31.03.2008 | Beitrag erstellt von in publishing
Viele Weblogs befinden sich in einer Grauzone zwischen Journalismus und User Generated Content. Einerseits tragen die neuen Angebote zur Meinungsvielfalt bei. Andererseits verschwimmen die Grenzen des klassischen Journalismus. Brauchen wir einen Online-Pressekodex?
Als sich Jens Jessen, der Feuilleton-Chef der Wochenzeitung Die Zeit, Anfang des Jahres in seinem Video-Blog wieder einmal zu aktuellen Ereignissen äußerte, war er einen Moment lang unkonzentriert. Da verwechselte er offenbar die Rollen. Der versierte Journalist gab sich als Provokateur und versuchte sich an einer kühnen Hypothese. Nachdem jugendliche Ausländer in einer Münchener U-Bahn einen Rentner zusammengeschlagen hatten – der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen –, verstieg sich Jessen vor seiner Webcam zu folgender Theorie: Die Tat könne auch als zwangsläufiges Ende einer Kausalkette betrachtet werden. Angesichts einer „unendlichen Reihe von Gängelungen, blöden Ermahnungen, Anquatschungen“, die jugendliche Ausländer in Deutschland zu erleiden hätten, hielt er die Tat für einen automatischen Reflex.
Unbedachte Äußerung im Video-Blog
Anschließend vertraute Jessen seinem öffentlichen Video-Logbuch auf den Internet-Seiten der Zeit an, er frage sich, ob das Problem nicht im Grunde darin liege, dass es „zu viele besserwisserische deutsche Rentner gibt, die den Ausländern hier das Leben zur Hölle machen und vielen Deutschen auch“. Der Fall schlug schnell hohe Wellen. Die Video-Datei landete erst im Videoportal YouTube und dann mitten im hessischen Wahlkampf von Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Rechtslastige Online-Foren freuten sich über die Munition einer sonst eher liberalen Wochenzeitung, und die Prestigepresse erklärte Jessen zum Judas.
Abgrenzungs-Probleme
Der Fall des versierten Journalisten und Ressortchefs macht gleich eine ganze Reihe von Problemen des Journalismus im Web-2.0-Zeitalter deutlich:
- Die Grenzen zwischen objektiver journalistischer Berichterstattung und subjektiver Wertung verschwimmen.
- Das Spontane wird plötzlich öffentlich, vervielfältigt und lässt sich aus den Tiefen des Netzes nicht mehr löschen.
- Journalisten versuchen sich an medialen Auftritten, ohne die Eigenheiten der jeweiligen Medien genau zu kennen.
- Für das Publikum wird im Internet nicht mehr deutlich, in welcher Rolle und mit welchem (journalistischen?) Anspruch Akteure im Netz Informationen und Meinungen mitteilen oder mischen.
Manches, was im Internet als „Notizen aus dem Journalistenalltag“ etikettiert wird, klingt nach Qualitätsjournalismus, ist aber eher eine Mischung aus subjektiver Wahrnehmung und kühner Aphoristik. Die vermeintlich flüchtige Form der Logbuch-Notiz verleitet zur Oberflächlichkeit oder zur Banalität.
Medienethische Standards fehlen
Während in klassischen Printmedien und auch im Rundfunk kommentierende und berichtende, fiktionale und journalistische, redaktionelle und werbende Inhalte deutlich getrennt sind, herrscht im Internet digitale Unübersichtlichkeit. Wo Fakten fehlen, wird dies in Weblogs häufig mit Polemik übertüncht. „Der Ton mancher Kommentare, die Art der Auseinandersetzung, wie sie teilweise in Blogs geführt wird, scheint zu einem Blog-Image zu führen, das dem Medium nicht gerecht wird und das vielleicht potentielle Leser abschreckt und somit ein Wachstum der Blogosphäre verhindert,“ schrieb Spreeblick-Blogger Johnny Haeusler vor kurzem.
