Musik-Koproduktionen: Keine Götterfunken

Standpunkt zum Artikel: Globale Spielräume entdecken
Von Jan Mojto, Filmproduzent und Geschäftsführer der EOS Entertainment GmbH

Es gibt wohl wenige Bereiche, die sich für europäische Koproduktionen mehr eignen als der Bereich der klassischen Musik: Das europäische Musikleben ist in all seinen unterschiedlichen Facetten seit jeher von der Koexistenz nationaler Strömungen, Schulen sowie Institutionen und einem transnationalen, interkulturellen Austausch geprägt. Geradezu paradox scheint vor diesem Hintergrund, dass der Fokus der europäischen audiovisuellen Produktionslandschaft heute immer mehr auf nationalen Märkten ruht und immer seltener den Horizont der „nationalen Eigenproduktionen“ überschreitet.

Die Rahmenbedingungen erfordern eigentlich mehr denn je ein „Europäisches Koproduktionssystem“: Der Quotendruck der öffentlich-rechtlichen Sender und die mitunter – historisch bedingt – sehr hohen Produktionskosten haben zu einer Abnahme der Präsenz klassischer Musik im Fernsehen geführt. Folgt man der Ansicht „Was nicht im Fernsehen ist, ist nicht in der Welt“, bedeutet dies letztlich den Verlust des Interesses an klassischer Musik, insbesondere bei jüngeren Zielgruppen.

Wenn also verhindert werden soll, dass klassische Musik aus dem Fernsehprogramm verschwindet oder aber – schlimmer noch – in den neu entstehenden audiovisuellen Medien gar nicht erst ankommt, sind neue Produktionswege unumgänglich.

Es bietet sich an, das bereits im Spielfilmbereich erfolgreich eingeführte Modell der europäischen Koproduktion auch für den Musikbereich zu übernehmen. So können nicht nur Kräfte gebündelt und neue Ressourcen gewonnen werden, sondern die mediale Darstellung würde endlich das reale Musikgeschehen widerspiegeln, welches ja bereits seit langem europäisch, wenn nicht global ausgerichtet ist. Zudem bietet sich so die Möglichkeit, das Musikleben nicht nur realitätsgetreu aus unterschiedlichen Wahrnehmungsperspektiven abzubilden und auf europäischer Ebene Herausragendes zu dokumentieren, sondern auch einem breiten Publikum in zeitgemäßer Aufmachung zugänglich zu machen. Gleichzeitig wird die heute unumgängliche mediale Positionierung europäischer Musikinstitutionen im globalisierten Musikbusiness gewährleistet.

Wie jeder zukunftsorientierte Ansatz verlangt jedoch auch die Etablierung eines europäischen Koproduktionsmodells ein neues Produktionsverständnis und entsprechende praktische wie finanzielle Voraussetzungen:

  1. Doppel- und Tripelaufzeichnungen desselben Repertoires sollten an den europäischen Opern- und Konzerthäusern vermieden werden, und zugleich sollten sich nationale Sender – vor allem im Interesse ihrer Zuschauer – auf „grenzüberschreitende“ Programme einschwören, die keineswegs zu Lasten der jeweiligen nationalen Besonderheiten im Musikbereich gehen werden.
  2. Bei den Filmförderungen, die sich ja auch als Kulturförderung begreifen, muss ein Umdenken erfolgen. Ausgerechnet Konzert- und Opernaufzeichnungen, als eine der wenigen TV-Produktionen überhaupt, werden bisher von nationalen Förderungen nur selten, von europäischen Förderungen überhaupt nicht bedacht, genauer genommen sind sie nicht einmal zugelassen. Gefördert werden – wenn überhaupt, dann auch nur sehr zögerlich – lediglich Dokumentationen über klassische Musik. So viel zu „Freude schöner Götterfunken“! 

20.03.2007 | Beitrag erstellt von Jan Mojto in film,standpunkt
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Tags: qualität, finanzierung, produktion Views: 1317

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