Bringt das IPTV nur einen neuen Verbreitungsweg für das klassische Fernsehen oder bedeutet es eine Konkurrenz? YouTube, Joost und Apple TV statt ARD, ZDF, RTL und Sat.1? Die Fernsehwelt wird immer unübersichtlicher. Der Medien-Showdown im Wohnzimmer hat begonnen.

 

„In fünf Jahren“, so erklärte Microsoft- Gründer Bill Gates Anfang des Jahres während des Weltwirtschaftsforums in Davos, „wird das Fernsehen tot sein – wir werden darüber lachen.“ Gates glaubt an die Zukunft des Mediums Internet und an PC-basierte Mediencenter fürs Wohnzimmer. „Wenn Sie auf die jungen Leute schauen: Die verbringen mehr Zeit mit ihrem PC, als sie fernsehen.“ Auch wenn die Vision des reichsten Mannes der Welt interessegeleitet ist, auch wenn Gates mit seinem Web-TVKonzept vor Jahren scheiterte: Inzwischen spricht vieles dafür, dass Fernsehen künftig immer mehr über das Internet-Protokoll (IPTV) erfolgt.

Das Videoportal YouTube – Ende 2006 für 1,65 Milliarden Dollar von Google übernommen – scheint TV-Inhalte aus aller Welt nahezu anzusaugen und wird zum Prototyp für nicht-linearen TV-Konsum. Einige Programmanbieter drohen wegen der Clip-Piraterie bereits mit Urheberrechtsklagen. Der TV-Konzern Viacom (MTV) hat YouTube wegen Urheberrechtsverletzungen auf eine Milliarde Dollar Schadenersatz verklagt.

Ende März vereinbarten News Corp. und NBC eine gemeinsame Video-Plattform. Kurz zuvor hatte YouTube ein neues Abkommen mit der BBC verkünden können. Die British Broadcasting Group will dem Shooting-Star unter den Videoportalen aktuelle Informationssendungen, Ausschnitte aus Comedy-Formaten und Dokumentarfilmen sowie speziell für YouTube produzierte Serien-Hintergrundberichte zur Verfügung stellen.

Drei BBC-Kanäle bei YouTube

Immer mehr TV-Stationen geht es darum, möglichst rasch solche Zuschauer zu binden oder gar zu gewinnen, für die das Fernsehen an Bedeutung verliert, während das Internet als Freizeit-Medium immer wichtiger wird. Die BBC verhandelte hart und erreichte, dass YouTube sogar drei neue Kanäle einrichtet: einen für das Programm von BBC, einen für BBC World und einen Newskanal. Anders als im BBCOnline- Angebot werden allerdings nicht die kompletten Programme bei YouTube gezeigt, sondern nur Ausschnitte. Die BBC profitiert von der Zusammenarbeit auch, weil sie beim Videoportal etwas machen darf, was dem britischen Public-Broadcaster im Heimatland eigentlich verboten ist: das Schalten von Werbung.

YouTubes spezifischer Wert besteht darin, dass sich täglich mehr als 100 Millionen Menschen aus dem virtuellen Archiv bedienen. Doch noch fehlt dem Google-Management offenbar eine Idee, um aus der Publikums- Masse Kapital zu schlagen. Angesichts von nur 15 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr wurde für das Videoportal ein sehr hoher Preis bezahlt. Um die enorme Summe von 1,65 Milliarden Dollar refinanzieren zu können, ist YouTube dringend auf attraktive Inhalte angewiesen – und die stammen meist aus TV-Programmen. „Ohne Fernsehen wäre YouTube arm dran. Die populärsten Filme sind Clips aus dem Fernsehen. Schätzungen gehen von 75 Prozent aus“, sagte Gerhard Zeiler, Chef der RTL Group, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Geschäft mit Online-Werbung

Ähnlich wie das Free-TV soll sich auch YouTube vor allem über Werbung finanzieren. Google-Produktchefin Marissa Mayer vermarktet Sponsoren-Hinweise vor und nach einzelnen Videos oder auch Spots in den einzelnen Clips. An den daraus resultierenden Werbeerlösen sollen alle, die über YouTube Videos zur Verfügung stellen, beteiligt werden, später vielleicht auch die Anbieter von Amateurvideos. Google-Mitbegründer Chad Hurley kündigte während des Weltwirtschaftsforums in Davos an, ein entsprechendes System werde noch in diesem Jahr eingeführt. Das Konzept ist nicht neu und wird von Konkurrenten wie revver.com oder eefoof.com bereits seit Mitte 2006 angeboten. YouTube muss also aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren.

