Das Berufsbild für Journalisten befindet sich im steten Wandel. Jenseits des „Learning by Doing“ entstehen inzwischen neue Ausbildungsmodelle für das crossmediale Arbeiten. Gefragt sind Content-Manager, originär journalistische Tugenden geraten in den Hintergrund, könnten aber eine Renaissance erleben.


Als in den 80-er Jahren die ersten Textverarbeitungssysteme für die Offset-Drucktechnik in den Zeitungsredaktionen eingeführt wurden, wehrten sich viele Journalisten dagegen. Doch der Trend war nicht aufzuhalten, der ökonomische Druck zwang die Verlage zu rationalisieren. Der Beruf des Setzers verschwand und mancher Redakteur fühlte sich als „Redaktroniker“. Inzwischen ist die Arbeit am Computer für Journalisten eine Selbstverständlichkeit, und mancher mag die digitale Technik nicht mehr missen: zum Beispiel der Fotoreporter, der nicht mehr mit Negativen und Entwickler hantieren muss, oder der Redakteur, der an seinem PC-Monitor das Layout präzise gestalten und im Bedarfsfall auch wieder ändern kann.

Außer der Vermittlungs- und Sachkompetenz ist der sichere Umgang mit digitaler Technik längst zum Teil journalistischer Fachkompetenz geworden. Erst mussten Print-Redakteure ihre Seiten selbst am Computer gestalten, dann lernten Hörfunk-Moderatoren den Umgang mit dem Selbstfahrer-Studio. Inzwischen drehen Videojournalisten ihre TV-Bilder selbst und montieren am Laptop einzelne Filmsequenzen zu kompletten Beiträgen. Und eines erledigen Journalisten der Sparten Print, Hörfunk und Fernsehen natürlich längst auch noch: Sie bereiten ihre Beiträge zusätzlich fürs Internet auf.

Multitasking und Stress-Resistenz

Eines ist nicht zu übersehen: Die Anforderungen an Journalisten steigen. Multitasking und Stress-Resistenz spielen beim Anforderungsprofil, das viele Medienunternehmen für ihre Mitarbeiter erstellen, längst eine mindestens ebenso große Rolle wie das originär journalistische Handwerkszeug. Die Qualität von Nachrichtenauswahl und Recherche, Redigieren und Reportieren spielt in der Diskussion kaum noch eine Rolle. Die Zauberformel der Branche heißt: „one Content, all Media“. Es geht um die Mehrfachverwertung von Inhalten. Dabei wird betriebswirtschaftlich argumentiert und von integrierten Wertschöpfungsketten geschwärmt.

„Content-Pool“ und „Learning by Doing“

Journalistische Inhalte avancieren zu „Content“, gelangen in einen „Content-Pool“ und sollen schließlich profitabel über möglichst viele mediale Plattformen verwertet werden. Im Internet hat die Konvergenz der Publikationsformen Print, Audio und Video längst begonnen. Verlage und Rundfunkstationen experimentieren mit News-Desks, IPTV oder Podcasts, Journalisten probieren neue Technologien aus, und das Motto heißt mal wieder „Learning by Doing“.

Um Journalisten besser auf die Zukunft vorzubereiten und entsprechende Weiterbildungsmodelle zu entwickeln, startete im Oktober 2004 im Rahmen des Leonardo da Vinci Programms ein europäisches Pilotprojekt: Zwölf Aus- und Weiterbildungseinrichtungen entwickelten ein modulares Ausbildungskonzept für die trimediale Journalismus- Weiterbildung. Deutscher Projektpartner war die Deutsche Hörfunkakademie in Oberhausen.

Weiterbildung für trimediales Arbeiten

Inzwischen bieten fast alle Hochschulen, Lehrinstitute und andere Akademien Kurse, Workshops oder Seminare an, bei denen Journalisten den Umgang mit dem Internet oder mit digitalen Foto- und Filmkameras erlernen können. Sie alle haben die Möglichkeit, auf das im EU-Projekt entwickelte Curriculum-Handbuch „Tri-Mediale Kompetenzen im Lokaljournalismus“ zurückzugreifen, das im vergangenen Jahr von der Deutschen Hörfunkakademie herausgegeben wurde. Dabei wird unter anderem vermittelt, wie Nachrichten optimal für die crossmediale Verwendung aufbereitet werden können („Storytelling“), wo die Stärken und Schwächen der einzelnen Medien liegen und wie die Hard- und Software zu bedienen ist.

