TV-Trends // Scripted Reality und ein Hauch von Hollywood

Das TV-Geschäft wird immer internationaler: Scripted-Reality-Dokus made in Germany sind nicht nur in Deutschland, sondern zunehmend auch im Ausland erfolgreich. Mit der Sat.1-Serie „Danni Lowinski“ mittlerweile sogar eine hochwertige deutsche Produktion von einem US-Network adaptiert werden.

Holger Andersen, Programmchef bei RTL II, kennt kein Trash-TV. „Für mich gibt es nur gut oder schlecht gemachte Unterhaltung“, sagt er. Bei all den Diskussionen um das Für und Wider des nur recht unscharf abgegrenzten Begriffs Scripted Reality nimmt er eine pragmatische Haltung ein. „Wir sollten uns freuen, dass es endlich ein neues Genre gibt“, betont er. „Immer wenn es fiktional wird, kommen die Debatten. Beim Quiz hat doch auch keiner die Qualitätsfrage gestellt“.

Nachdem sich RTL im Frühjahr 2008 endgültig von den Gerichtsshows verabschiedet hatte, scheiterten zunächst mehrere Versuche, die Lücke am Nachmittag zu schließen. Der Erfolg stellte sich erst im Sommer 2009 ein. Mit den Filmpool-Produktionen „Familien im Brennpunkt“ und „Verdachtsfälle“ übersprang RTL bei den Zuschauermarktanteilen aus dem Stand die Zwanzigprozentmarke in der werberelevanten Zielgruppe. Damit konnte die Konkurrenz von Sat.1, die nachmittags mit ihren Gerichtsshows lange Marktführer war, in der Publikumsgunst wieder überholt werden. Schnell folgten bei RTL Staffelproduktionen weiterer Formate. Auch die von Stampfwerk produzierte Reihe „Die Schulermittler“ wurde auf dem 17-Uhr-Sendeplatz zum Hit, ebenso wie die „Betrugsfälle“, hergestellt von Norddeich.

Fiction mit Reportagetechnik

Der Clou der neuen Formate, die zum großen Teil ohne wiederkehrende Figuren auskommen: Vor der Kamera agieren größtenteils Laiendarsteller. Sie improvisieren Dialoge, die im dokumentarischen Stil mit einer einzigen Kamera aufgenommen werden. So lassen sich mit einfacher Reportagetechnik – meist ohne den für TV-Fiction üblichen Gegenschuss – Geschichten zeigen, wie sie zuvor in den Gerichtssälen der Courtshows von den Beteiligten nur nacherzählt werden konnten. In der Filmpool-Datei befinden sich mehr als 100.000 Hobbyschauspieler. Die Arbeit mit Laien vor der Kamera ist nicht neu, wird aber wegen der geringen Kosten immer wichtiger. Erstmals zum Einsatz kamen Laien, als sich Filmpool im Jahr 2000 dazu entschied, für die Gerichtsshow „Richterin Barbara Salesch“ nicht mehr echte Fälle nachzuspielen, sondern auf erfundene Wirklichkeit (Scripted Reality) zu setzen, die dann mit Laien inszeniert wurde. Seitdem gewinnt das Genre an Bedeutung.
Auch in Kurzkrimis im dokumentarischen Stil lassen die Fernsehmacher schon seit einigen Jahren Laiendarsteller als Episodenfiguren antreten. Dies ist bei „Niedrig und Kuhnt“ (Filmpool) ebenso der Fall wie bei „Lenssen und Partner“ und „K11 – Kommissare im Einsatz“ (beide Constantin Entertainment). Die Dokureihe „Mitten im Leben“, die abwechselnd von mehreren Produzenten hergestellt wird, war schon vor der neuen Nachmittagsprogrammierung von RTL im Sommer 2009 mit erdachten Familiengeschichten erfolgreich. Doch die RTL-Erfolge „Familien im Brennpunkt“ und „Verdachtsfälle“ sowie die auf soziale Konflikte programmierten Urlaubsflirtepisoden „X-Diaries“ (Filmpool) bei RTL II führten die Scripted-Reality-Welle im vergangenen Jahr zu einem ersten Boom.
Für viele Feuilletonisten und TV-Qualitätshüter ist die neue Programmfarbe, die in dokumentarischem Filmstil erdachte Geschichten in künstlich konfliktbeladenem Duktus erzählt, ein Graus. RTL-II-Programmchef Andersen sieht jedoch in der Kritik eine Bestätigung für die Programmmacher. „Die Frage nach der Qualität und danach, ob man etwas machen darf, ist meist ein Indiz dafür, dass etwas neu, bahnbrechend und erfolgreich ist“, sagt er. Scripted Reality sei nichts anderes als günstig gemachte Fiction, die – gemessen an den üblichen Budgets – für Daytime-Verhältnisse immer noch recht aufwendig produziert werde.

