29.11.2007 | Beitrag erstellt von in film
Während das Kino dem Fernsehen technisch immer ähnlicher wird, sorgen sich einige in der Branche um einen ästhetischen Filmriss. Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff sieht die cineastische Kunst durch TV-Verwertungen in Gefahr. Doch die digitale Ökonomie ermöglicht dem Kino auch neue Spielräume.
„Wie viel Fernsehen verträgt Kino?“, fragte im Juli die Süddeutsche Zeitung und eröffnete mit einer prononcierten Philippika des renommierten deutschen Filmregisseurs Volker Schlöndorff eine spannende Debatte. Der Oscar-Preisträger kritisierte in einem Artikel hybride Mischformen („Amphibien“) aus Film und Fernsehen, bei denen die cineastische Kunst unter den Verwertungsbedingungen der TV-Branche zu leiden habe. Weil immer mehr Kinofilme so produziert werden müssten, dass sie auch zu TV-Ware wie Mehrteilern oder Director’s Cut umgewandelt werden könnten, leide die Qualität. Schlöndorff wehrt sich gegen eine Ökonomisierung des Filmschaffens, unter der die Sorgfalt leiden müsse und die zu TV-Fassungen führe, die allenfalls als „Verschnitt“ zu bewerten seien. Als Ursache für die meisten Doppelverwertungen nennt Schlöndorff eine „doppelte Begehrlichkeit“, bei der sowohl Mittel aus Film-Fördertöpfen als auch aus Lizenzerlösen eingespielt werden sollten.
Schlöndorffs Generalabrechnung mit den so genannten Mischfilmen für Kino und TV hatte Folgen: Zunächst kündigte ihm seine Produktionsfirma Constantin, für die der Regisseur seit Jahren den Film „Die Päpstin“ nach dem Roman von Donna Cross vorbereitet hatte. Constantin-Produktionsvorstand Martin Moszkowicz erklärte, es habe keinen Sinn, Schlöndorff ein Mischfilm-Projekt realisieren zu lassen, wenn der Regisseur nicht hinter dem Projekt stehe. Die Constantin Film AG hat inzwischen Sönke Wortmann für das Projekt verpflichtet.
Kontroverse Debatte
Der Fall hat inzwischen eine Grundsatzdebatte ausgelöst. Wohin entwickelt sich der deutsche Kinofilm, wohin der Fernsehfilm? Wo bleiben im digitalen Zeitalter die ästhetischen und inhaltlichen Unterscheidungsmerkmale? Droht durch Filme, die großes Kino und mehrteiliges TV-Ereignis bieten sollen, der Ausverkauf von Kinokultur? Während Schlöndorff befürchtet, dass die Ästhetik des Kinofilms dauerhaft unter den Ansprüchen des Massenmediums Fernsehen zu leiden habe, sieht das der Präsident der Deutschen Filmakademie ganz anders. Günter Rohrbach reagierte auf Schlöndorffs Kritik an „Mogelpackungen“ mit pointierter Deutlichkeit: „Wenn der deutsche Kinofilm überleben will, muss er sich der Wahrheit beugen, dass die große Zeit des Kinos offensichtlich vorbei ist.“ Beispiele wie „Das Boot“ oder „Der Untergang“ hätten bewiesen, dass ästhetische Qualität und mehrstufige Auswertung (Kino, TV-Mehrteiler, DVD) kein Widerspruch sein müssten.
Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm und Unterhaltung des Westdeutschen Rundfunks, teilt Rohrbachs Ansicht. Schlöndorffs Einwand, dass die Übermacht des Fernsehens cineastische Kunst bedrohe, hält Henke für „reine Polemik“. Schließlich sei beispielsweise Geißendörfers „Zauberberg“-Verfilmung nur wegen zusätzlicher Fernsehgelder in der gelieferten Qualität ermöglicht worden. Außerdem betone auch der Regisseur Dominik Graf immer wieder, dass ihm das Fernsehen mehr gestalterische Freiheit biete als das Kino. In der Hauszeitschrift WDR Print gipfelt Henkes Beitrag zum Thema in der Bemerkung, dass sich die „ästhetische Avantgarde“ inzwischen eher im TV-Bereich finden lasse als im traditionellen Kinofilm, und zwar „bei der modernen amerikanischen Serie, in der Werbung, im Clip, beim avancierten Fernsehfilm“. Dass auch Sönke Wortmann, der nun Schlöndorffs Päpstin-Projekt übernimmt, kaum Berührungsängste mit dem Medium Fernsehen kennt, hat er unter anderem mit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ bewiesen.
TV- und DVD-Verwertung
Tatsächlich lassen sich die Systeme Kino und Fernsehen kaum noch voneinander trennen. ARD und ZDF zahlten im vergangenen Jahr mehr als 43 Millionen Euro in die Film- und Medienfördertöpfe der Bundesländer ein. Hinzu kommen Millionen-Beträge für Koproduktionen. Ohne die Auswertungen über Pay-TV, Free-TV und DVD wären kaum noch große Kinofilme finanzierbar. Die Digitalisierung wird diesen Prozess beschleunigen. Zugleich aber stellen die (digitalen) Glieder der Film-Wertschöpfungskette auch eine Gefahr für den Erfolg an den Kinokassen dar. Weil vor allem die großen Hollywood-Studios ihre Filme immer schneller auch als DVD auf den Markt bringen, klagen viele Kinobetreiber über weniger Publikum. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat ermittelt, dass die DVD-Auswertung inzwischen doppelt so viel zum Umsatz der großen Studios beiträgt wie die Kino-Einnahmen. Immer häufiger wird auch in Deutschland der Zeitabstand von sechs Monaten zwischen Kinostart und DVD-Veröffentlichung unterschritten.
Pro Eintrittskarte machen deutsche Kinos schon heute im Durchschnitt fast sechzig Cent Verlust. Nur durch den Verkauf von Getränken, Eis oder Popcorn lassen sich schließlich Gewinne realisieren. Was passiert, wenn den Kinos die Exklusivität bei der Präsentation neuer Filme noch weiter streitig gemacht wird? Dieser Frage geht eine aktuelle Marketing-Studie nach, die auf der Befragung von 1.770 Konsumenten in den USA, Deutschland und Japan basiert. Dabei kam ein Forscherteam von Thorsten Hennig-Thurau, der in Weimar als Professor Medien-Marketing lehrt, zu folgenden Ergebnissen: Würden die Blockbuster der Hollywood-Studios parallel zum Kinostart für den DVD-Verleih und drei Monate später für den DVD-Verkauf freigegeben, könnten die US-Majors ihre Umsätze bis zu 16 Prozent steigern. Zugleich aber gingen die Umsätze der Kinos um etwa vierzig Prozent zurück! Sollten solche Szenarien Wirklichkeit werden, wäre ein Kinosterben vorprogrammiert.
Digitales Kino kann Kosten senken
Doch die Digitalisierung der gesamten Produktionskette bietet den Kinos auch Chancen. So können etwa Kopier- und Transportkosten gespart werden, wenn statt der Filmrollen bald nur noch Datenpakete von zentralen Servern aus verschickt werden. Allein in Deutschland, so schätzt der Verband der Filmverleiher (VdF), müssen für Kopien und Transport jährlich bis zu hundert Millionen Euro ausgegeben werden. Weltweit sollen diese Kosten bis zu fünf Milliarden Euro betragen.