In drei Jahren sollen in den USA nach Prognosen der Marktforscher von Screen Digest etwa 15 Prozent aller Online- Werbeeinnahmen auf Videoportale entfallen. Der Großteil aber wird in IPTV-Programme mit TV-Shows oder Soap- Operas fließen. Experten rechnen damit, dass sich in den kommenden Jahren immer mehr TV-Nischen- und Spartenkanäle im Internet durchsetzen werden. Das US-Network CBS betreibt schon heute ein Sport-Netzwerk namens College Sports Television, das via IPTV etwa 200 verschiedene Programme für unterschiedliche Sportarten anbietet.

Joost verabschiedet das Fernsehen

Zu denen, die nicht mit Videoclips, sondern vor allem mit Filmen und Serien im Netz Geld verdienen wollen, gehören auch Niklas Zennström und Janus Friis. Die beiden Skandinavier sorgten erst mit der Musik-Tauschbörse Kazaa für Furore und dann mit dem Internet-Telefondienst Skype, den sie schließlich für 2,6 Milliarden Dollar an eBay verkauften. Nun wollen die beiden Milliardäre mit einer Fernseh-Community im Internet Geld verdienen. „Goodbye Television. Hello Joost“, wirbt eine Homepage bereits für das gleichnamige Angebot. Zennström und Friis wollen das World Wide Web als Zuliefernetzwerk fürs Fernsehen einsetzen. Als Endgeräte sollen große TV-Monitore dienen, auf denen außer der Fernsehware auch Online-Applikationen nach dem Vorbild der Web-Communities abgebildet werden sollen.

Das gesamte TV-Erlebnis, so versprechen Zennström und Friis, werde besser sein als bei YouTube, sogar ein Zappen von Kanal zu Kanal sei vorgesehen. Zu diesem Zweck sollen TV-Stationen und professionelle Inhalte-Produzenten die Möglichkeit erhalten, Filme und Werbung auf die Plattform zu laden. Benutzergebühren (fürs Publikum) sind zunächst nicht geplant, Pay-TV-Modelle wären aber technisch möglich. Die Platzierung von Werbung macht Zennström der Konsumgüterbranche schmackhaft, indem er verspricht, Spots zielgerichtet auf die jeweiligen Adressaten abstimmen und ausstrahlen zu können.

Peer-to-Peer-Netzwerk

Fehlte für Joost lange ein Partner mit attraktiven Inhalten, so verbuchten die 150 Experten des Planungsteams inzwischen einen ersten Erfolg. Grund zum Jubeln gab ein Vertrag mit dem Viacom-Konzern, zu dem unter anderem das Filmstudio Paramount und TV-Kanäle wie MTV oder Comedy Central gehören. Offenbar will Viacom mit Joost ein starkes Gegengewicht zu YouTube aufbauen.

In einem Punkt scheint die neue Allianz in jedem Fall einen wichtigen Vorsprung zu haben: Die Bildqualität ist besser als bei den meisten Wettbewerbern. Videos oder gar komplette Filme, die sonst im Internet von zentralen Servern geladen werden, weisen häufig optische Mängel auf, weil es an Bandbreite fehlt. Dieses Problem soll bei Joost durch die Nutzung von Peer-to-Peer-Netzwerken gelöst werden. Dabei fungieren alle Bezieher eines Programms automatisch auch als dessen Weiterverteiler. Auf diesem Netzwerkeffekt basierte bereits das Kazaa-Modell, mit dem zugleich allerdings Urheberrechte verletzt wurden. Bei Joost sollen alle Daten per Streaming geliefert werden und sich so nicht von Nutzern speichern (und kopieren!) lassen. Darüber hinaus ist eine Sicherheitssoftware vorgesehen, um die Urheberrechte der TV-Programmanbieter umfassend schützen.

Zurzeit befindet sich Joost im Beta-Test, soll aber noch in diesem Jahr starten. Die Macher stehen ein wenig unter Zeitdruck, seit mit Zattoo (USA/Schweiz), Babelgum (Italien) und Skinkers (Großbritannien) ähnliche Projekte angekündigt wurden.

