Wer ihn schaut, möchte nicht gestört werden: Sonntag für Sonntag versammelt der „Tatort“ im Ersten einen Großteil der Fernsehnation um den Bildschirm. Mal voller Ernst und gesellschaftlicher Schwere, mal leichtfüßig und komisch: In mittlerweile mehr als 30 Jahren hat sich die Reihe zu einer der stärksten Programmmarken im deutschen Fernsehen und zum Krimi mit der größten Reichweite entwickelt. Dem Münsteraner Ermittlerteam schauten im Ersten kürzlich fast 12 Millionen Zuschauer zu. Immer wieder räumen einzelne Beiträge einen Fernsehpreis ab – zuletzt den Adolf Grimme Preis für den Film „Nie wieder frei sein“ vom Bayerischen Rundfunk.

So unterschiedlich die einzelnen Beiträge mit ihrem Lokalkolorit auch sind, so eint sie ein gemeinsamer Kern. Die „Tatort“-Filme sind längst mehr als ein kriminalistisches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem es nur darum geht, wer etwas wie getan haben könnte. Oft geht es auch um das „Warum“, das tief in verschiedene Milieus blicken lässt. Über die Jahre hat sich die Reihe zu einem Bilderbuch der deutschen Gesellschaft entwickelt und hat so manche Grenze ausgelotet: Welche Probleme darf ein „Tatort“ angehen, was darf er zeigen und wie derb darf ein Kommissar fluchen? Das sind die Themen, über die an deutschen Arbeitsplätzen seit vielen Jahren am Montagmorgen diskutiert wird.

Gebhard Henke, Fiction-Chef des WDR und Tatort-Koordinator der ARD, sieht die Reihe in der Tradition des anspruchsvollen Fernsehspiels. Die Krimihandlung ist dabei ein dramaturgischer Kniff, mit dem sich auch sperrige Themen angehen lassen. „Über die klar vorgegebene Krimi-Struktur können sich die Kommissare auch komplexen gesellschaftlichen Themen nähern“, erklärt Henke. Bei den Kölner Ermittlern Freddy Schenk und Max Ballauf gehörten in mittlerweile fast 50 Fällen unter anderem Ermittlungen im Obdachlosen-Milieu, Kinderhandel, Blutdiamanten und die Müllmafia dazu. Der aktuelle Fall der Kölner – „Keine Polizei“ – läuft am 27. Mai beim Festival Großes Fernsehen.

Ein „Tatort“ funktioniert auf mehreren Ebenen. Als Ermittler-Geschichte, als Sozialdrama und als Beziehungsfilm. Auch das Verhältnis der Ermittler untereinander ist für die Zuschauer ein wichtiger Einschaltfaktor. „Mindestens so wichtig wie der konkrete Fall selbst“, weiß Henke.

Der Tatort eint die Generationen. Auch der Nachwuchs ist auf den Geschmack gekommen. Das Internet spiele dabei eine große Rolle, erklärt Gebhard Henke. „Junge Zuschauer tauschen sich in ihren sozialen Netzen über die Filme aus und autorisieren sich gegenseitig den Konsum“, sagt er. Das gelte besonders für die Fälle aus Münster. Sie ziehen das jüngste „Tatort“-Publikum vor den Bildschirm.

Um die Reihe herum hat sich über die Jahre ein eigener Kosmos gebildet. Monatlich sendet der ARD-Hörfunk einen „Radio Tatort“ als Hörspiel. Unabhängig von der ARD ließ der Video-Podcast „Das Wort zum Mord“ zwischen Februar und April dieses Jahres Prominente die einzelnen Beiträge kommentieren. Während der Erstausstrahlung der Filme toben bei Twitter und Facebook rege Diskussionen. Zu Hause und in Kneipen trifft man sich zum „tatorten“ in großer Runde. Bei der ARD greift man den Trend auf und denkt derzeit darüber nach, wie sich das offenbar große Bedürfnis der Zuschauer nach einem gemeinschaftlichen Fernseherlebnis am Sonntagabend in einem Eventkonzept umsetzen lässt.

 

Jochen Voss

16.05.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in television
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