Versprochen wird ein "rettendes Licht in der Finsternis", geboten eine neue digitale Plattform für Free- und Pay-TV. entavio versucht im zweiten Anlauf, mit der Grundverschlüsseldung von digitalen TV-Programmen Geld zu verdienen. Noch aber scheinen dabei einige Fragen nicht geklärt...

Im August tauchten sie plötzlich in den aktuellen Printmedien auf, die blauen Anzeigen, auf denen in großen Lettern „See you“ und „entavio“ zu lesen war. Am rechten Seitenrand erfuhren die Leser dann unter anderem Folgendes: „Das rettende Licht in der Finsternis heißt entavio. Die Digitalfernseh-Plattform eint vom ersten September an die Zerrissenheit im Reich moderner Unterhaltungsmedien.“ Das klang visionär. Versprochen wurde nicht weniger als ein „unbegrenzter Zugang zur digitalen Fernseh- und Abo-Welt“. Von Gebühren war da nichts zu lesen. Stattdessen lyrische Prosa über das neue blaue entavio-Logo der hundertprozentigen Tochtergesellschaft des Satelliten-Betreibers SES Astra: „Gleichsam himmlisch assoziiert ist die Unternehmensidentität, die einen blauen, schäfchenbewölkten Himmel zeigt, den man durch ein Feld aus vielen kleinen Kreisen erkennt.“

Mit der ungewöhnlichen Werbekampagne machte ein Unternehmen auf sich aufmerksam, das viele bereits für Mediengeschichte hielten. Schließlich hatte das Bundeskartellamt Ende vergangenen Jahres signalisiert, dass es einer Grundverschlüsselung von Fernsehprogrammen durch die geplante entavio-Plattform nicht zustimmen könne. Astra wollte als Europas größter Satellitenbetreiber gemeinsam mit der RTL Group und der ProSiebenSat.1 Media AG digitale Free-TV-Programme verschlüsseln und für die Zuschauer nur noch gegen eine Gebühr freischalten (siehe „Verschlüsselung und Satelliten-Zugangsgebühr im Free-TV" sowie Artikel im medienforum.magazin 2/2006). Weil die Wettbewerbshüter das Modell auf mögliche Kartellabsprachen hin untersuchten und mit einer Abmahnung drohten, verzichtete die Sendergruppe ProSiebenSat.1 schließlich auf den entavio-Pakt und brachte das Projekt zum Scheitern.

Abschied und Neubeginn

Als für die Free-TV-Programme der ehemaligen Kirch-Gruppe am 5. Dezember 2006 der Ausstieg aus dem entavio-Projekt bekannt gegeben wurde, schien das Thema Grundverschlüsselung damit zunächst erledigt. Schließlich können es sich RTL & Co. nicht leisten, von den Zuschauern Geld für eine Freischaltung zu verlangen, während die Konkurrenz ihre Programme gratis ausstrahlt. Dennoch dürfte die Branche ihre Grundverschlüsselungspläne nicht endgültig ad acta gelegt haben.

Während der Internationalen Funkausstellung in Berlin präsentierte sich entavio dann von einer neuen Seite. Nach einer geballten Werbekampagne – siehe Beispiel oben – startete das Unternehmen aus Unterföhring bei München am 1. September als neue Satelliten-Plattform für digitales Free- und Pay-TV. SES-Astra-Chef Ferdinand Kayser versprach, mit dem neuen Angebot werde das „Boxen-Chaos“ bei den Dekodern ein Ende haben, weil das System Zugang zu allen digitalen Satelliten-TV-Angeboten ermögliche, ohne dass die Set-Top-Boxen ausgetauscht werden müssten.

