalte.
Keine exklusive Zusammenarbeit
Bei der Einbettung der öffentlich-rechtlichen Inhalte in das Online-Angebot der WAZ-Gruppe sollen die Beiträge durch das WDR-Logo gekennzeichnet werden. Die Redaktion von DerWesten.de darf weder Veränderungen vornehmen noch WDR-Videodateien mit Werbung versehen. Die WAZ-Gruppe musste sich verpflichten, das unmittelbare Umfeld der gezeigten TV-Beiträge so zu gestalten, dass Werbung klar von den WDR-Bildern getrennt wird.
WDR und WAZ-Gruppe betonen, dass sie keine exklusive Zusammenarbeit vereinbart haben. Beiden Partnern seien auch Online-Kooperationen mit anderen Unternehmen möglich. Dennoch ist das Projekt bei einigen Zeitungsverlagen nicht unumstritten. So warnte Franz Sommerfeld, Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, statt kritischer Konkurrenz entstehe ein „Einheitsangebot der selben Filme auf verschiedenen Kanälen“.
Kompliziertes Vertragswerk
Der WDR verhandle bereits mit weiteren Zeitungshäusern, sagte WDR-Intendantin Piel. Der Preis für die Lizenzierung der TV-Beiträge sei nicht so hoch, „dass es sich kleinere Verlage nicht leisten könnten“. Allerdings, so bestätigte auch der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, Bodo Hombach, verlange der WDR für den aktuellen Webcast-Service deutlich höhere Summen als andere Anbieter. Piel verriet, der Preis liege „fast doppelt so hoch wie die Preise eines kommerziellen Anbieters, der zurzeit auf dem Markt ist“.
Die Juristen beider Seiten arbeiteten monatelang an einem Kooperationsmodell, das den EU-Auflagen des Beihilfeverfahrens gerecht werden soll. Die Online-Kooperation wurde zunächst für ein Jahr verabredet. Parallel planen WAZ-Gruppe und WDR-Mediagroup gemeinsame Projekte zur „gegenseitigen Bewerbung“. So will der WDR auf den Seiten von DerWesten.de auf das eigene TV-Programmangebot hinweisen und der WAZ-Gruppe im Gegenzug Hörfunkspots (WDR 2, 1live) anbieten.
Print-Journalisten entdecken TV-Welt
WAZ-Manager Hombach verspricht sich von der Zusammenarbeit „zusätzliche attraktive Angebote“ für das eigene Online- Geschäft. Die Kooperation mit dem WDR soll dazu beitragen, dass DerWesten.de bis Ende 2009 „unter vergleichbaren Titeln der klickreichste Dienst“ wird. Parallel zur Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Anbieter will die Chefredakteurin von DerWesten.de, Katharina Borchert, auch weiterhin die Produktion WAZ-eigener Videobeiträge forcieren.
Fast alle Verlage machen zurzeit Mitarbeiter fit für die Videozukunft. Die Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage e.V. (ABZV) bietet ebenso Seminare an wie der Springer Verlag; die Henri-Nannen- Schule in Hamburg oder die Fachhochschule Düsseldorf. Stammen die Web-TV-Inhalte aus dem eigenen Haus, so kalkulieren Verlagsmanager, dienen sie nicht nur zur Kundenbindung, sondern können auch direkt mit Werbeclips kombiniert werden. Für die Werbewirtschaft sind Video-News im Netz vor allem interessant, weil Kontakthäufigkeit und Sehdauer im Internet noch viel besser ermittelt werden können als beim klassischen Fernsehen.
center.tv neuer Partner der Verlage
Haben die Zeitungsverlage mit ihren TV-Strategien im Internet Erfolg, wird manch einer von ihnen demnächst auch wieder einen Vorstoß beim klassischen Lokalfernsehen unternehmen. Der Verlag M. DuMont Schauberg des Kölner Stadt-Anzeigers hat sich ebenso wie der Bonner Zeitungsverlag H. Neusser (Generalanzeiger) sicherheitshalber schon einmal mit 24,4 Prozent am Kölner Unternehmen center.tv beteiligt, das im Rheinland, im Ruhrgebiet und in Bremen Ballungsraumfernsehen veranstaltet.
Am center.tv-Ableger für den Raum Düsseldorf hält auch die Verlagsgruppe der Rheinischen Post Anteile (dreißig Prozent). center.tv ergatterte jüngst Lizenzen, um auch im Raum Aachen und am Niederrhein ein regionales Vollprogramm ausstrahlen zu können. Die WAZ-Gruppe sicherte sich eine Zulassung, um demnächst gemeinsam mit der Germany 1 Media AG ein Ballungsraumfernsehprogramm für das Ruhrgebiet zu veranstalten. WAZ-Gruppe, Rheinische Post und M. DuMont Schauberg waren noch vor fünf Jahren mit ihrem gemeinsamen Programm TV NRW gescheitert. Jetzt unternehmen sie offenbar einen neuen Anlauf für einen Einstieg ins TV-Business.
31.03.2008 | Beitrag erstellt von in publishing
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