Scripted Reality erobert Primetime

Überrascht hat Andersen, dass Scripted-Reality-Produktionen bei RTL II auch in der Primetime ihr Publikum finden können. Im vergangenen Herbst erzielten „X-Diaries“-Folgen auch nach 22 Uhr akzeptable Werte. „Für uns ist das eine Form von Fiction, die überall funktioniert“, erklärt er. Allerdings müsse man am Look der Formate arbeiten, um das Genre langfristig zur Hauptfernsehzeit im Wettbewerb mit „Hochglanzproduktionen“ konkurrenzfähig zu machen. Dort dominieren traditionell die öffentlich-rechtlichen Reihen und Serien (siehe Tabelle „Die erfolgreichsten Primetime-Reihen und -Serien 2010“) sowie aufwendige Doku-Soaps wie „Bauer sucht Frau“ oder in diesem Frühjahr „Undercover Boss“ (beide RTL).
Auch für Filmpool-Geschäftsführer Stefan Oelze ist klar, dass sich Sendungen wie „Verdachtsfälle“ und „Familien im Brennpunkt“ aufgrund ihres Storytelling und ihrer Produktionsweise nicht eins zu eins in den Hauptabend übertragen lassen. „Wir denken aber sehr konkret über die Erweiterung um andere Genres nach“, verrät er und erwähnt als Beispiel das Mystery-Segment. In Sachen Comedy zeige das Brainpool-Format „Stromberg“ (ProSieben) eine mögliche Richtung auf, wie eine dokumentarische Erzählweise gelingen könnte. Für die Access-Primetime (17:00 bis 20:15 Uhr) arbeitet Filmpool derzeit mit RTL II an der Sendung „Berlin – Tag & Nacht“, für die Geschichten auf der Grundlage der tatsächlichen Biografien und Eigenschaften von Laiendarstellern entwickelt werden.
Der große wirtschaftliche Erfolg von Scripted Reality steckt in der Produktionslogistik: Fiktionale Fälle, deren Konflikte und Emotionen sich beliebig steuern lassen, werden mit einem kleinen Team gedreht. Einer der großen Wettbewerbsvorteile der Produktionsfirma Filmpool, die pro Jahr mehr als 1.000 Programmstunden produziert, liegt im Know-how der effizienten Abläufe, dem Umgang mit Laiendarstellern und der gewaltigen Castingkartei, in die jede Woche etwa 500 neue Adressen aufgenommen werden. Den Begriff Fließbandarbeit aber hören Scripted-Reality-Produzenten nicht gerne. „Es gibt ja keine Schablone oder Stanzmaschine, mit der wir produzieren“, argumentiert Filmpool-Geschäftsführer Oelze und benutzt lieber den Begriff der Manufaktur. Jede Sequenz sei „handgemacht“, alle Formate hätten ihre eigene Struktur im Storytelling, sodass genügend Freiraum für die Kreativität der Mitarbeiter bleibe.

Adaptionen im Ausland

Filmpool ist inzwischen auch im Ausland erfolgreich: In Polen und der Ukraine läuft „Familien im Brennpunkt“. „Verdachtsfälle“ ist zusätzlich noch in Russland und Frankreich zu sehen. Die internationalen Partner bleiben bei ihren Adaptionen nah an den jeweils vorliegenden Büchern, passen sie jedoch nach Beratung durch Filmpool den jeweiligen Lebensrealitäten an. In Polen zum Beispiel würde man aufgrund der totalitären Vergangenheit nicht so schnell freiwillig die Polizei aufsuchen, hier wende man sich bei Problemen eher an einen Anwalt.
Welches Genre international im Tagesprogramm vorherrsche, sei auch von der jeweiligen Größe des Marktes und damit von verfügbaren Budgets abhängig, weiß Jens Richter, Geschäftsführer des ProSiebenSat.1-Vermarkters SevenOne International. „In Ländern, die von US-Reality geprägt sind, ist es schwer, sich gegen die echten Hubschrauberjagden durchzusetzen“, verrät Richter. Das „halbechte Drama“ sei hingegen eine deutsche Kompetenz.