Kooperation mit Premiere

Erster Partner von entavio wurde Premiere. Außer den bereits zuvor vorhandenen Programmpaketen des Pay-TV-Anbieters startete am 13. September über die neue Plattform das Bouquet Premiere Star mit zunächst dreizehn Digitalkanälen, zu denen RTL Living, Sat.1 Comedy und Kabel 1 Classics ebenso gehören wie Playhouse Disney, MTV Music oder Angebote von Sony (Animax, AXN) und Turner Broadcasting (Classic Movies, Boomerang, Cartoon Networks). In den kommenden Monaten sollen weitere Kanäle hinzukommen. Nach Recherchen des Branchenmagazins Digital Fernsehen erhalten die einzelnen Programmanbieter pro Abonnent und Monat einen Erlösanteil zwischen acht und 17 Cent. Zehn Prozent der Gesellschafteranteile von Premiere Star wurden von der HypoVereinsbank erworben, fünf Prozent von EM.Sport Media, für 34 weitere Prozent sucht Premiere noch andere Teilhaber und will 51 Prozent selbst behalten.

Dass entavio und Premiere inzwischen kooperieren, galt noch vor einem Jahr als unwahrscheinlich. Damals sollte in Konkurrenz zu Premiere über entavio ein zweites großes Pay-TV-Angebot namens Stargate etabliert werden. Diese Pläne aber gehören längst der Vergangenheit an. Stattdessen wollen entavio und Premiere noch stärker zusammenarbeiten, wobei die neue Digital-Plattform für die Pay-TV-Kunden immer mehr technische Dienstleistungen erbringen soll.

Sportdigital.TV als neuer Partner

Haushalte, die sich für entavio entscheiden, müssen außer einer einmaligen Bereitstellungsgebühr in Höhe von 9,99 Euro monatlich eine Gebühr von 1,99 Euro pro Dekoder bezahlen. Geeignete Receiver (Humax, Kathrein) kosten zwischen 90 und 140 Euro. Wer eine von entavio zertifizierte Set-Top-Box erwirbt, dem steht auch der interaktive Astra-Service Blucom zur Verfügung, der für Mobilfunk-Endgeräte programmbegleitende und interaktive Zusatzdienste ermöglicht. Wer außerdem das neue Programmpaket Premiere Star abonnieren will, muss zusätzlich pro Monat 13,99 Euro zahlen.

Wollen Kunden ergänzend zu Premiere andere Pay-TV-Angebote nutzen, müssen sie bei entavio-Receivern nur die Smartcard wechseln. Mit dem Bouquet Sportdigital.TV steht inzwischen ein zweites Programmbündel zur Verfügung. Das Angebot stammt von dem Sportrechtevermarkter Sportfive und zeigt seit 1. Oktober für 9,99 Euro monatlich (bei zwölf Monaten Mindestlaufzeit) Live-Berichterstattung über Spiele der deutschen Bundesligen für Handball, Basketball und Volleyball. Dabei stammen die Bilder von den einzelnen Ligen, die selbst als Produzenten agieren. Im nächsten Jahr soll, so kündigte Sportdigital.TV-Geschäftsführer Gisbert Wundram an, über eine Integration der neuen Sport-Angebote in das Paket von Premiere Star verhandelt werden.

Diskriminierungsfreier Zugang?

Zurzeit bemühen sich die entavio-Manager vor allem darum, die neue Plattform für klassisches Pay-TV zu etablieren. Die enge Verbindung zu Premiere soll offenbar ein Geschäftsmodell unterstützen, das ursprünglich vor allem auf die Umwandlung von klassischen Free-TV-Programmen in verschlüsselte Kanäle ausgelegt war. Nachdem das Bundeskartellamt entavio bei der Satelliten-Grundgebühr für werbefinanzierte Programme einen Strich durch die Rechnung machte, betont Geschäftsführer Wilfried Urner nun, entavio biete allen Sendern einen „diskriminierungsfreien Zugang“. Ob die Anbieter ihre Programme dann auch verschlüsseln würden, bleibe ihnen überlassen.