IPTV als Paralleluniversum

IPTV macht die Fernsehwelt unübersichtlicher. Traditionelle lineare Nutzung verliert an Bedeutung, auf dem Bildschirm herrscht kreatives Online-Chaos. Nachdem im klassischen Fernsehen Infotainment und Boulevard- Journalismus die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion längst aufgeweicht haben, bietet die bunte Welt von YouTube & Co. nun die konsequente Fortsetzung dieses Trends. Fernsehen im Internet kopiert und karikiert klassisches Fernsehen, bietet Fakten, Fiktion und Fakes in einem unübersichtlichen TV-Paralleluniversum, dessen Struktur sich im ständigen Wandel befindet.

Um die totale TV-Vernetzung voranzutreiben, bieten Hard- und Software-Hersteller neue Schnittstellen für IPTV an. Während der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas präsentierte Sony ein Internet- Modul, das Produktionen von Sony Pictures und Videoclips des Sony-Videoportals Grouper direkt – ohne Umweg über einen PC – auf TV-Geräte übertragen kann. Microsoft will spätestens im Herbst eine Software auf den Markt bringen, um die Spielkonsole Xbox 360 für IPTV aufzurüsten. Dann sollen sich Nutzer parallel zum Zuschauen auch gleich via Internet mit Freunden über das Gesehene austauschen können.

Medien-Showdown im Wohnzimmer

Apple will in einigen Wochen (für 299 Euro) eine Set-Top-Box für TV-Geräte anbieten, die drahtlos IPTV-Inhalte vom Online- Computer auf einen Fernsehmonitor überträgt. Via Apple TV lassen sich dann Filme und Musik des Online-Shops iTunes nicht nur auf den iPod überspielen, sondern zusätzlich auch auf stationäre TV-Entertainment- Einheiten.

Die IPTV-Technologie könnte für den Medien-Showdown im Wohnzimmer bald eine zentrale Rolle spielen. Voraussetzung dafür aber sind Hardware- und Software- Lösungen, die so einfach zu bedienen sind wie eine Fernbedienung beim Zappen.

Dr. Matthias Kurp

Hintergrundinfo // Status Quo: IPTV in Deutschland

Die drei umfangreichsten IPTV-Angebote in Deutschland werden von der Telekom („T-Home“), Hansenet („Alice“) sowie der ProSiebenSat.1 Media AG gemeinsam mit der United Internet AG („maxdome“) betrieben. Im kommenden Herbst soll auch für Arcor die IPTV-Ära beginnen. Das Unternehmen hat fünfzig Free-TV-Programme und weitere Pakete mit mehr als siebzig Pay-TV-Kanälen angekündigt.

Noch entwickelt sich die IPTV-Nachfrage in Deutschland zögernd. Bei einer repräsentativen Umfrage von TNS Emnid gaben zwei Drittel der Internetsurfer an, noch nie Fernsehen mit Hilfe von IPTV geguckt zu haben.

Im Rahmen der ARD/ZDF-Online-Studie 2006 wurde ermittelt, dass nur 48 Prozent aller deutschen Surfer über einen Breitbandanschluss verfügen. Nach Angaben der Bundesnetzagentur existierten Ende 2006 etwa 14,2 Millionen DSL-Netzanschlüsse in Deutschland (siehe obere Grafik). Wer IPTV in Fernsehqualität nutzen möchte, benötigt allerdings eine höhere Datenrate als die lange für den DSL-Einsteigertarif geltende Kapazität von 1 MBit/s. Die Marktforscher und Berater des Consulting-Instituts Goldmedia rechnen für 2010 mit 1,33 Millionen deutschen IPTV-Kunden. 

20.03.2007 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
Kommentar erstellen | Trackback-Link
Tags: hybrid-tv, internet Views: 1256

  •  
  • 0 Kommentar(e)
  •  

Mein Kommentar

Zurück

Kategorien

Medienforum Magazin

  • [+]2011
  • [+]2010
  • [+]2009
  • [+]2008
  • [+]2007

Letzte Kommentare

Archiv

Archiv

ARCHIV MEDIENFORUM.MAGAZIN

Das medienforum.magazin berichtet zweimal jährlich über aktuelle Themen der Medienbranche. Alle Texte finden Sie hier zum Download.