Standpunkt zum Artikel Social Media // Kommunikation in Communities
Von Jürgen Krönig, freier Journalist und Korrespondent der ZEIT in London

Die Internet-Revolution geht mit unverminderter Wucht weiter. Getrieben wird sie einmal von Google, dem Giganten, der derzeit alles dominiert. Die andere Achse bilden User Created Content und Social Networks wie YouTube, MySpace, Flickr, Facebook und Bebo, um nur einige Markennamen zu nennen. Die Summen, die für sie geboten werden, wirken immer abenteuerlicher.

 

Microsoft zahlte 240 Millionen Dollar für 1,6 Prozent der Facebook-Anteile. Nicht schlecht für ein Unternehmen, das 2007 nicht mehr als hundert Millionen Dollar Umsatz machen wird, ca. 2,50 Dollar pro eingeschriebenem Mitglied. Entsprechend  bescheiden fällt der Gewinn aus. Doch seit Rupert Murdoch MySpace erwarb, für  675 Millionen Dollar, wollen andere Konzerne beim Kampf ums WWW nicht zurückfallen. Als Yahoo vor einiger Zeit eine Milliarde Dollar für Facebook bot, reagierte Mark Zuckerberg, 23-jähriger Gründer dieses Webportals, darauf mit einem müden Lächeln.

Vielleicht sollte man statt von Web 2.0 von Techbubble 2.0 sprechen. Niemand weiß, wohin die Reise geht, wie es um die Gewinnchancen steht, aber alle wollen dabei sein. Die bitteren Lehren der Vergangenheit sind vergessen, wie weggeblasen die Erinnerung ans unsanfte Erwachen, als die Internetblase vor gerade sechs Jahren platzte.

Die Medien- und Technologiebranche ist für Hype so anfällig wie eh und je. Sie träumt davon, unter den Upstarts auf ein zweites Google zu stoßen. Vergessen ist das AOL-Desaster, das einem Giganten wie Times Warner beinah den Garaus gemacht hätte. All das lässt sich unter „technologischem Wahn“ subsumieren: Der blinde Glaube, alles technisch Mögliche werde von den Menschen angenommen und lasse sich in ein profitables Business Modell verwandeln.

Stattdessen sei gesunde Skepsis angeraten. Social Networks beziehen einen Teil ihrer Attraktivität daraus, dass sie nichts kosten und relativ unreguliert sind. Vor allem geraten sie schnell aus der Mode. Während man gerade noch den phänomenalen Erfolg von Facebook in Amerika und Europa bestaunt, verzeichnet der Neuling Perfspot höhere Zuwachsraten als selbst MySpace und Facebook; obwohl dort nichts anderes geboten wird als auf bereits etablierten Plattformen. Das Risiko für Investoren, die sich vom Erwerb eine gewinnträchtige Anlage versprechen, ist beträchtlich. Der Werbekuchen wird schließlich nicht größer, nur anders verteilt.

Wirtschaftliche Illusionen werden ergänzt um Naivität oder Gleichgültigkeit, was die gesellschaftlichen Folgen betrifft. Man berauscht sich am „demokratischen“ Potenzial des Internet, sagt das Erblühen einer „globalen Internetdemokratie“ voraus oder feiert die „Kreativität“ virtueller „Second Worlds“, in die Millionen von Menschen abdriften. Die Kommunikationswege mögen dank des Internet rasant zunehmen. Doch was kommt raus? Belanglosigkeiten, Banales, eine weltweite Explosion des Narzissmus, der Profilneurose und von Porno.

Das Lustprinzip triumphiert mehr und mehr über das Realitätsprinzip, Erfindungen drehen sich heute vor allem um virtuelle Unterhaltung. Der „Kult des Amateurs“ produziert einen endlosen Strom digitaler Mittelmäßigkeit. Statt „Weisheit der Massen“ erleben wir den Triumph der Trivialisierung – ob persönliche Profile auf MySpace schrill um Aufmerksamkeit und Freunde buhlen, ob man sich dabei „faked Identities“ bedient oder als Avatar durch den Cyberspace geistert. Ökonomischen Überschwang wird der Markt korrigieren. Mit den sozial-kulturellen Folgen werden wir alle leben müssen.

30.11.2007 | Beitrag erstellt von Jürgen Krönig in digital,standpunkt
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Tags: qualität, internet, socicalmedia, datenschutz Views: 1278

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