Vielleicht steht das Thema Free-TV-Grundverschlüsselung also bald doch wieder auf der Agenda. Das Bundeskartellamt jedenfalls ermittelt noch immer wegen des Verdachts auf Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung durch die Durchsetzung einer restriktiven Spezifikation der Set-Top-Boxen. In dem Verfahren mit dem Aktenzeichen B7-18/06-2 geht es darum, ob bei der Zertifizierung von entavio-Receivern lediglich ein einziges Verschlüsselungssystem (Nagravision) zugelassen ist. Um den Markt zu öffnen, wäre dringend eine offene Schnittstelle (Common Interface) notwendig.

Die 7. Beschlussabteilung des Bundeskartellamtes beruft sich auf den Artikel 82 des EG-Vertrages und den Paragrafen 19 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Im Kern geht es darum festzustellen, ob entavio mit Hilfe einer proprietären Technologie – ähnlich wie früher Leo Kirch mit der d-Box – versucht, für Wettbewerber unüberwindbare Marktzutrittsbarrieren zu schaffen. Sollte dies gelingen, droht in der digitalen Satellitenbranche ein Monopol.

Quellen: KEK, ZAW

Kritiker klagen über „Fernseh-Maut“

entavio versichert, die Ermittlungen der Wettbewerbshüter bezögen sich nur auf den alten Standard und hätten mit den nun auf dem Markt befindlichen Dekodern nichts zu tun. Einige Branchenvertreter aber sind anderer Ansicht. So bezeichnete etwa das Fachmagazin Infosat die Zukunft von bereits verkauften entavio-Receivern angesichts des laufenden Bundeskartellamt-Verfahrens als „ungewiss“ und nannte die Technik einen „Wackelkandidaten“. Das Angebot Premiere Star wird sicherheitshalber zugleich auch über die normale Premiere-Plattform ausgestrahlt.

„Mit entavio stehen Sie als Nutzer im Mittelpunkt“, verspricht zurzeit der Werbetext auf der entavio-Homepage im Internet. Und weiter: „Bestimmen Sie selbst, was Sie gerade sehen wollen oder werden Sie aktiv: Chatten, Voten oder die nächste Traumreise buchen. entavio stellt Ihnen all diese Möglichkeiten bereit und bietet Ihnen die interaktive Welt des Fernsehens von morgen schon heute“. Kritiker halten solche Formulierungen für ein geschicktes Lockmittel auf dem Weg zur „Fernseh-Maut“. Hat sich der Konsument erst einmal daran gewöhnt, für Zusatzleistungen zu zahlen, dann ist es bis zu adressierbaren Angeboten und schließlich bis zur Etablierung einer Satelliten-Netzgebühr nicht mehr weit, fürchtet der Bundesverband der Verbraucherschützer. Dessen für Medien zuständiger Referent, Michael Bobrowski, fordert außerdem, Endgeräte dürften – anders als beim entavio-Geschäftsmodell – grundsätzlich nicht Teil der Netze sein (siehe auch Standpunkt: „Warnung vor dem Etikettenschwindel“).

Mehrwert oder nur mehr Kosten?

Unklar bleibt, worin bei der neuen entavio-Plattform im Vergleich zu herkömmlichen digitalen Angeboten der Mehrwert besteht: Solange Premiere im Pay-TV-Markt seine beherrschende Position behält und entavio dazu statt Alternativen nur eine Kooperation bietet, bleiben neue Marktimpulse aus. Das sehen auch einige Hardware-Hersteller so und warten erst einmal ab. „entavio ist derzeit noch kein Thema für uns“, erklärte beispielsweise Technisat-Pressesprecherin Stephanie Jacobs während der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Einige Hersteller von Digital-Receivern befürchten außerdem, so wird in der Online-Enzyklopädie Wikipedia ausgeführt, „dass der entavio-Standard anderen Vermarktungsplattformen oder frei empfangbaren Kanälen den technischen Zugang zu den Empfangsgeräten erschweren könnte“ (Stand: 25.10.2007).

