Standpunkt zum Artikel: Multiplattform-Strategien // TV-Nachrichten jederzeit und überall 
Von Dr. Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau!“ Jeden Abend sind im Durchschnitt neun Millionen Menschen vor den Fernsehern, wenn die „Info- Ikone Tagesschau“ (Der Spiegel) den Menschen in Deutschland den Tag zusammenfasst. In der quotenorientierten TV-Welt könnte man sich leicht besoffen machen lassen von so viel Zuschauerzuspruch. Aber Vorsicht: Das in Quoten messbare Zuschauerinteresse an Nachrichtensendungen im Fernsehen ist in den vergangenen fünf Jahren langsam, aber stetig zurückgegangen – zum Glück bei der Tagesschau weniger als bei anderen Anbietern.

Vor diesem Hintergrund prüft ARDaktuell, ob das Konzept der seriösen, politisch geprägten Nachrichten noch trägt, ob die Vermittlung und Präsentation noch stimmt. Vielleicht etwas mehr Paris Hilton? Eisbär Knut in der 20-Uhr-Sendung? Ein leichter Musikakzent unter die Nachrichtenfilme? Nein! Nicht! Niemals! Wir wollen bleiben, wie wir sind. Und genau deshalb müssen wir unser Denken verändern.    Die Menschen warten nicht mehr wie früher auf eine bestimmte Nachrichtensendung. Sie wollen Nachrichten dann, wenn sie Zeit haben, und dort, wo sie gerade sind. Die Devise heißt: einmal produzieren, mehrfach verwerten und auf verschiedenen Ausspielwegen verbreiten. So zum Beispiel mit dem digitalen Informationskanal Eins Extra. Dort bekommt man den ganzen Tag über Nachrichten in Tagesschau- Qualität. Unabhängig von der Uhrzeit hat man hier nach spätestens 15 Minuten einen Überblick über das aktuelle Weltgeschehen. Ohne Werbung, ohne Klamauk und Effekthascherei. Das Ganze basiert auf dem vorhandenen Content der Tagesschau, auf den Berichten der vielen ARD-Korrespondenten und auf den Standards von ARD-aktuell.

Im Viertelstundentakt gibt es bei Eins Extra die Kurznachrichten, die als „Tagesschau in 100 Sekunden“ auf Mobiltelefone geleitet werden – Nachrichten ortsunabhängig, immer aktuell und speziell angepasst für das kleine Handy-Display. Die gesamte Sendestrecke von Eins Extra aktuell gibt es zudem auf tagesschau. de als Live-Stream, so, wie es die Nutzer bereits von den Tagesschau-Ausgaben kennen, die man seit Jahren auch als Podcast oder on Demand ansehen kann. Im Weblog von tagesschau.de erklären die Macher der Tagesschau darüber hinaus, wie die Nachrichtenauswahl zustande kommt, warum sich die Redaktion für oder gegen ein Thema entschieden hat, machen Entscheidungsprozesse transparent.

Diese Strategie bedeutet keine „Digitaloffensive“, auch wenn dies immer wieder behauptet wird. Es wäre Versündigung an Gebührengeld, würden wir die teuer bezahlten Inhalte nicht mehrfach nutzen. Heute drängen große Medienhäuser in den Markt mit Bewegtbildern. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber man möge uns bitte nicht vorwerfen, dass wir weiterhin einfach unsere Arbeit machen.

Wer der Tagesschau den Weg in die digitale Welt versperren möchte, will den schleichenden Tod dieses Nachrichten- Klassikers. Nun mag man denken: Die Dinosaurier sind auch ausgestorben, na und? Stimmt, aber der vermeintliche Dino Tagesschau hat den Menschen in der Flut digitaler Angebote unserer Meinung nach mehr denn je etwas Wichtiges zu geben: solide recherchierte und politisch unabhängige Informationen, die sich nicht an kommerziellen Interessen orientieren.

31.03.2008 | Beitrag erstellt von Dr. Kai Gniffke in standpunkt,television
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Tags: medienpolitik, multimedia, journalismus Views: 1489

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