So unscharf wie die Trennung zwischen journalistischen und nicht-journalistischen Inhalten sind auch die gesetzlichen Grundlagen: Weblogs gelten rechtlich als Telemedien. Dadurch sind geschäftsmäßigen Weblog-Betreibern zwar teilweise Pflichten wie die einer größtmöglichen Sorgfalt oder eines Impressums auferlegt, wie sie sonst auch für Journalisten gelten. Jedoch bemängeln Kritiker die Unschärfe des Gesetzes, das nicht explizit die Kriterien dafür nennt, ab wann genau ein Weblog als geschäftsmäßig gilt und ein Weblog-Betreiber nach journalistischen Kriterien handeln muss.
Generell fehlen für den Online-Journalismus medienethische Grundregeln. Der Deutsche Presserat hat vorgeschlagen, die Leitlinien des Pressekodexes auch für professionell betriebene Online-Medien zu übernehmen. Der Vorschlag klingt nach kontrollierter Selbstregulierung. Was aber sind „professionelle Online-Medien“, und was passiert mit Video- und Audio-Dateien im Internet? Wer trägt die Verantwortung für Inhalte, die nicht von professionellen Kommunikatoren/ Journalisten stammen, aber über professionelle Plattformen zugänglich sind? Können Verlage für die Beiträge Dritter auf ihren Internet-Seiten haftbar gemacht werden? Gelten alle Weblogs als journalistische Inhalte? Und was passiert, wenn Autoren unter falschem Namen im Internet publizieren und ihre Spuren geschickt tarnen?
Kontroverse um Pressekodex
„Wenn sich Betroffene über einen Printartikel beschweren wollen, können sie sich an den Deutschen Presserat wenden. Über die gleiche Aussage im Online-Artikel jedoch ist derzeit nur der Gang zum Rechtsanwalt möglich“, plädierte der Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Hendrik Zörner, kürzlich im DJV-Verbandsorgan Journalist für eine Ausweitung des Pressekodexes auf Online-Medien. Stefan Niggemeier, Mitgründer von Bildblog. de, entgegnete, eine Selbstregulierung wie die durch den Presserat sei ohnehin nutzlos: „Der Deutsche Presserat ist ein Gremium, das den Eindruck erwecken soll, es gebe ein Gremium, das für die Einhaltung journalistischer Mindeststandards sorgt.“
Umstrittenes Urteil
Niggemeier musste neulich selbst Erfahrungen im Umgang mit rechtsverletzenden Kommentaren im Internet machen. Als ein entsprechender Text in seinem Weblog erschien, weil der Medienjournalist ihn nicht rechtzeitig löschen konnte, urteilte das Hamburger Landgericht, Niggemeier habe seine Sorgfaltspflicht verletzt.
Dagegen wurde inzwischen Berufung eingelegt. Sollte das Urteil auch von höheren Instanzen bestätigt werden, müssten sämtliche Weblog-Kommentare künftig vor der Veröffentlichung geprüft werden. Bei Focus.de beispielsweise geschieht dies ohnehin schon bei vielen Leser-Beiträgen im Netz, von denen vierzig bis fünfzig Prozent aus dem Verkehr gezogen werden. Dennoch hält Focus-Online-Chefredakteur Jochen Wegner wenig davon, den kompletten User Generated Content grundsätzlich prüfen zu müssen. Die Hamburger Entscheidung im Fall Niggemeier hält Wegner für wenig stichhaltig und kann sich nicht vorstellen, „dass dieses Urteil Bestand haben wird“.
Fehlende Qualitätskontrolle
Das Web 2.0 entwickelt sich zu einem Mesokosmos zwischen Individual- und Massenkommunikation. Noch herrscht ein kreatives Chaos aus Weblogs zu privaten Dingen und Fachthemen, eine Mischung aus literarisch ambitionierten Beiträgen und PR-Weblogs (Corporate Blogs) oder Watch-Blogs, die wie Bildblog.de die Inhalte einzelner Medien kritisch beleuchten. Das Spektrum ist so riesig, dass Carefully Researched Blogs („Crogs“) im Internet ebenso gedeihen wie totaler Trash.