Beim so genannten digitalen Kino („D Cinema“) fällt dieser Kostenblock weg. Filme werden via Satellit oder DSL-Datenleitung verschlüsselt übertragen, von digitalen Projektoren ausgestrahlt und weisen auch nach der hundertsten Präsentation keinerlei Mängel auf. Die Technik dafür ist vorhanden und wurde erst kürzlich bei der wichtigsten europäischen Broadcasting-Messe, der IBC (International Broadcasters Convention) in Amsterdam, vorgestellt. Noch aber herrscht auf dem Weg zum „D Cinema“ Unsicherheit. Erstens scheuen viele Kinobetreiber die erforderlichen Investitionen, zweitens etablieren sich erst allmählich feste Standards und drittens herrscht das klassische „Henne-Ei-Problem“. Digital produziert und distribuiert wird nur, wenn genügend Kinosäle über die erforderliche Technik verfügen. Die Leinwand-Besitzer wiederum warten ab, weil zurzeit noch analoge Filmrollen das Angebot prägen.
Suche nach neuen Fördermodellen
Insgesamt kann bundesweit inzwischen auf etwa 120 Leinwänden digital projiziert werden. Weltweit wurden bislang etwa 5.000 Kinosäle auf die neue Technik umgestellt. Im Rahmen des europäischen Arthouse-Pilotprojektes CinemaNet (früher: „DocuZone“) wurden zur Umrüstung einiger (kleinerer) Lichtspielhäuser Fördermittel aus dem MEDIA-Programm ausgeschüttet. Auch bei der Filmförderungsanstalt (FFA) in Berlin wird seit Monaten darüber nachgedacht, ob und wie die Umrüstung der Filmtheater forciert werden kann. Bereits vor mehr als zwei Jahren kam eine von der FFA in Auftrag gegebene Studie zu dem Schluss, dass der „Flaschenhals“ bei der Verbreitung der digitalen Technik vor allem im Bereich der Kinobetreiber zu suchen sei. Nun müssen vor der Verteilung von Fördermitteln erst einmal Grundlagen für eine Zertifizierung von Anlagen geschaffen werden.
Nach Angaben von VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn sind Kinobetreiber, Werbewirtschaft und Verleiher bereit, Geld in Form von Abgaben in einen neuen Fördertopf fließen zu lassen, falls für ein solches Fondsmodell auch öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ein Gutachten der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers beziffert das Investitionsvolumen für die Digitalisierung aller deutschen Kinos auf etwa 250 bis 280 Millionen Euro. In jedem Fall müsse die Umstellung schnell gehen, fordert Klingsporn und denkt an einen Zeitraum von etwa fünf Jahren: „Andernfalls fallen zu lange doppelte Kosten an, wenn Filme zugleich im 35-Millimeter-Format und als digitale Daten zur Verfügung gestellt werden müssen.“
Chancen und digitale Optionen
Sorgen, dass die Filmverleiher nach erfolgter Digitalisierung ins Abseits geraten, weil das aufwändige Geschäft mit Kopien und Filmrollen-Transport entfällt und Produzenten ihre Filmdaten auf eigenen Servern für alle Kinobetreiber (online) zur Verfügung stellen können, hat Klingsporn nicht. „Es geht auch künftig darum, für Filme die richtigen Zielgruppen zu finden und diese optimal anzusprechen und zu erreichen“, urteilt der VdF-Geschäftsführer. Richtig genutzt könnte die Digitalisierung für die Verleiher außerdem den Aufbau von Online-Communities als neue Kommunikationskanäle ermöglichen. Zur Vernetzung von Logistik und Kassen in den Kinos hat Kodak bei den Filmfestspielen in Cannes ein neues Workflow-Konzept namens „Theatre Management Software“ präsentiert. Schließlich könnten solche Systeme Kino-Betreibern und Werbebranche auch neue Daten über das Publikumsverhalten ermöglichen.
Zusätzlich setzt sich die Digitalisierung auch außerhalb der Kinosäle fort. So arbeiten zum Beispiel das Fraunhofer Institut und das Institut für Rundfunktechnologie zurzeit daran, einen reibungslosen Datenaustausch zwischen Film und Fernsehen zu ermöglichen. Dadurch sollen Kino-Produktionen ohne Qualitätsverlust auch für TV oder HDTV sowie für Mobile TV aufbereitet werden. Zumindest in technischer Hinsicht scheinen sich die Systeme Kino und Fernsehen also weiter anzunähern.
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