Fazit: Wer über die Satelliten-Plattform entavio herkömmliche Pay-TV-Angebote nutzen möchte, der zahlt mehr Geld als zuvor, denn er muss dafür zusätzlich monatlich eine „Infrastrukturgebühr“ in Höhe von 1,99 Euro entrichten. Wer sich von der Plattform neue Angebote erhofft, erhält zurzeit nur  die Kanäle von Sportdigital.TV, die aber auch online via IPTV zugänglich sind und eventuell bald zum Bestandteil des Premiere-Paketes werden könnten. Da bleibt für viele TV-Zuschauer der Mehrwert auf der Strecke.

Dr. Matthias Kurp

 

RÜCKBLICK: VERSCHLÜSSELUNG & SATELLITEN-ZUGANGSGEBÜHR IM FREE-TV

Erste Pläne für eine Verschlüsselung von Free-TV-Programmen wurden bereits 2004 von den beiden großen deutschen Senderfamilien unter dem Projektnamen „Blue“ diskutiert. Zwei Jahre später dann entstand die Astra-Plattform entavio (Arbeitstitel: „Dolphin“), unterstützt von der RTL Group (RTL, Vox, RTL 2, Super RTL, n-tv, RTL Shop), der ProSiebenSat.1 Media AG (ProSieben, Sat.1, Kabel 1, N24), MTV Networks (MTV, Viva, Nick, Comedy Central) und von NBC Universal (Das Vierte, SciFi). Gemeinsam wollten die Unternehmen eine Grundverschlüsselung von Free-TVProgrammen durchsetzen.

Geplant war eine Art monatliche Satelliten-Zugangsgebühr in Höhe von zunächst höchstens 3,50 Euro. Für diesen Betrag sollten Zuschauer eine Smartcard erhalten, mit der sich einzelne Programme freischalten lassen. Kosten wären den Haushalten dabei nicht nur für die neuen Gebühren entstanden, sondern auch für neue Receiver, die für den Einsatz von Zahlungskarten geeignet gewesen wären. Solche Set-Top- Boxen sollten in der Standard-Variante mindestens fünfzig Euro kosten.

Nachdem das Bundskartellamt angesichts des Duopols im privatwirtschaftlichen Free-TV-Markt (siehe Tabelle) und wegen des drohenden Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung eine Abmahnung angedroht hatte, zog sich die ProSiebenSat.1 Media AG im Dezember 2006 von dem entavio-Vorhaben zurück.

Im Februar 2007 signalisierte die entavio-Muttergesellschaft SES Astra ein Abrücken von der Verschlüsselung für Free-TV-Programme und erklärte, vorerst sollten nur Bezahlfernseh-Angebote verschlüsselt werden. Eine entsprechende Plattform startete im September und bietet seitdem Free-TV-Programme und Zugang zu Pay-TV-Paketen.   

Standpunkt // Warnung vor dem Etikettenschwindel

Von Dr. Michael Bobrowski; Referent Telekommunikation, Post und Medien im Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.

Die Diskussion über die Risiken und Nebenwirkungen einer „Grundverschlüsselung“ frei empfangbarer Fernsehprogramme beginnt schon mit einer irreführenden Begrifflichkeit. Bei dem, um das da gestritten wird, handelt es sich eben nicht um eine ansonsten folgenlose „Basis-Verschlüsselung“. Was sollte das auch sein? Vielmehr sehen sich Zuschauerinnen und Zuschauer verstärkt konfrontiert mit der Verschiebung eines bisher unentgeltlich und frei empfangbaren, nunmehr digital übertragenen Fernsehangebots in den Pay-TV-Sektor. ARD und ZDF sprechen daher zu Recht von einem „Etikettenschwindel“.

Zum Standpunkt

31.10.2007 | Beitrag erstellt von redaktion in television
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Tags: finanzierung Views: 1470

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