Noch mehr Exporterfolge

Für RTL-II-Programmchef Andersen ist es wenig überraschend, dass ausgerechnet in Deutschland mit verhältnismäßig kleinem Budget hervorragende Ergebnisse erzielt werden. Angesichts des harten Wettbewerbs müsse man einfach günstig und in hoher Qualität produzieren. Auch deutsche TV-Movies und Serien erfreuen sich international großer Beliebtheit. Die Liste von Exportschlagern reicht vom Format „Alarm für Cobra 11“ (Action Concept für RTL), das in mehr als 120 Ländern zu sehen ist, über „Um Himmels Willen“ (ndF für die ARD) und „Weißensee“ (Ziegler Film für die ARD) bis zu aufwendigen Event-Mehrteilern oder Katastrophen- und Abenteuerfilmen wie „Vulkan“ (Teamworx) oder „Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen“ (Dreamtool). Der ProSiebenSat.1-Vermarkter SevenOne International sorgte jüngst für eine kleine Sensation: „Danni Lowinski“ (Phoenix Film für Sat.1) wird nicht nur für das belgische Fernsehen adaptiert, sondern als erste deutsche Serie vom Network The CW auch für den US-Markt. Programmvermarkter Telepool platziert derzeit als internationale Adaption die RTL-Serie „Doctor’s Diary“ (Polyphon). In Russland wurden bereits Verträge unterschrieben und in den USA gebe es großes Interesse, heißt es.
„Die englischsprachigen Märkte sind aufgewacht und haben erkannt, dass es in Deutschland eine hervorragende Autoren- und Produzentenlandschaft gibt – mit Produktionen, die durch Genrevielfalt und hohe Produktionsqualität überzeugen“, beschreibt Executive Vice President von Telepool, einen neuen Trend. Allerdings lassen sich deutsche Produktionen selten eins zu eins exportieren. Dann sind – nicht nur wegen der Sprache – Adaptionen gefragt. So müssen etwa bei „Danni Lowinski“ Humor, aber auch – ähnlich wie bei den Scripted-Reality-Beispielen – soziale Probleme und ethnische Hintergründe kulturbedingt angepasst werden.

Steigende Produktionswerte

Während neuerdings deutsche TV-Produktionen für amerikanische Firmen wegen niedriger Kosten und kreativen Storytelling an Ansehen gewinnen, berücksichtigen umgekehrt auch US-Firmen stärker ihre Exportchancen bereits bei der Konzeption neuer Serien. So schafften es Formate wie „CSI“ und „Dr. House“ in Deutschland wieder in die Primetime. „Man tat das, was vorher eher das Kino gemacht hat: Man fing an, Geld zu zeigen“, erklärt Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger die gestiegene Qualität der US-Importe seit rund zehn Jahren. Mittlerweile gelten die internationalen Verkäufe in der Finanzstrategie offenbar nicht mehr als Zusatzerlöse, sondern gehören von Anfang an zur Grundfinanzierung. In Europa wird es allmählich schwerer, mit dem gestiegenen Production Value mitzuhalten. Europäische Unternehmen reagieren und übernehmen die US-Produktionsweisen.
Bei „Borgia“ – einem historischen Serienprojekt unter Beteiligung von Jan Mojtos Firma Eos Entertainment – hält Autor und Produzent Tom Fontana als Show Runner, also als Leiter der Serienproduktion, alle kreativen Fäden in der Hand. So wurde bei den Produktionsarbeiten in Prag von Anfang an auch bei wechselnden Regisseuren auf Kontinuität und Kostendisziplin geachtet. Dieses Produktionsprinzip stammt aus den USA. Um das Budget von 25 Millionen Euro für die zwölf Teile der ersten Staffel zu stemmen, bündeln das ZDF und der französische Canal+ ihre Kräfte. „Borgia“ steht zugleich mitten im direkten Konkurrenzkampf zwischen Europa und den USA: Bereits im April startete beim US-Bezahlsender Showtime mit „The Borgias“ eine Serie, die sich ebenfalls der Adelsfamilie aus dem 15. Jahrhundert widmet.
„Auch in den USA wird es immer schwieriger, die großen Budgets aufzustellen“, berichtet Ignatiew von Telepool und sieht europäische Produzenten schon fast auf Augenhöhe mit Hollywood. Die Suche nach internationalen Partnern beginne in immer früheren Stadien der einzelnen Filmprojekte. Auch Jens Richter von SevenOne International hofft auf weitere Deals. „Die Entscheider dort sind in der Regel rationale Zahlenmenschen“, sagt er. Das sei für deutsche Produktionen ein großer Vorteil.

 

Jochen Voß

 

Standpunkt // Made in Germany: Billig, aber sexy

Von Peer Schader, freier Medienjournalist

Jetzt scheinen die Deutschen tatsächlich einmal einen Trend gesetzt zu haben. Die mit Laiendarstellern inszenierten Geschichten sind weder besonders kreativ noch besonders ästhetisch, sondern brutal simpel und geradlinig. Aber wenn Deutschlands größter Privatsender damit im Nachmittagsprogramm die Konkurrenz fast komplett verdrängt, kann man sich dem wohl auch nicht so richtig entziehen.

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06.05.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in television
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