Zeitdruck und Monotonie

Angesichts des großen Zeitdrucks bei aktuellen Massenmedien werden die Arbeitsprozesse im journalistischen Alltag immer stärker auf stereotype Routinen ausgerichtet. Es geht um Zeit- und Content- Management, um Konfektionierung von formatierten Inhalten und darum, in einem mehrstufigen Verfahren mit Hilfe von Schablonen binnen kürzester Zeit mehrere Kanäle (Print, Hörfunk, TV, Internet etc.) zu „bedienen“.

Angesichts der geschilderten Abläufe, die mehr auf eine rasche und attraktive Präsentation und immer weniger auf Hintergrundinformationen und journalistische Analyse angelegt sind, drohen im Arbeitsalltag vieler Journalisten weiter wachsender Zeitdruck und Monotonie. Aber die digitalen Medien, so lernen immer mehr Redaktionen, bieten auch Chancen: Während Printmedien und Rundfunk ihre Inhalte nur räumlich und/ oder zeitlich getrennt anbieten können, ermöglicht das Internet die Verzahnung von Text, Ton und (bewegten) Bildern.

Journalisten als Lotsen im Netz

Und noch etwas wird inzwischen in immer mehr Seminaren vermittelt: Das Medium Internet gehört den Journalisten nicht allein! Blogs und Podcasts, Verbraucher- Portale und Newsgroups haben längst eine „parajournalistische“ Sphäre geschaffen. Für professionelle Kommunikatoren bedeutet dies eine ständige Herausforderung. Einerseits gilt es, sich durch hohe journalistische Qualität von semiprofessionellen Inhalten abzugrenzen. Andererseits können von Nutzern erstellte Inhalte (User Generated Content) als Anknüpfungspunkt für redaktionelle Angebote gelten oder diese ergänzen.

Wurde der Journalist früher oft als Gatekeeper bezeichnet, weisen ihm viele Kommunikationswissenschaftler inzwischen die Funktion eines Lotsen zu, der für die Orientierung in Meer der multimedialen Informationen zuständig ist.

Warnung vor Deprofessionalisierung

Die Dynamik der geschilderten Prozesse und die Entgrenzung des Berufsbildes zugunsten technischer Tätigkeiten machen eine systematische Bildungsarbeit im Journalismus schwierig. „Auch die immer zahlreicheren Online-Volontariate lassen nicht erkennen, dass in ihnen bereits Wissen und Erfahrung systematisch weitergereicht werden, um die journalistische Professionalität zu stärken“, heißt es in einer Ende 2006 vom Deutschen Journalistenverband (DJV) herausgegebenen Broschüre. Darin problematisieren Ulrich Pätzold und Jürgen Dörmann das Spannungsfeld von „Journalismus und Professionalität“ und warnen vor einer Deprofessionalisierung.

Sollten künftig vor allem zeitökonomische und crossmediale Verwertungsaspekte in den Vordergrund des journalistischen Berufsbildes treten, könnte die Qualität dauerhaft auf der Strecke bleiben. Das Ergebnis wären stereotype Inhalte und Darstellungsformen. Massenmedien müssen aber genau das Gegenteil leisten, um in der Online-Flut der Informationen dauerhaft einen Mehrwert bieten zu können.

Anbieter von Seminaren zu traditionellen Themenfeldern wie der investigativen Recherche oder des Umgangs mit Reportage-Techniken haben es allerdings angesichts der in der digitalen Medienwelt herrschenden Crossmedia-Euphorie zurzeit nicht leicht. Ohne originelle Inhalte aber drohen Zeitungen und Rundfunkprogramme im Strudel der Gleichförmigkeit und Verwechselbarkeit unterzugehen. Deshalb fordern einige Medienforscher die Rückkehr zu alten Tugenden. Auch für die moderne Journalistenausbildung würde das eine Rückbesinnung auf drei altehrwürdige Kernkompetenzen bedeuten: Recherchieren, Reportieren, Redigieren.

Dr. Matthias Kurp

HINTERGRUNDINFO // CURRICULUM-LERNFELDER DES JOURNALISMUS

Vermittlungskompetenz
Darstellungs- und Präsentationsformen

Fachkompetenz
Journalistisches "Handwerk" und Medien-Fachwissen

Sachkompetenz
Ressort- und Orientierungswissen

Technische Kompetenz
Umgang mit Hard- und Software

Gestaltungskompetenz
Layout, Bild- und Tonschnitt

Ethikkompetenz
Selbstverständnis, Pressekodex, Rechtsgrundlagen

STANDPUNKT // PRO PROFESSIONELLEN JOURNALISMUS

Von Peter Klöppel RTL-Chefredakteur und Direktor der RTL Journalistenschule für TV und Multimedia

TV-Journalismus in der digitalen Welt bringt im Grunde zwei wichtige Aspekte mit sich...

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20.03.2007 | Beitrag erstellt von redaktion in specials
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Tags: ausbildung Views: 1099

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