Das Problem für den Nutzer besteht darin zu erkennen, welche Inhalte auf Recherche und welche auf Spekulation oder Agitation beruhen. Während in der analogen Medienwelt Lektoren und Redakteure über die Qualität von Inhalten wachen, herrscht im Web 2.0 Anarchie. Das bedeutet einerseits mehr Meinungsvielfalt und eine Demokratisierung von Massenkommunikation. Andererseits wächst die Gefahr, dass Wesentliches im Rauschen des Netzes verloren geht oder verzerrt wiedergegeben wird.
Gespanntes Verhältnis
Das Verhältnis zwischen Journalismus und Weblogs ist komplex. „Die Positionen reichen von der Vorstellung, dass Weblogs der ,Sargnagel‘ des Journalismus sein werden, über die pauschale Eingemeindung der Weblogs als ,Netzwerkjournalismus‘ bis hin zur strikten Abgrenzung der Weblogs vom Journalismus. Wie die Antwort ausfällt, hängt wesentlich davon ab, wie der Journalismus definiert wird“, schrieben vor einem Jahr die Autoren einer Forschungssynopse zum Wandel der Öffentlichkeit im Internet. Die Studie wurde am Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster erstellt und konstatierte einen Mangel an empirisch eindeutigen Ergebnissen.
„Das Bloggen gibt mir Möglichkeiten, die mir eine Zeitung nicht bietet: Ich kann einerseits flapsiger sein und sehr abseitige Dinge aufschreiben, aber auch kontinuierlicher, gründlicher und ausführlicher ein Thema verfolgen“, erklärte Stefan Niggemeier gegenüber dem Medium Magazin, dessen Jury ihn zum Journalisten des Jahres 2007 gekürt hatte.
Die Münsteraner Forscher stellten fest, dass die Motive der Blogger oft journalistischer Natur sind, aber nur wenige von ihnen ein Massenpublikum erreichen wollen. Werden Journalisten zu Bloggern – so wie Niggemeier, Jessen oder im Handelsblatt Thomas Knüwer –, entsteht allerdings automatisch eine größere Öffentlichkeit.
„Mainstream-Medien aufrütteln“
In den USA hat sich das Journalisten-Portal The Huffington Post zu einer vielseitigen Online-Zeitung mit Nachrichten, Kommentaren und Gastbeiträgen prominenter Autoren entwickelt. Finanziert wird das Angebot über Anzeigen und mit Geld von Investoren. „Den Bloggern fällt unter anderem die Rolle zu, die Mainstream-Medien aufzurütteln: Hört endlich auf, so reflexhaft zu berichten!“, sagte Arianna Huffington, die das Unternehmen 2005 gemeinsam mit Kenneth Lerer gegründet hatte, in einem Interview mit Spiegel Online.
In Deutschland stehen nur wenige Weblogs an der Schwelle zum echten Massenmedium. Die publizistische Wirkung von Weblogs könnte in Bezug auf Agenda-Setting, Skandalisierung oder Meinungsbildung erhöht werden, wenn sich journalistische Maßstäbe durchsetzen würden. Was dann noch fehlt, ist eine Art Prüfsiegel für Qualitätsjournalismus.
Weisheit der Masse gefragt
Qualitätsmanagenemt im Journalismus 2.0 ist praktisch unmöglich. Wie sollen Maßnahmen, die der Verbesserung von journalistischen Produkten, Prozessen oder Leistungen dienen, im weltweiten Datennetz organisiert werden? Weiterbildungen, Zertifizierungen, Standardisierungen, Qualitätsprüfung und -kontrolle sind im World Wide Web ein Zufallsprodukt.
Woran aber lässt sich Qualitätsjournalismus im Internet überhaupt erkennen? Wer im Web 2.0 die Weisheit der Masse lobt, müsste eine Lösung entwickeln, um möglichst viele Online-User an einem Verfahren zu beteiligen, das Aufschluss über die Güte von parajournalistischen Internet-Beiträgen gibt. Manche Wiki-Gemeinde scheint auf einem guten Weg in diese Richtung zu sein. Im besten Fall gelingt eine Art Näherungsverfahren, um journalistische Online-Qualität auch dort entstehen zu lassen, wo keine professionellen Redaktionen am Werk sind.
31.03.2008 | Beitrag erstellt von in publishing
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